“Willkommen in der neuen Welt!”

Intelligent Investors im Gespräch mit Robert M. Almeida, Portfoliomanager und Global Investment Strategist bei MFS Investment Management, zur Lage an den Märkten, der Rolle von KI und zur Einzeltitelselektion.
8. Juni 2026
Robert M. Almeida - Foto: Copyright MFS IM

Intelligent Investors im Gespräch mit Robert M. Almeida, Portfoliomanager und Global Investment Strategist bei MFS Investment Management, zur Lage an den Märkten, der Rolle von KI und zur Einzeltitelselektion.

Intelligent Investors: Viele Anleger schließen von vergangenen Kursentwicklungen auf die Zukunft. Warum?

Robert Almeida: Der Blick zurück ist verlockend: In den 2010ern war es sinnvoll, einfach in den Gesamtmarkt zu investieren. Die Inflation war niedrig, die Zinsen ebenfalls, das Wachstum ordentlich, und die Bewertungen stiegen immer weiter. Unternehmen steigerten ihre Gewinne durch Outsourcing, Kostensenkungen und Finanzakrobatik – und nicht durch Sachkapitalinvestitionen. Weil fast alle Aktien zulegten, hatten passive Anlagestrategien Erfolg.

Intelligent Investors: Aber das ändert sich jetzt. 

Robert Almeida: Ja, seit 2022 geben Haushalte, Unternehmen und Regierungen mehr Geld aus. Die Inflation ist überraschend hartnäckig, die Zinsen steigen. Die Wirtschaft wird kapitalintensiver. Welche Unternehmen auf Dauer Erfolg haben, hängt wieder von Arbeits- und Energiekosten, Rohstoffpreisen und Investitionen ab.

Intelligent Investors: Welche Rolle spielt KI bei der Inflation?

Robert Almeida: Die künstliche Intelligenz hat einen wesentlichen Anteil. Ihre kurzfristigen Auswirkungen könnten aber viele Anlegerinnen und Anleger überraschen, für die sie kaum mehr ist als ein Mittel zur Kostensenkung. Natürlich kann KI die Produktivität langfristig steigern und deflationär wirken, weil sie die Markteintrittsschranken in vielen Branchen senkt. Kurzfristig sieht es aber anders aus. Der KI-Ausbau erfordert enorme Investitionen in Datenzentren, Halbleiter, Speicherchips, Kraftwerke, Netze, Kühlsysteme, Seltene Erden, Humankapital und vieles andere mehr. Die Technologie selbst ist digital, ihre Basis aber real.

Das ist wichtig, weil der Kapitalstock zu Beginn des KI-Zyklus viel zu klein war. Jahrelang hatte man zu wenig investiert. Es mangelt einfach an der für KI notwendigen Repatriierung der Produktion und einer größeren wirtschaftlich resilienten Infrastruktur. Aber jetzt wächst die Nachfrage so schnell, dass die Produktion nicht nachkommt – ein kostentreibendes Ungleichgewicht und ein wesentlicher Grund für die noch immer so hohen Zinsen.

Verbraucher und Unternehmen müssen heute mit höheren Kosten leben. Bei Haushalten geht es um Lebensmittel, Strom, Mieten, Versicherungsprämien und Mobilität, bei Unternehmen um Löhne, Logistik, Rohstoffe, Energie und Technologie. Dabei ist der Preisanstieg nicht nur vorübergehend. Wir erleben gerade echte Strukturveränderungen.

Intelligent Investors: Was bedeutet das für Unternehmen?

Robert Almeida: Nicht alle Unternehmen können die höheren Kosten auf Dauer tragen. Und wenn sie sie problemlos weitergeben könnten, wäre die Inflation noch sehr viel höher als jetzt. Stattdessen dürfte es zu einer Umverteilung der Gewinne kommen, zwischen den Branchen und zwischen den einzelnen Unternehmen.

Wer über knappe Ressourcen verfügt, wichtige Vorprodukte wie Halbleiter oder Kraftwerkstechnik liefern kann oder viel Preismacht hat, ist schon jetzt erkennbar im Vorteil. Aber wer etwas herstellt, das leicht ersetzt werden kann, dürfte seine Margen nicht so leicht verteidigen können.

Intelligent Investors: Und für Fondsmanager?

Robert Almeida: Langfristig wird sich die Finanzperformance stark auseinanderentwickeln. Für aktive Manager ist das eine große Chance. Vor allem zwei Tendenzen machen eine sorgfältige Einzeltitelauswahl so wichtig. Wenn sich die Zukunft anders entwickelt als die letzten Jahre, sind marktbreite Investitionen weniger aussichtsreich. Passive Strategien funktionieren am besten, wenn die Gewinner von gestern auch die von morgen sind. Aktive Strategien sind überlegen, wenn Anleger differenzieren müssen – zwischen Unternehmen mit langfristigen Wettbewerbsvorteilen und Firmen mit strukturellem Gegenwind, den die Kurse aber noch nicht abbilden.

Der zweite wichtige Punkt sind die zurzeit sehr niedrigen Risikoprämien von Aktien. Wenn der Markt insgesamt nicht mehr so hohe Gewinne abwirft, sind Investitionen in schwache Unternehmen umso problematischer. Fehlentscheidungen lassen sich nicht mehr so leicht abfedern, sodass die Portfoliokonstruktion viel wichtiger wird.

Die entscheidende Frage ist also nicht mehr, ob KI die Produktivität steigert. Das halten wir für ausgemacht. Stattdessen sollte man überlegen, wer die Kosten trägt – in Form von niedrigeren Margen, fallenden Marktanteilen oder Verlusten an Kunden. In der alten Welt lohnten sich Finanzakrobatik und eine lange Duration, und steigende Bewertungen trieben die Kurse. Jetzt zählen Knappheit, Investitionen, Widerstandskraft und Preismacht. Willkommen in der neuen Welt!

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