Europa muss sicherheitspolitisch schneller eigenständig werden. Dr. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer der Privatbank M.M.Warburg & CO, ordnet die jüngsten Signale aus Washington als weiteren Hinweis darauf ein, dass sich die USA unter Donald Trump schrittweise aus ihrer bisherigen Rolle als militärischer Garant Europas zurückziehen könnten. Für Europa entsteht daraus nicht nur eine strategische Herausforderung, sondern auch ein potenzieller industrie- und wachstumspolitischer Impuls.
Der vom US-Präsidenten angedrohte Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland verdeutlicht erneut, dass sich die Vereinigten Staaten unter Donald Trump weiter aus der NATO zurückziehen könnten. Schwerer wiegt in diesem Zusammenhang jedoch die fehlende Bereitschaft der USA, Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren, mit denen auch weit entfernte Ziele in Russland getroffen werden könnten.
Militärstrategisch entsteht dadurch eine erhebliche Lücke. Im Falle eines russischen Angriffs auf NATO-Territorium wäre es für Europa deutlich schwerer, russische Kommandostrukturen, Munitionslager oder militärische Infrastruktur wirksam anzugreifen. Daraus folgt: Europa muss militärische Fähigkeiten in der ganzen Breite selbst aufbauen und darf sich perspektivisch nicht mehr auf US-Waffen verlassen.
Die Industrie kann liefern – wenn die Politik sie lässt
Technologisch ist Europa zu diesem Schritt durchaus in der Lage. Mehr noch: Mit einem gewissen Selbstbewusstsein sollte Europa davon ausgehen, in vielen Bereichen Waffensysteme mit ähnlichen Fähigkeiten schneller und zu geringeren Kosten entwickeln zu können.
Das lässt sich am Beispiel eines möglichen Ersatzes für US-Tomahawk-Marschflugkörper zeigen. Diese Systeme stammen im Grundsatz aus den 1980er Jahren, werden bis heute nur in vergleichsweise geringen Stückzahlen produziert und sind teuer. Europa könnte solche Fähigkeiten ersetzen, etwa durch die Kombination eines modifizierten Taurus-Marschflugkörpers mit einer Feststoffbooster-Stufe. So ließe sich relativ schnell ein bodengestütztes System mit großer Reichweite entwickeln.
Die Hürde liegt daher weniger bei der Industrie als bei den Staaten. Viele militärische Beschaffungsstrukturen in Europa wirken angesichts der aktuellen Bedrohungslage nahezu dysfunktional. Sie stammen aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Entscheidungen müssten heute schneller, mutiger und pragmatischer getroffen werden.
Beschaffungssysteme brauchen einen Neustart
Schrittweise Reformen dürften nicht ausreichen. In vielen Ländern wäre man vermutlich besser beraten, bestehende Strukturen teilweise komplett neu aufzusetzen, statt sie mühsam zu modernisieren. Dafür fehlt Europa schlicht die Zeit.
Ein solcher Neustart wäre politisch anspruchsvoll, aber notwendig. Fragmentierte Zuständigkeiten, langwierige Ausschreibungen und nationale Sonderwege bremsen den Aufbau militärischer Fähigkeiten. Wer strategische Autonomie ernst meint, muss auch Beschaffung, Finanzierung und industrielle Skalierung neu denken.
Gelingt Europa dieser Kurswechsel, kann aus der sicherheitspolitischen Notwendigkeit ein wirtschaftlicher Impuls entstehen. Die europäische Industrie verfügt über erhebliche technologische Fähigkeiten – in Luft- und Raumfahrt, Sensorik, Software, Künstlicher Intelligenz, Satellitentechnologie und Cyberabwehr.
Werden diese Kompetenzen effizienter für den militärischen Bereich nutzbar gemacht, könnten daraus positive Multiplikatoreffekte entstehen. Verteidigungsausgaben wären dann nicht nur sicherheitspolitisch notwendig, sondern auch ein Treiber für Innovation, industrielle Wertschöpfung und Wachstum.
Europas Verteidigung wird zur Kapitalmarktfrage
Die geopolitische Lage zwingt Europa zu mehr Eigenständigkeit. Der Rückzug der USA aus ihrer bisherigen Rolle als Sicherheitsgarant ist kein kurzfristiges Risiko mehr, sondern ein struktureller Trend. Für Europa bedeutet das höhere Verteidigungsausgaben, schnellere Entscheidungen und einen massiven Ausbau eigener industrieller Fähigkeiten.
Gelingt dieser Wandel, könnte aus der sicherheitspolitischen Zäsur ein technologischer und wirtschaftlicher Schub entstehen. Misslingt er, bleibt Europa strategisch abhängig – in einer Welt, in der diese Abhängigkeit zunehmend teuer werden kann.




