HighlightMärkteWiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit

Chinas Wirtschaft lässt den Schrecken des Corona-Virus weitgehend hinter sich. Ist dem so? Dazu nahm Peter Ru, China Fixed Income Strategy Leader bei Neuberger Berman, im INTELLIGENT INVESTORS-Interview Stellung.
23. Juni 2020
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Chinas Wirtschaft lässt den Schrecken des Corona-Virus weitgehend hinter sich. Ist dem so? Dazu nahm Peter Ru, China Fixed Income Strategy Leader bei Neuberger Berman, im INTELLIGENT INVESTORS-Interview Stellung.

INTELLIGENT INVESTORS: Herr Ru, sind Sie der Ansicht, dass wir im zweiten Halbjahr mit einer merklichen Wachstumsbelebung in China rechnen können?

Peter Ru: Wir gehen davon aus, dass die chinesische Regierung für den Rest des Jahres eine proaktive Fiskalpolitik betreiben wird, die zu einem wesentlich stärkeren Wachstum in der zweiten Jahreshälfte führen dürfte. Obwohl die Erholung im Vergleich zu früheren Abschwüngen weniger kräftig ausfallen dürfte. Wir rechnen damit, dass das erhebliche Haushaltsdefizit nach der Tagung des Nationalen Volkskongresses Ende Mai im laufenden Jahr noch um 5,2 Prozent auf 10,8 Prozent ansteigen wird. Der fiskalische Impuls durch den Anstieg des Defizits wird voraussichtlich rund 3,2 Prozent betragen. Da China den Ausbruch des Coronavirus weitgehend unter Kontrolle hat, haben sich die wirtschaftlichen Aktivitäten zu normalisieren begonnen und der Schwerpunkt der Politik kann sich in den kommenden ein bis zwei Quartalen auf die Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit verlagern.

 

INTELLIGENT INVESTORS: Wie sieht es auf der Nachfrageseite in China derzeit aus?

Ru: Auf der Basis verschiedener Hochfrequenzdaten gingen wir davon aus, dass sich die gesamte Inlandsnachfrage auf etwa 75–85 Prozent des Niveaus von vor der Pandemie einpendelt. Die gegenwärtige Erholung ist jedoch ungleichmäßig, was zum Teil auf die phasenweise Wiedereröffnung der Wirtschaft zurückzuführen ist. Gleichzeitig besteht ein großer Unterschied zwischen den verschiedenen Sektoren. Beispielsweise hinken die Einzelhandelsumsätze gegenüber der Nachfrage nach Grundstoffen immer noch hinterher, da staatliche Konjunkturmaßnahmen den Infrastrukturausbau unterstützen. Auch die Erholung auf der Angebotsseite verlief viel schneller als die Nachfrage, da die Verlangsamung eher auf Maßnahmen zur Eindämmung des Virus als auf einen Rückgang des Produktionspotenzials zurückzuführen war. Die anhaltende Schwäche der weltweiten Nachfrage belastet zusätzlich das Gesamteinkommen und die Wiederherstellung der Nachfrage.

 

INTELLIGENT INVESTORS: In welchen Sektoren/Branchen sehen Sie deutliches Aufholpotenzial?

Ru: Wir sind der Ansicht, dass der Immobiliensektor ein beträchtliches Aufholpotenzial hat und zwar infolge optimistischer Aussichten für den Verkauf von Wohnraum, sich verbessernder finanzieller Grundlagen für Bauträger und eines günstigen politischen Umfelds. Die Wohnungsverkäufe haben sich im vergangenen Monat weiter erholt; nach einem Einbruch im Februar um 69 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 2,42 Millionen Quadratmeter verzeichneten die Wohnungsverkäufe im Mai schon 14,88 Millionen Quadratmeter, das entspricht nur ‑4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Auch im Juni ist davon auszugehen, dass sich die Verkäufe weiter zunehmen werden. Gleichzeitig verbessern sich auch die Bilanzen der wichtigsten Bauträger weiter und das bei sinkenden Verschuldungsgraden. Zudem ist auch das politische Umfeld günstig und der Arbeitsbericht der Regierung für das Jahr 2020 findet positive Worte für den Immobiliensektor. Darüber hinaus ist der Hypothekenzins für den Kauf des ersten Hauses nun schon in sechs aufeinander folgenden Monaten gesunken. Mit Blick auf das zweite Halbjahr denken wir, dass die derzeitige, vorsichtige Lockerung der Immobilienpolitik auf Provinz-/Stadtebene fortgesetzt werden könnte.

Ein weiterer Sektor, der sich gut entwickeln könnte, ist der Chemiesektor – insbesondere Unternehmen, die an der industriellen PTA-Produktionskette beteiligt sind. PTA ist der Rohstoff, der zur Herstellung von Polyesterfasern für Kleidung genutzt wird. Mit dem derzeitigen Aufschwung der Wirtschaft und der Verbraucherstimmung könnte die Nachfrage nach PTA mit den zunehmenden Bekleidungsverkäufen steigen. Bei den nachgelagerten Produkten von PTA handelt es sich beispielsweise um Polyesterfasern, Nylon und Elasthan, die zur Herstellung von Kleidung und medizinischen Gesichtsmasken verwendet werden. Die Nachfrage nach Gesichtsmasken, die größtenteils aus Nylon und Elasthan hergestellt werden, beläuft sich in der gegenwärtigen Pandemie auf durchschnittlich 200 Mio. pro Tag für den heimischen Markt, was zu einer großen Nachfrage nach PTA führt.  Im Jahr 2020 macht die Nachfrage auf dem Bekleidungsmarkt im asiatisch-pazifischen Raum 38 Prozent der weltweiten Marktnachfrage aus. Zudem weist der asiatisch-pazifische Raum mit 4 Prozent die höchste Wachstumsrate im Bekleidungsmarkt auf. Für den Zeitraum von 2020 bis 2027 erwarten wir, dass die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) der chinesischen Nachfrage auf dem Bekleidungsmarkt 4,3 Prozent erreichen wird, deutlich höher als in Nordamerika und Europa. Dies wird die Nachfrage nach Rohstoffen für die Herstellung von Kleidung insgesamt ankurbeln und die Nachfrage nach PTA stark erhöhen.

 

INTELLIGENT INVESTORS: Wie würden sich weitere Handelsspannungen zwischen China und den USA auswirken?

Ru: Das Hauptaugenmerk der Spannungen zwischen China und den USA liegt im Bereich der Technologie- und Handelsabkommen. Eine der möglichen Folgen ist der Wiederaufbau und die Verlagerung globaler Fertigungsproduktionsketten, in die China stark eingebunden ist. Wir sind jedoch der Ansicht, dass China angesichts seiner guten Arbeitsmarktqualität und der Größe des Verbrauchermarktes noch immer über wichtige Vorteile bei der Gewinnung ausländischen Kapitals verfügt. Das wird das Tempo beim Wandel der globalen Produktionsketten begrenzen. (ah)

Foto: Peter Ru / © Neuberger Berman

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