Zwischen Bits und Bäumen: das Arbeitsplatzdesign der Zukunft

Die Arbeitswelt durchläuft eine rasante digitale Transformation. Doch wie gelingt es, Bürogebäude nicht nur technologisch auf den neuesten Stand zu bringen, sondern gleichzeitig das Wohlbefinden und die Bedürfnisse ihrer Nutzer in den Mittelpunkt zu rücken? Ein Projekt in Münchens Ludwigsvorstadt will dies durch die Kombination aus räumlicher Vielfalt, smarter Technik und biophilem Design erreichen.
25. März 2025
Stefan Schillinger - Foto: Copyright Leonie Lorenz / ACCUMULATA

Die Arbeitswelt durchläuft eine rasante digitale Transformation. Doch wie gelingt es, Bürogebäude nicht nur technologisch auf den neuesten Stand zu bringen, sondern gleichzeitig das Wohlbefinden und die Bedürfnisse ihrer Nutzer in den Mittelpunkt zu rücken? Ein Projekt in Münchens Ludwigsvorstadt will dies durch die Kombination aus räumlicher Vielfalt, smarter Technik und biophilem Design erreichen.

Die Evolution des Arbeitsplatzdesigns
In den 1980er-Jahren erkannte der niederländische Architekt Erik Veldhoen, dass Menschen je nach Aufgabe unterschiedliche Arbeitsumgebungen bevorzugen. Zu jener Zeit dominierten zwei Bürotypen: das Großraumbüro und das Zellenbüro. In Großraumbüros litten die Beschäftigten oft unter Lärmbelastung und fehlender Privatsphäre, während Zellenbüros isolierend wirkten und spontane Kommunikation erschwerten. Veldhoen erkannte, dass keine dieser Umgebungen allein den unterschiedlichen Anforderungen moderner Arbeit gerecht wird, und entwickelte das Konzept des Activity-Based Workings (ABW).

Unternehmen wie Google, Microsoft und Airbnb haben das ABW-Konzept übernommen. Sie setzen auf flexible, smarte Arbeitsumgebungen, die eine Vielzahl von Aufgaben und Arbeitsstilen zulassen. Die Arbeitsbereiche sind modular gestaltet und ermöglichen einen einfachen Wechsel zwischen individuellen und kollaborativen Aufgaben. Anstatt einen festen Schreibtisch zu haben, wählen die Beschäftigten beim ABW den für ihre aktuelle Aufgabe besten Ort: Konzentrationsbereiche schaffen Rückzugsorte für fokussiertes Arbeiten, während individuelle Arbeitsräume speziell für vertrauliche Gespräche oder virtuelle Meetings gestaltet sind und Collaboration Spaces die Teamarbeit an Projekten unterstützen.

Ergänzt werden diese funktionalen Bereiche durch Community Spaces, die eine entscheidende Rolle für die Förderung von Kommunikation und Zusammenarbeit spielen. Ihre Möblierung trägt wesentlich dazu bei, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Menschen wohlfühlen und ungezwungen ins Gespräch kommen können. Eine flexible Einrichtung – beispielsweise durch leichte, mobile Sessel oder modulare Sofas – ermöglicht, den Raum schnell und unkompliziert an verschiedene Nutzungsformen anzupassen. So können etwa lockere Gesprächsrunden durch das Zusammenstellen von Sitzgelegenheiten entstehen. Diese Flexibilität macht den Raum zu einem lebendigen Treffpunkt, der vielfältige Interaktionen unterstützt.

Activity-Based Working (ABW) gewinnt derzeit rasant an Bedeutung, da es den Anforderungen moderner Arbeitswelten gerecht wird. Hybride Arbeitsmodelle und die Digitalisierung fördern die Vielfalt von Arbeitsorten und flexible Arbeitsweisen, während zugleich Büroflächen effizienter genutzt und Kosten gesenkt werden können. Zudem steigert ABW durch nutzerorientierte Arbeitsumgebungen die Mitarbeiterzufriedenheit und Produktivität. Angesichts der Post-Pandemie-Neuorientierung und nachhaltiger Unternehmensstrategien wird ABW zu einem zentralen Element moderner Bürogestaltung.

Smarte Technologien
Mit der zunehmenden Flexibilität der Einsatzorte gewinnt die Fähigkeit, Arbeitsplätze mithilfe digitaler Technologien ad hoc zu individualisieren, entscheidend an Bedeutung. Smarte Technologien ermöglichen es, Arbeitsumgebungen unmittelbar auf persönliche Bedürfnisse abzustimmen und zugleich eine ressourceneffiziente Nutzung sicherzustellen. Automatisierte Systeme regeln Licht, Temperatur, Beschattung und Luftqualität bei Bedarf auch zonenweise. Präsenz- und Bewegungssensoren gewährleisten, dass Energie nur dort eingesetzt wird, wo sie benötigt wird, und schaffen so ein Gleichgewicht zwischen Komfort und Ressourcenschonung.

Eine leistungsstarke digitale Infrastruktur ist ein weiteres Schlüsselkriterium für zukunftsfähige Büros. Sie bildet die Grundlage für die Vernetzung, Flexibilität und Sicherheit moderner Arbeitsplätze. Diese Infrastrukturen müssen nicht nur aktuellen Anforderungen gerecht werden, sondern auch skalierbar sein, um zukünftige Entwicklungen und technologische Fortschritte zu unterstützen.

Ein Beispiel aus der Praxis
Das Büroprojekt „The Stack“ in Münchens Ludwigsvorstadt will diese Anforderungen in der Praxis umsetzen. Es wird auf sieben Geschossen rund 17.000 m² flexibel gestaltbare Mietflächen umfassen. Bereits in der Planungsphase werden potenzielle Anforderungen an das Raumprogramm durch Phantomgrundrisse berücksichtigt, die verschiedene Nutzungsmodelle vorab simulierten.

Diese Flexibilität setzt eine technische Gebäudeausrüstung voraus, die so ausgelegt ist, dass sowohl großflächige Open-Space-Konzepte als auch kleinteilige Bürostrukturen mit minimalem Aufwand realisiert werden können. Die Gebäudeautomation muss die Unterteilung der Rohr- oder Leitungssysteme für Heizung und Kühlung in Segmente ermöglichen, die je nach Bedarf individuell gesteuert werden können – von großflächigen Zonen bis hin zu kleinteiligen Raumabschnitten.

Präsenzmelder und eine prädiktive Steuerung, die Wetterdaten in Echtzeit berücksichtigt, optimieren künftig den Energieverbrauch und sorgen gleichzeitig für Komfort. CO₂-Sensoren und variable Lüftungssysteme passen die Luftqualität dynamisch an die Raumbelegung an. Diese intelligente Gebäudetechnik reduziert nicht nur die Betriebskosten, sondern erfüllt auch die strengen Anforderungen für angestrebte DGNB- und LEED-Zertifizierungen in Platin, die heutzutage als Maßstab für zukunftsfähige Büroimmobilien gelten.

Neben diesen etablierten Nachhaltigkeitsnachweisen gewinnen WiredScore- und SmartScore-Zertifizierungen zunehmend an Bedeutung.  Sie stehen für die Qualität und Zukunftsfähigkeit der digitalen Infrastruktur. Im „The Stack“ wurde die WiredScore-Zertifizierung bereits in Platin erreicht, während bei SmartScore eine Vorzertifizierung hierfür vorliegt. Mehrfach vorhandene Glasfaseranschlüsse von unterschiedlichen Providern und Gebäudeseiten sollen das Risiko von Internetausfällen minimieren – besonders essenziell für Mieter mit höchsten Sicherheitsanforderungen. Daneben bietet das Gebäude eine hybride Zutrittslösung: Der Zugang kann sowohl über ein Smartphone als auch über klassische Badges erfolgen, um eine nahtlose und transparente Bewegung von der Tiefgarage bis in die Mietflächen zu gewährleisten.

Biophilic Design gegen Technostress
Wenn Bildschirme, smarte Tools und automatisierte Prozesse mit ständigen Benachrichtigungen, automatischen Updates und Systemmeldungen überhandnehmen, ist die Gefahr der Reizüberflutung groß. Dieses Phänomen namens Technostress umfasst Symptome wie mentale Erschöpfung, Schlafstörungen und verminderte Produktivität.

Während Technostress durch eine Überflutung von digitalen Reizen entsteht, setzt der Gestaltungsansatz des Biophilic Designs auf visuelle, akustische und haptische Reize, die aus der Natur inspiriert sind, wie Pflanzen, Tageslicht, natürliche Materialien oder Wasserflächen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Kontakt mit natürlichen Elementen die Herzfrequenz und den Cortisolspiegel senkt und gleichzeitig kognitive Leistungen wie Konzentration und Problemlösungsfähigkeit steigert.[1] Bereits 5 bis 20 Minuten visuellen Naturkontakts reichen aus, um messbare positive Effekte auf das psychische und physiologische Wohlbefinden zu erzielen.[2] Ein Bericht der Harvard School of Public Health zeigt, dass Menschen in Büros mit biophilem Design um 15 Prozent produktiver sind und weniger Krankheitstage haben.

Im „The Stack“ sollen die bepflanzten Auskragungen an der Fassade nicht nur das Erscheinungsbild beleben, das Mikroklima verbessern oder die Biodiversität fördern, sondern auch kognitive Belastungen vorbeugen. Im Inneren des Gebäudes manifestiert sich das Biophilic Design durch extensive Verwendung von Holz und Bepflanzungen sowie lichtdurchflutete Räume, die zusätzlich die Abhängigkeit von künstlicher Beleuchtung reduzieren – ein positiver Effekt auf Biorhythmus und Schlafqualität. Auch auf der Dachterrasse des „The Stack“ sollen grüne Oasen die Beschäftigten dazu einladen, Pausen mit beruhigendem Blick auf die Umgebung zu verbringen.

Office-Design als Corporate Benefit

Das Büro der Zukunft ist weit mehr als ein Arbeitsplatz – es ist ein strategisches Instrument im Wettbewerb um die besten Talente. Flexible Raumgestaltung, smarte Technologien und durchdachtes Design schaffen ein Umfeld, das Konzentration, Kreativität und Kollaboration gleichermaßen fördert. Damit wird das Büro zu einem Corporate Benefit, der die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen stärkt.

In Zeiten hybrider Arbeitsmodelle wird das physische Büro zum sozialen Ankerpunkt und Motor der Unternehmenskultur. Begegnungsräume fördern den Austausch, während biophiles Design Stress reduziert und Wohlbefinden steigert. Zukunftsorientierte Arbeitsplatzgestaltung verschafft Unternehmen einen entscheidenden Vorsprung im „War of Talents“, da sie die Arbeitsplätze zu Orten macht, die Talente gezielt anziehen und binden: Ein durchdachtes Design signalisiert Wertschätzung, fördert Motivation und bietet den flexiblen, inspirierenden Rahmen, den Mitarbeitende in einer zunehmend digitalen und vernetzten Arbeitswelt erwarten. Unternehmen, die in solche Umgebungen investieren, steigern nicht nur die Produktivität, sondern positionieren sich als attraktive Arbeitgebermarke, die Innovation und Wachstum nachhaltig vorantreibt.

[1] https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/wie-naturkontakte-unsere-gesundheit-foerdern/?utm_source=chatgpt.com

[2] https://link.springer.com/chapter/10.1007/978–3‑658–35334-6_5?utm_source=chatgpt.com;
https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/20-minuten-in-der-natur-reduzieren-das-stresslevel-13372826?utm_source=chatgpt.com

Autor: Stefan Schillinger, Managing Director Accumulata

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