„Wir suchen Unternehmen im Dornröschen-Schlaf“

Immer mehr Anleger kaufen dieselben Unternehmen. Das hat Folgen für den Börsenkurs großer Konzerne: Die Bewertungen vieler Blue Chips sind im vergangenen Jahr stark gestiegen. Dies ist besonders auffällig im Verhältnis zu kleineren und mittelgroßen Unternehmen. Das spielt dem Fondsmanager-Duo von Paladin in die Karten.
8. September 2021
Matthias Kurzrock (li.) Marcel Maschmeyer (re.) - Foto: Paladin

Immer mehr Anleger kaufen dieselben Unternehmen. Das hat Folgen für den Börsenkurs großer Konzerne: Die Bewertungen vieler Blue Chips sind im vergangenen Jahr stark gestiegen. Dies ist besonders auffällig im Verhältnis zu kleineren und mittelgroßen Unternehmen. Das spielt dem Fondsmanager-Duo von Paladin in die Karten.

„Durch den Drang zu ETFs, passivem Anlegen oder auch Themenfonds, die oft Sektoren übergewichten, welche bei den ESG-Kriterien besonders leicht punkten, bündeln sich immer mehr Investments in denselben großen liquiden Unternehmen. Die Folge: Anleger kaufen, überspitzt gesagt, immer öfter dieselben Unternehmen. Dabei würden sie sich, langfristig gedacht, gerade mit Aktien aus der zweiten oder dritten Reihe einen Vorteil erarbeiten. Diese Unternehmen sind aus unserer Sicht noch nicht so teuer und großen Konzernen in Sachen Entwicklungsperspektive im Schnitt sogar überlegen. Die Überbewertung von global agierenden, breit aufgestellten Unternehmen im Verhältnis zu Small- und Mid-Caps war selten so hoch wie jetzt. Das Timing für Aktien im Segment kleinerer und mittelgroßer Unternehmen ist folglich interessant.

Entscheidungsfaktor Geschäftsmodell: Warum wir keine Nestlé kaufen

Es ist selten, dass der Zeitpunkt, wo wir uns etwas sehr genau ansehen auch der Moment ist, in dem wir investieren. Unserer Meinung nach zählen andere Eigenschaften als Kaufsignal für ein konzentriertes Portfolio. Warum kaufen wir beispielsweise keine Nestlé? Das Unternehmen ist uns zu breit aufgestellt mit vielen Produkten, die sich teils selbst kannibalisieren. Das mag zwar in Summe recht stabil sein, aber es fehlt solchen großen Unternehmen häufig die Perspektive, sich aus eigener Kraft heraus dynamisch weiterzuentwickeln. Micro‑, Small- und Mid-Caps sind agiler und haben spezifischere Geschäftsfelder, die leichter zu beurteilen sind und sich dynamischer entwickeln können. Mit unserem Fokus auf planbaren, klaren Geschäftsmodellen suchen wir Unternehmen, die ihre Zukunft und ihr Wachstum eigenständig gestalten können und deren Rahmenbedingungen möglichst unabhängig von externen Entwicklungen und Makroereignissen wie Inflation sowie Konjunktur sind.

Entscheidungsfaktor Planbarkeit: Erlösströme im innovativen Teil des Infrastruktursektors

Darüber hinaus überzeugt uns Planbarkeit und Innovation, wie wir sie bei kleineren oder mittelgroßen Unternehmen im Infrastruktursektor finden konnten. Zum Beispiel bei unserem jüngsten Portfoliozugang Havila Kystruten, einer norwegischen Schifffahrtsgesellschaft für die international bekannten Hurtigruten. Für den Betrieb eines Schiffes auf den Hurtigruten bedarf es einer Konzession, die der norwegische Staat erteilt. Der jahrelang monopolistisch geprägte Markt wurde 2018 aufgeweicht. Havila Kystruten konnte vier von insgesamt 11 Konzessionen gewinnen und gab danach vier werftneue Schiffe mit besonders umweltfreundlichem Antrieb in Auftrag. Die Kombination aus LNG (Flüssig-Erdgas) und Batterien ermöglicht den Passagieren zudem ein gänzlich anderes Erlebnis, wenn sie flüsterleise durch unberührte Natur segeln. Die vier neuen Schiffe erfüllen bereits heute Umweltvorgaben, die ab dem Jahr 2025 verbindlich gelten werden – null Emissionen in Häfen und Fjorden. Der norwegische Staat bezuschusst den Betrieb der Schiffe. Hinzu kommen Umsätze mit vergünstigten Tickets für Pendler, die ganzjährig unterwegs sind. Durch diese stabilisierenden Faktoren sollte das Unternehmen im eingeschwungenen Zustand in der Lage sein, selbst bei geringer Auslastung durch Tourismus, profitabel zu wirtschaften. Zwar wird die Entwicklung auch von dem weiteren Verlauf der Corona-Pandemie abhängen, für unsere Kunden entsteht jedoch aufgrund der Art der Beteiligung ein attraktives Chancen- / Risikoprofil: Wir sind im Rahmen einer Privatplatzierung anteilig an den Kosten der Schiffe beteiligt, zahlen allerdings keine Prämie für den durch die Konzessionen und die bisherige Aufbauarbeit entstandenen Unternehmenswert.

Entscheidungsfaktor „Früher Vogel“: Durch Research der Euphorie-Blase zuvorkommen

Im Rahmen unseres Researchs versuchen wir abzuschätzen, wann eine Konstellation entstehen könnte, in der sich Umstände so zum Positiven drehen, dass Wert und Kurs eines Unternehmens steigen. Wir suchen gezielt nach solchen Wahrnehmungsphasen, wie wir sie bereits im Herbst 2019 bei den Versandapotheken Zur Rose und Shop-Apotheke, zwei früheren Investments, ausmachen konnten. Damals hatte uns die Perspektive auf die gesetzliche Einführung für das elektronische Rezept so begeistert, dass wir bei beiden Unternehmen einstiegen. Nach einer fulminanten Veränderung der Wahrnehmung durch die Corona-Pandemie konnten wir die Aktien nach knapp einem Jahr wieder verkaufen – vor der praktischen Umsetzungsphase mit all ihren Fragen: Wie lange dauert es, bis das Rezept tatsächlich eingeführt wird? Drängen weitere Wettbewerber auf den Markt? Kann das Wachstum reibungslos verarbeitet werden? Auf Phasen starker Euphorie folgt häufig eine Phase, wo die Risiken stärker in den Fokus rücken. Kurzum: Die Euphorie-Blase entleert sich gerne auch mal wieder. Bei einigen Unternehmen aber ist die Umsetzungsphase so risikoarm und gut planbar, dass wir investiert bleiben. Blue Elephant Energy AG ist ein Beispiel dafür: Der 2016 gegründete Solar- und Windparkbetreiber plante den Börsengang zunächst im dritten Quartal dieses Jahres. Dann stieg der BioNTech-Großaktionär (das Family Office Athos KG) ein und sicherte die Finanzierung der nächsten Wachstumsphase. Die verkündeten Börsenpläne sind damit vorerst vom Tisch. Der von Athos im Rahmen der Kapitalerhöhung akzeptierte Preis liegt fast 200 Prozent über dem Kurs, den wir Ende 2018 bezahlt haben und 85 Prozent über der Bewertung der letztjährigen Kapitalerhöhung. Die steigende Bewertung spiegelt die erfolgreiche Unternehmensentwicklung eindrucksvoll wider. Der Kurs ist gestiegen, aber der Wert des Unternehmens konnte schritthalten. (ah)

Matthias Kurzrock (li.) und Marcel Maschmeyer (re.) — Foto: Paladin

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