Wohin geht die “Nachhaltigkeitsreise”? Nachgefragt bei Roland Kölsch (Teil 2)

Teil 2 des großen Interviews mit Roland Kölsch. Was hält er von Nachhaltigkeitsfonds, die sich für Investments in Rüstungsunternehmen öffnen? Wie kann man Privatanleger für ESG wieder begeistern und was macht der Wissenschaftsverein F.I.R.S.T. Antworten gibt es nachstehend. 
7. September 2025
Roland Kölsch - Foto: Copyright F.I.R.S.T

Teil 2 des großen Interviews mit Roland Kölsch. Was hält er von Nachhaltigkeitsfonds, die sich für Investments in Rüstungsunternehmen öffnen? Wie kann man Privatanleger für ESG wieder begeistern und was macht der Wissenschaftsverein F.I.R.S.T. Antworten gibt es nachstehend. 

INTELLIGENT INVESTORS: Wie bewerten Sie den Fakt, dass sich Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen für Investments in Rüstungsunternehmen öffnen?

Roland Kölsch: Eingangs möchte ich erwähnen, dass ich bis auf einige wirklich ideologisch Getriebene, keine Menschen in der Nachhaltigkeit kenne, die die gesellschaftliche Notwendigkeit von Waffen & Rüstung gerade in der jetzigen Zeit nicht anerkennen und daher Befürworter der finanziellen Unterstützung der Verteidigungsfähigkeit mit Gewalt sind. Im Übrigen waren Waffen-Investments für ESG-Fonds nie grundsätzlich verboten. In der Praxis waren sie aber bislang neben Kinderarbeit immer Top-Ausschluß im Markt.

Durch die jetzigen ESMA-Fondsnamensleitlinien, die kein formelles Waffen-Ausschlußkriterium vorsehen (außer indirekt geächtete Waffen durch den Verweis auf die PAI, sprich Antipersonenminen, Streumunition, biologische und chemische Waffen) und den gesellschaftlichen und politischen Diskurs, der bis zu einer Forderung der Aufnahme von Waffen in die grüne EU-Taxonomie reicht, kommt dem kontroversen Thema aber eine starke Aufmerksamkeit zu, dem nicht wenige Produktanbieter nun Rechnung tragen wollen. Das ist völlig legitim und letzten Endes muss jeder selbst für sich entscheiden, ob sie/er es ok findet, wenn Rüstungsunternehmen in ihren/seinen unter Nachhaltigkeit deklarierten Geldanlagen vorhanden sind.
Es gibt viele Gründe, auch weiterhin nicht in Waffen zu investieren, wenn explizit „nachhaltig“ auf das Produkt geschrieben werden soll. Bei Artikel-8-Fonds sehe ich das anders. Dann würde ich es – wie es übrigens die ersten Anbieter machen – Artikel-8-Fonds aber auch gar nicht mehr als nachhaltig vermarkten und sowieso die Offenlegungsverordnung nicht als Marketingtool einsetzen. Dafür war sie nämlich nie gedacht gewesen. Hier rudert die Branche nämlich mittlerweile wieder zurück und unterscheidet neuerdings in „explizit als nachhaltig vermarktete Produkte“ und „Artikel-8-Produkte“.

Was ich neben der leidigen Debatte, ob Atomwaffen (und z.B. Brandwaffen) kontroverse Waffen sind (was sie lt. EU bzw. ESMA zum Erstaunen vieler Fachleute nicht sind) bzw. nur geächtete Waffen ausgeschlossen werden sollten, aber grotesk finde, sind Auswüchse des Marketings, um Gelder einzuwerben. So wirbt ein Anbieter damit, dass seine ETFs eine Schlüsselrolle bei der Lenkung von Kapital in die Verteidigungsfähigkeit unserer Demokratien spielen und Anlegende mit ihren Investments in diese Brücke zwischen öffentlicher und privater Finanzierung zur Widerstandsfähigkeit beitragen. Da muß man schon sehr geldgierig sein, um mit soviel Irreführung Gelder einsammeln zu wollen. Hatten wir nicht gerade insbesondere durch übertriebene Marketingversprechungen bei der Wirkungsweise nachhaltiger Geldanlagen kontroverse Debatten, inkl. durch den Verbraucherschutz erwirkte Gerichtsurteile?
Der Nachhaltigkeits-Markt scheint daraus gelernt zu haben. Nun aber Anlegenden emotional vorzugaukeln, dass ihre Gelder im Sekundärmarkt, noch dazu mittels passiver Geldanlage, zur Sicherheit Europas beitragen, ist unlauter.
Durch eine ETF-Geldanlage wird nicht ein einziger Panzer in Europa mehr gebaut! Genauso wie durch eine ETF-Geldanlage mit ESG-Berücksichtigung kein einziger Waldbrand verhindert wird. Also bitte Marketing mit gleichen Mitteln!

Grundsätzlich gebe ich zu bedenken, dass man sich als Anbieter schon überlegen sollte, mit welchem Argument Waffeninvestments in explizit als nachhaltig deklarierten Fonds verteidigt werden. Denn wenn eine Bank in eigenwilliger „Stammtisch“-Interpretation die SDG-Kachel zu Frieden bemüht — die allerdings das Gegenteil von Aufrüstung propagiert — das eigene Asset Management aber zu einer anderen Schlußfolgerung kommt, die EU das „Do not significant harm“-Kriterium als Taxonomie-Bedingung festgeschrieben hat und es nicht nur im ZDF bereits zu bitterböser Satire kommt, sollte man ehrlich erläutern, wieso man den Nachhaltigkeitsbegriff nun anders auslegt bzw. wieso man die Aufweichung nicht schon umsetzte, als auch andere Staaten überfallen und Völkerrecht gebrochen wurden, Genozide geschahen und Verteidigung Not am Mann und an der Frau war.
Da fände ich es gut, wenn man z.B. auch Performance-Gründe anführt, auf Kompromisse in der Nachhaltigkeits-Intensität hinweist und Zielkonflikte mit anderen Negativ- und Positivkriterien benennt, um sich dann nicht Häme über evtl. nur vorgeschobene Gründe anhören zu müssen. Ehrlichkeit währt am längsten!

II: Wovon hängt es ab, ob das Thema Nachhaltigkeit/ESG im Fokus der Privatanleger wieder eine zunehmende Rolle spielt?

Kölsch: Hauptsächlich davon, dass Finanzberatende wieder den Spaß an der Nachhaltigkeits-Sache finden und vom starren, realitätsfremden Korsett vorgegebener konkreter Wege, wie ESG im Beratungsgespräch stattzufinden hat, befreit werden.
Hier hat selbst die EU die Evidenz erkannt, dass ihr bislang eingeschlagener Weg nicht nach vorne, sondern nach hinten ging.
Denn Nachhaltigkeit betrifft jede und jeden von uns. Wir spüren es, es ist emotional, es gibt täglich Anlass für die Kundenansprache, die Annäherung ans Thema ist vielschichtig und betrifft alle Generationen. Es gibt viele schöne Erzählungen, positive Beispiele. Es ermutigt und hilft, gemeinsam an einem Zukunftsbild zu bauen. Außerdem hilft es, den KYC-Gedanken voranzutreiben und stärkt die Kundenbindung, wenn man es nicht aufdringlich-missionarisch macht und sich vom populistisch-einlullenden „Verbots“-Narrativ befreit.
Was spricht dagegen, die sinnvolle Pflicht zur Abfrage, ob und inwieweit Nachhaltigkeit bei der Geldanlage eine Rolle spielen soll, offen zu gestalten?

Denn der Vorwurf, dass hauptsächlich die gerade für den Retailmarkt schlecht gemachte EU-Regulatorik Grund für das komatöse ESG-Dasein bei der Privatkundschaft ist, zeigt sich daran, dass es nämlich auch anders gehen kann. So wird in der Schweiz ein kontinuierlich steigendes Interesse, inkl. Volumina nachhaltiger Anlagestile, konstatiert. Die dort vertriebenen Fonds performen nicht besser, die Eidgenossen leben im gleichen Zeitgeist wie wir und haben eine ähnliche Anlagekultur.

Es liegt m.E. also nicht unbedingt an der nun kurzfristigen Underperformance. Denn sonst hätten im Übrigen viele aktive konventionelle Fonds auch keine Daseinsberechtigung.

Außerdem würde es helfen, wenn die Reform der Offenlegungsverordnung es ermöglicht, dass Produktherstellung und ‑vertrieb wieder gemeinsam gedacht werden. So gut wie kein Asset Manager konstruiert Portfolios mit vorgegebenen Taxonomie-Quoten oder mit einer Höchstschwelle an PAIs, die dann zu den vorgegebenen MiFID-II-Nachhaltigkeitspräferenzen passen. Gelder werden in der Regel nicht nach einem vorher gewünschten Quoten-Ergebnis allokiert.
Investmentfonds werden nach Unternehmenseigenschaften („sind schon grün“, „werden nachweislich nachhaltiger“, „investieren bewußt nicht in dies und das“, „tragen konkret zu Lösungen bei (= machen positiven Impact von innen)“, „sind besser auf Nachhaltigkeitsherausforderungen, meist Risiken, vorbereitet (= verhindern negativen Impact von außen“, usw.) gestaltet.
Und hier lässt sich die EU bei der anstehenden Reform der Offenlegungsverordnung hoffentlich von der Empfehlung ihres Beratungsgremiums leiten. Denn die Platform on Sustainable Finance hat die drei Produktkategorien „ESG-Collection“, „Transition“ und „Sustainable“ ins Spiel gebracht.
Das Verständnis darüber wäre viel intuitiver als Artikel 6, 8 oder 9, eine Abgrenzung einfacher, das Verweben mit den aktuellen ESMA-Fondsnamenleitlinien gut machbar und das Vorgeben eines regulatorischen Mindestrahmens (= Leitplanken, keine Details) ließe den Markt in seiner Breite atmen und gäbe Raum für weitergehende, hochwertigere Produkte, die dann zum Beispiel unabhängig bewertet (sei es mittels Ratings oder Labels) eine aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten anspruchsvollere Anlegerschaft anspricht oder Aufgaben von Greenwashing-Prophylaxe erfüllen.

Ob es insgesamt ein anderes Narrativ braucht und evtl. sogar gänzlich einen anderen Namen als das Wort „Nachhaltigkeit“, was einige für „verbrannt“ bzw. „beliebig“ halten, können Expertinnen und Fachleute anderer Gebiete besser beantworten.
Wir beschäftigen uns mit dem Inhalt.

II: Ihren letzten Satz aufgreifend, zu guter Letzt: Wofür steht der Wissenschaftsverein F.I.R.S.T. und welche Funktion kommt Ihnen dabei zu?

Kölsch: F.I.R.S.T. ist ein Akronym und steht für “Finance, Impact, Research, Sustainability, & Transparency”.

Die Vereins-Geburt rührt aus der Schaffung eines fürs FNG-Siegel zwischen 2021 und 2023 aufgebauten Prüf- und Research-Konstrukts. Mit anderen Wissenschaftlern gründete Timo Busch vor vier Jahren den für die FNG-Siegel Zertifizierungen verantwortlichen Verein F.I.R.S.T. und mit der Advanced Impact Research GmbH (AIR) wurde ein universitäres Spin-Off geschaffen, wo das Prüfteam angesiedelt ist.
Durch den Wissenschaftsverein, der übrigens gemeinnützig ist, bekam das FNG-Siegel eine solidere Trägerschaft und wurde auch strukturell unabhängig.

Im Rahmen einer insgesamt notwendig gewordenen Umstrukturierung wechselte ich letztes Jahr von der ursprünglich fürs FNG-Siegel verantwortlichen FNG-Tochter QNG zu F.I.R.S.T., um die langjährig aufgebaute “Inselkompetenz” zur Bewertung der Nachhaltigkeitsqualität von Investmentfonds und ähnlichen Finanzprodukten im Rahmen des Sparrings mit den Asset Managern auszubauen. F.I.R.S.T. trägt also die Gesamtverantwortung, insbesondere für die Koordination, die Vergabe und die Vermarktung des FNG-Siegels.

Gleichzeitig können wir wichtige Herausforderungen für die Zukunft besser angehen und entsprechende Entwicklungen als komplett unabhängiger Akteur besser begleiten. Sei es in Bezug zur Regulatorik, in der Erarbeitung von Klassifizierungsschemata nachhaltiger Geldanlagen, als Input-Geber in Sachen Produktkategorien auf EU-Ebene, Unterstützer bei Fragen zum Umgang mit Impact und arbeiten weiter an Standards und Labels. Alles im Austausch mit den relevanten nationalen und europäischen Akteuren nachhaltiger Finanzwirtschaft.
Als Geschäftsführer von F.I.R.S.T. arbeite ich eng mit den Researchenden der AIR zusammen, wodurch wir zum Beispiel das neue Transition-Siegel fürs FNG entwickelt haben. Wir betreiben Aufklärung und Beratung zu Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft und fördern wissenschaftliche Arbeiten und Projekte.
Und um Theorie & Praxis zu verzahnen, gibt es über den engen Kontakt zu den wissenschaftlichen Grundlagenarbeiten der Universität Hamburg hinaus konstruktiven Austausch mit Akteuren der Wissenschaftsplattform Sustainable Finance.

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