Wohin geht die “Nachhaltigkeitsreise”? Nachgefragt bei Roland Kölsch (Teil 1)

Ein Gespräch mit Tiefgang. Roland Kölsch, Geschäftsführer des gemeinnützigen Wissenschaftsvereins F.I.R.S.T., im ausführlichen Interview zu diversen Aspekten nachhaltigen Investierens. 
2. September 2025
Roland Kölsch - Foto: Copyright F.I.R.S.T

Ein Gespräch mit Tiefgang. Roland Kölsch, Geschäftsführer des gemeinnützigen Wissenschaftsvereins F.I.R.S.T., im ausführlichen Interview zu diversen Aspekten nachhaltigen Investierens. 

INTELLIGENT INVESTORS: Herr Kölsch, eine Handelsblatt-Schlagzeile vom Februar 2022: „Nachhaltige Fonds sind im Schlussquartal 2021 kräftig gewachsen.“ Wir schreiben September 2025 und man liest allenthalben tendenziell negative bzw. ernüchternde Nachrichten zum Thema Nachhaltigkeit. Täuscht der Eindruck und wenn nicht, woran liegt es?

Roland Kölsch: Was die „Lust“ am Thema angeht, so ist das meines Erachtens keine Wahrnehmungsstörung.
Zum einen ist dies sicherlich die normale  Entwicklung des Aufmerksamkeits-Zyklus:
Ein Thema, dass sich lange langsam in der Nische bewegt und hauptsächlich von institutionellen Investoren vorangebracht wurde, wird durch die sich seit Frühjahr 2021 an Fahrt aufnehmende und vor allem konkret den Investmentfondsmarkt betreffende EU-Regulatorik zu Sustainable Finance zu einem Massenphänomen der gesamten Branche. Denn diese muss seit dem März‘21 jedes Produkt nach der Offenlegungsverordnung (in Artikel 6,8, oder 9) einstufen. Das führte zu einer explosionsartigen Schwemme an Fonds, die regulatorisch bedingt formal der Nachhaltigkeit zugeordnet wurden. Darunter allerdings viele bereits existierende Produkte, die selbst bislang nie als nachhaltig vermarktet wurden, nun aber quasi durch Selbst-Deklarierung zumindest Nachhaltigkeitsmerkmale in welcher Art auch immer berücksichtigen.
Stieg die Anzahl an in Deutschland vertriebenen Nachhaltigkeitsfonds in den Jahren davor jeweils zwischen 10% und 20% an, so verdreifachte sie sich im Jahr des Inkrafttretens der Offenlegungsverordnung — der Hype war geboren. Die Folge war ein letztendlich nichts sagender Artikel 8, der übrigens nie als Labelling gedacht war, vom Markt – inklusive vieler Medien allerdings dafür zweckentfremdet wurde. Bei heute mittlerweile fast 15.000 weltweit existierenden „Artikel-8-Fonds“ war es eine Frage der Zeit, bis Privatanlegende die Orientierung verloren und unabhängige Qualitätseinstufungen wichtiger wurden.

Im Retailmarkt war es allerdings der August 2022, der durch die Einführung der viel zu verkopften und realitätsfernen Einführung der MiFID-II-Nachhaltigkeits-Präferenzabfrage letztendlich eine Zäsur einleitete. Aus Komplexitäts- und Haftungsgründen ist es der Schnittstelle zwischen Produktherstellern und Produktnachfragern, den Finanzberatenden, nicht zu verübeln, dass sie sich gar nicht erst auf die Wege der von der EU vorgegebenen drei verschiedenen Nachhaltigkeitspräferenzen der Kundinnen und Kunden begeben, die nicht mit den anderen Regulatoriksträngen und Produkteigenschaften verwoben sind und im weiteren Beschreiten selbst unter Fachleuten für Diskussionen sorgen (so z.B. die Ko-Existenz zweier Begriffe einer nachhaltigen Investition und ein durch zu hohe Interpretationsspielräume nicht zielführendes Quoten-Wirrwarr; Stichwort für Fachleute: SFDR-Artikel 2(17)).

II: Hat nicht auch die verkürzte Formel „Nachhaltigkeit kostet keine Rendite“ zum Verdruss beigetragen? Natürlich im allgemeinen Kontext des Ukraine-Kriegs, der teilweise galoppierenden Inflationsraten und des Revivals von fossilen Energien?

Kölsch: Hinzu kommt bei vielen, die das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage durch die grundsätzlich zu begrüßende Pflicht-Abfrage zum Nachhaltigkeits-Interesse erst kürzlich entdeckten, folgende fatale Koinzidenz: Die Empirie zeigte bis zur Pflicht-Beratung eindeutig, dass es in der Vergangenheit keine Nachteile in Sachen Rendite-Risiko bei nachhaltigen Geldanlagen gab. Von der Wissenschaft gab es also die Steilvorlage für den Vertrieb, nachhaltig als finanziell nicht nachteilig – im Gegenteil, denn zwei Metastudien ergaben sogar leichte Renditevorteile – und somit als DAS Verkaufsargument schlechthin zu nutzen. Mit dem Angriffskrieg von Putins Russland, der damit einhergehenden Energiekrise und des im gleichen Jahr einsetzenden Zinsanstiegs wegen des Inflationsschubs wurde — zumindest bislang – allerdings die Performance-Zeitenwende bei nachhaltigen Geldanlagen eingeleitet.
Denn beides machte beliebte Ausschlußkriterien wie Waffen und fossile Energien (im Vergleich zu kapitalintensiven Erneuerbaren) wirtschaftlich attraktiv. Obgleich ESG-Strategien 2023 mehrheitlich Alpha erzielten, sind 2022 und 2024 und auch dieses Jahr schlechte Performancejahre für die Nachhaltigkeit in der Geldanlage. Und obwohl wir wissen, dass die Geldanlage langfristig ausgerichtet werden sollte und auch die Zehn-Jahres-Performance weiterhin für Nachhaltigkeit spricht, ist die konkrete Erfahrung vieler Nachhaltigkeits-Neueinsteiger durch die kurzfristig schlechte Performance seit drei Jahren negativ geprägt. Die psychologische Funktionsweise von Vertrieb, Medien und Anlegerschaft verstärkt diese Wahrnehmung. Das ist ernüchternd und gibt Wasser auf die ESG-Kritik-Mühlen, was mittlerweile ja nicht nur durch den orangenen Narzissten im Weißen Haus sogar zu konkreten Rückschritten bereits gemachter Fortschritte in puncto (Menschen) tragfähige Zukunft unseres Planeten mündet.

Zum Gesamteindruck gehört aber auch, dass das Gros der institutionellen Investoren weiter an ESG festhält, wir es in puncto Umwelt mit Physik zu tun haben und bekannt ist, dass jeder heute nicht ausgegebene Euro morgen um ein Vielfaches teurer sein wird. Das Thema drängt sich also rein aus finanziellen Gründen auf, denn die Grundrechenart des Kapitalmarkts ist weiterhin die Diskontierung zukünftiger Erträge & Aufwände.
Die Frage ist, wie der Umgang mit ESG zukünftig in Finanzprodukten ausgestaltet werden wird und ob die Impact-Frage, also die Frage, ob ein Finanzprodukt bzw. ein Investierender ökologische und soziale Verbesserungen erzielt, weiter an Bedeutung bei den Produkteigenschaften nachhaltiger Geldanlagen gewinnen wird.

II: Ist der Nachhaltigkeitsgedanke somit in einer anderen Reifephase angelangt?

Kölsch: Meines Erachtens treten wir in die Phase der Gesundung nach dem Hype ein und die Professionalisierung nachhaltiger Investmentansätze wird die vormals euphorisch hochschnellende, nun zusammengefallene Kurve auf ein Niveau mit vernünftigeren Erwartungshaltungen bringen. Ob das der „Pfad der Erleuchtung“ des angesprochenen Gartner-Zyklus ist, wird sich zeigen und wird maßgeblich von den anstehenden Reformbemühungen der EU-Regulatorik abhängen.

Bei nachhaltigen Geldanlagen kommen verschiedene Anlagestile, die wiederum unterschiedliche Bedürfnisse von Anlegenden ansprechen, zusammen.
Grob werden drei Haupt-Motivatoren für Menschen, die nachhaltig anlegen wollen, ausgemacht: Klassisch unter Rendite-Risiko Aspekten Investierende, Werte-Geleitete mit ethisch-moralischen, oft religiösen Anforderungen, die mit gewissen Geschäftsaktivitäten einfach kein Geld verdienen möchten und Menschen, die mit ihrer Geldanlage konkrete Verbesserungen, also Impact für den Planeten und die Gesellschaft erzielen möchten. Je nach Motivation kommen die verschiedenen Werkzeuge des Baukastens nachhaltiger Geldanlagen zum Einsatz und gibt es Schwerpunkt-Verlagerungen beim Wandel vom magischen Dreieck zum magischen Viereck der Geldanlage – was auch immer daran magisch sein soll. Und die drei Motivatoren sind auch nicht voneinander getrennt, sondern finden sich mehr oder weniger in den jeweiligen Anlagestilen wieder, die nämlich oft eine Kombination verschiedener Kriterien sind.

II: In den vergangenen Jahren wurde viel über die überbordende Regulierung in puncto ESG gesprochen. 2 Schritte nach vorne, einer zurück. Können Sie uns kurz abholen, wo wir diesbzgl. aktuell stehen?

Kölsch: Um Ihren Lesenden keinen ausufernden Rundum-Überblick zu geben, beschränke ich mich hier auf nachhaltige Finanzprodukte und einem Kern des Problems für den Geldanlage-Markt, nämlich des nicht mehr funktionierenden (Vertriebs)Kanals zwischen Produktherstellern und ‑nachfragern, hauptsächlich wegen SFDR & MiFID-II, da Asset Manager ihre Fonds nicht aufgrund der von der EU gewünschten drei Nachhaltigkeitspräferenz-Wege konstruieren.

Die EU-Verantwortlichen für Sustainable Finance sind lernfähig und haben den Reformbedarf der Offenlegungsverordnung erkannt, den Markt und Stakeholder bereits konsultiert und wird nun bald die konkrete Neu-Ausgestaltung der SFDR diskutieren. Bislang sollte das im Herbst diesen, nun munkelt man Frühjahr nächsten Jahres, stattfinden.
Im Mittelpunkt stehen Überlegungen zur Einführung von Produktkategorien. Ein konkreter Vorschlag des EU-Beratungsgremiums, der Platform on Sustainable Finance, sieht vor, dass es mit „ESG-Collection“, „Transition“ und „Sustainable“ drei Arten nachhaltiger Geldanlagen geben soll. Ob der Umgang der Frage der Wirkung dann innerhalb dieser Kategorien beantwortet werden wird oder eine eigene Impact-Produktkategorie sinnvoller ist, wird diskutiert werden. Auch, ob es vielleicht nur zwei Kategorien mit „Transition“ und „Sustainable“ gibt. Aktuell passen die meisten Fonds in „ESG-Collection“. Hier müsste dann, genauso wie bislang bei den Artikel-8-Fonds sehr auf Qualität geachtet, höhere Mindeststandards vorgegeben oder mit differenzierenden Orientierungshilfen gearbeitet werden, um nicht schon wieder ein nichts sagendes Sammelbecken nachhaltiger Geldanlagen zu befördern.
Was sich abzeichnet ist, dass der bislang vernachlässigte Umgang mit „Transition“ gesetzt zu sein scheint. Diese Lücke zu füllen, war übrigens auch die Motivation der Verantwortlichen des FNG-Siegels, mit einem zusätzlichen Transition-Siegel eine Orientierungshilfe eines sich jetzt schon abzeichnenden Bedarfs bzw. Angebots zu erarbeiten. Die ersten Bewerber sind aktuell im Sparring.
Neben der Tatsache, dass seit Mai für alle Fonds, die ESG- oder nachhaltigkeitsbezogene Begriffe im Namen haben, ESMA-Leitlinien gelten, die dieses Mal mit dem SFDR-Regulatorikstrang verwoben werden könnten, drängt es sich auf, auch die MiFID-II-Nachhaltigkeitspräferenzen folgerichtig danach auszurichten.
Dann könnte wieder viel mehr aus einem Guss beraten werden und der Kanal zwischen Produktherstellern und ‑nachfragern würde wieder funktionieren.
Allerdings gibt es auch Stimmen, die sagen, dass man doch nun viel Arbeit in die Einteilung zwischen Artikel 6,8 und 9 gesteckt habe und dieses System nun beibehalten solle. Wir werden sehen, welche Argumente sich weshalb durchsetzen und welche Handschrift sie tragen werden.

Im zweiten Teil des Interviews (erscheint in Kürze) kommen wir unter anderem auf die Aspekte der Aufnahme von Rüstungsunternehmen in Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen, dem Ziel des Wissenschaftsvereins F.I.R.S.T und den Chancen, Privatanleger wieder für das Thema Nachhaltigkeit zu begeistern, zu sprechen.

 

 

 

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