Warum die Kritik am ELTIF ins Leere läuft – und wo sie stattdessen berechtigt ist

Der Frühling, so zeigt es die Vergangenheit, ist eine durchaus auskömmliche Zeit für junge Pflänzchen. Und trotzdem steht aktuell in unserer Branche ein junges Pflänzchen unter ganz besonderer Beobachtung – und unter besonderem Rechtfertigungsdruck: der ELTIF. Warum eigentlich?
18. Mai 2026
Ludger Wibbeke - Foto: Copyright HANSAINVEST

Der Frühling, so zeigt es die Vergangenheit, ist eine durchaus auskömmliche Zeit für junge Pflänzchen. Und trotzdem steht aktuell in unserer Branche ein junges Pflänzchen unter ganz besonderer Beobachtung – und unter besonderem Rechtfertigungsdruck: der ELTIF. Warum eigentlich?

Die ersten Triebe sprossen bereits vor über zehn Jahren, so richtig widerstandsfähig waren sie aber nicht. Die EU-Kommission schärfte deshalb nach und züchtete den ELTIF 2.0. Dieser sollte robuster sein. Und in der Tat trieben in der Folge mehrere ELTIFs an den Markt. Besonders sonnig war die Umgebung dort zwar nicht, aber immerhin fiel doch etwas flüssiges Kapital auf sie. Anfang des Jahres 2026 geriet dann der ELTIF Greenman Open unter Druck, woraufhin die Anteilsrücknahme ausgesetzt wurde. Dieses Ereignis hatte Signalwirkung.

Ein Teil der Branche reagierte mit einer klassischen „Hab‑ich‑es‑nicht‑gesagt“-Pauschalkritik. Der kranke Trieb lenkte den Blick auf die gesamte Gattung. Hat der ELTIF überhaupt genügend Triebe? Wie wachsen sie? Können sie überleben? Und falls ja: Ist die ELTIF‑Gattung vielleicht sogar giftig? Es ist gerade erst Frühling – dennoch scheint der ELTIF in der öffentlichen Wahrnehmung bereits einzugehen.

Um es vorwegzunehmen: Diese öffentliche Pauschalkritik ist nicht nur unscharf, sondern analytisch falsch. Denn sie vermengt verschiedene Dimensionen des ELTIF – und erzeugt so den Eindruck, der ELTIF an sich sei das Problem.

Die Struktur‑Dimension

Der Grundgedanke hinter dem ELTIF ist durchweg unterstützenswert: EU‑weit soll neben institutionellem auch privates Kapital gezielter und effektiver in die europäische Realwirtschaft gelenkt werden, um dort langfristige Investitionen zu fördern – insbesondere an den Privatmärkten.

Während der erste ELTIF‑Aufschlag diese Ziele auf dem Papier erfüllte, machte es diese Verordnung (EU) 2015/760 in der Praxis sowohl privaten Investoren als auch Produktgebern schwer, den ELTIF sinnvoll zu nutzen. Die Europäische Union steuerte daher nach. Die gemeinhin als ELTIF 2.0 bezeichnete Verordnung (EU) 2023/606 ist ein Kompromiss aus realistischer Praktikabilität und ausreichendem Anlegerschutz.

Dass pauschale Kritik an der Struktur fehl am Platze ist, zeigt ein kleiner Vergleich des ELTIF gegenüber den zuvor für Privatmarktinvestments von Privatanlegern genutzten geschlossenen AIF‑Strukturen. Der ELTIF hat klare Vorteile: Er ist depotfähig, digital investierbar, mit niedrigeren Mindestinvestitionsbeträgen zugänglich, unterliegt höheren Diversifikationsanforderungen und ist ausgestattet mit flexibleren Kündigungs- und Mindesthaltefristen je nach Asset Klasse und Asset-Management-Strategie. Anbieter können ihn EU‑weit vertreiben. Er findet eine neue Balance zwischen Anlegerschutz und Freiheit – und bietet im Vergleich zu geschlossenen Fonds eine Art Liquiditätskompromiss.

Gerade an dieser optionalen Semi‑Liquidität entzündet sich häufig Kritik. Dabei verändert der Kompromiss nichts an der grundlegenden Illiquidität des Fonds. Die eingeräumte Anteilsrücknahme soll für Investoren die Ausnahme bleiben, das Gating im Bedarfsfall ist aber die Regel. Der ELTIF wird dadurch nicht künstlich oder notgedrungen illiquide – er wird dann genau so illiquide, wie es seine Assets verlangen. Letztlich passt er ideal für die langfristige Anlagestrategie des Anlegers.

Die Asset‑Dimension

Liegt die Kritik also auf Ebene der illiquiden Assets selbst begründet? Sind Private Markets für Privatanleger zu intransparent, zu langfristig, zu komplex?

Im direkten Vergleich zu Wertpapieranlagen fallen Unterschiede wie längere Investitionshorizonte, andere Bewertungsmechanismen und geringere kurzfristige Transparenz ins Gewicht. Die ELTIF‑Struktur adressiert einen Teil dieser Schmerzpunkte auf Asset‑Ebene: Sie definiert Liquiditätsvorgaben, Mindestanforderungen an Diversifikation und klare Vorgaben für den Vertrieb und trägt den Besonderheiten des Assets Rechnung.

Bis zu einem gewissen Grad kann die Struktur selbst diese Besonderheiten auffangen. Aber während Privatanleger Aktien eigenständig handeln können, erfordern Investitionen in Private Equity, Infrastruktur oder Private Debt ein unternehmerisches Verständnis, das in der Regel über das Wissen einzelner Investoren hinausgeht. Solche Investments benötigen daher ein „institutionalisierteres“ Kapitalanlage‑Know‑how. Aber auch da ermöglicht der ELTIF Zugang zu dem Wissen, das Asset Manager seit Jahrzehnten für vornehmlich institutionelle Investoren bereithalten und erfolgreich praktisch umsetzen. Es kann nicht falsch sein, dass über ELTIFs auch private Investoren Zugang zu diesem Verständnis erhalten. Falsch wäre es vielmehr, Privatanleger von einem maßgeblichen Teil des Kapitalmarkts auszuschließen. Daher ist tatsächlich die Demokratisierung der Kapitalanlage gemeint, Privatanleger können so investieren wie die Profis.

Kritik ist da angebracht, wo Asset Manager zu wenig Erfahrung, Integrität, belastbare Deal Flows sowie institutionelle Prozesse vorweisen. Oder wo ELTIF-Assets qualitativ hinter denen institutioneller Fonds zurückfallen. Und Kritik ist da nötig, wo Asset Manager zwar ihr Assetportfolio diversifizieren, aber nicht ihr Anlegerportfolio. Einzelne Investorengruppen dürfen weder strukturell bevorzugt noch benachteiligt werden.

Kritik an einzelnen Assets oder Asset Managern ist also bei ELTIFs richtig und notwendig. Das gilt für die liquide Kapitalanlage aber genauso – und zieht trotzdem keinen Pauschalverdacht gegen Wertpapierfonds nach sich.

Die Ökosystem‑Dimension

Der ELTIF soll, wie eingangs erwähnt, eine tragfähige Brücke zwischen zwei strukturellen Herausforderungen schlagen: einem enormen Kapitalbedarf zur Finanzierung von beispielsweise Infrastruktur, Unternehmen und Energiewende einerseits und einer in Deutschland nach wie vor geringen Allokation privater Vermögen in die Privatmärkte andererseits. Selbst wenn die Brücke stabil ist, braucht es passende Zubringer. Eine Aufgabe für das angrenzende ELTIF‑Ökosystem – bestehend aus Vertrieb, Beratung, Plattformen und technischer Integration in Depotsysteme. Genau hier setzt ein weiterer häufiger Kritikpunkt an.

Dem Vertrieb wird vorgeworfen, die Illiquidität der Assets nicht klar genug zu kommunizieren oder die optionale Semi‑Liquidität fälschlicherweise als Verkaufsargument zu nutzen. Die Beratung ist hemdsärmelig und beschränkt sich selbst bei großen Instituten meist nur auf einzelne Produkte. Plattformen wiederum tun sich bislang schwer, die Besonderheiten von ELTIFs technisch sauber abzubilden. Es ist zu konstatieren: Diese Kritik ist in weiten Teilen berechtigt.

Allerdings richtet sich die Kritik abermals nicht primär gegen den ELTIF selbst, sondern gegen IT‑Landschaften, Plattformlogiken und Beratungsprozesse, die überwiegend für die UCITS‑Welt konzipiert wurden. Der ELTIF wird so zum Sündenbock für ein Ökosystem, das nie für illiquide Produkte gebaut war. Wie in den anderen Dimensionen schon herausgearbeitet: Der ELTIF ist retail‑fähig. Das Retail‑Ökosystem ist aber bislang in Teilen noch nicht ELTIF-fähig.

Die Markt‑Dimension

Gerade diese strukturellen Reibungsverluste hemmen das Wachstum des ELTIF‑Marktes. Das Marktvolumen ist noch überschaubar, die Zahl der Produkte begrenzt und eine kritische Masse in absoluten Zahlen möglicherweise noch nicht erreicht. Regelmäßig überprüfen Fachmedien die ELTIF-Register und weisen auf das schleppende Wachstum hin.

Relativ betrachtet ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Vergleichbare regulierte Alternativstrukturen – etwa Investment‑KGs oder geschlossene Sondervermögen – weisen auch nach Jahren niedrigere Stückzahlen auf, obwohl sie seit Jahrzehnten etabliert sind. Dennoch haben sie eine klare Daseinsberechtigung. Diese Logik gilt für den ELTIF mindestens ebenso.

Auch hier liegt der falsche Maßstab vor: Kritiker erwarten teils exponentielles Wachstum in einem Segment, das strukturell bedingt langsam skaliert. Dabei wird Größe mit Erfolg verwechselt. Entscheidend ist nicht kurzfristige Marktgröße, sondern funktionales Wachstum und institutionelle Verfestigung.

Das Fazit

Abschließend bleibt zu sagen: Wer dem ELTIF seine Komplexität vorwirft, Rücknahmestopps als Beleg des Scheiterns interpretiert, sich an kurzfristig fehlenden Erfolgsnachweisen abarbeitet oder langsames Marktwachstum moniert, kritisiert weniger den ELTIF selbst als dass sie oder er eine von liquiden Produkten geprägte Erwartungshaltung voraussetzt. Die Maßstäbe, an denen der ELTIF gemessen werden muss, gibt es noch nicht. Sie können erst mit dem ELTIF wachsen.

Fest steht schon jetzt: Der ELTIF ist nicht das Problem. Er hat vielmehr das Potenzial, die Lösung für die Probleme zu werden, die es in verschiedenen Dimensionen seines Umfelds gab und noch gibt: die Erwartungshaltung von EU, Wirtschaft und Investoren, die Besonderheiten illiquider Kapitalanlage, ein noch auf liquide Kapitalanlage ausgerichtetes Retail-Umfeld und ein Markt, der genauso langfristig tickt wie seine Kapitalanlage.

In diesem Frühling wird das junge Pflänzchen ELTIF nicht eingehen. Im kommenden Frühling wird es aber auch kein ausgewachsener Baum sein. Geben wir ihm ein wenig Zeit – und uns selbst die Möglichkeit, Kritik und Maßstäbe differenziert und treffend zu formulieren. Nur dann können wir auch angemessen reagieren.

Ludger Wibbeke, Geschäftsführer, Hansainvest

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