Türkische Zentralbank im Dilemma – Golfkrieg belastet

In der Türkei liegt die Inflation immer noch bei über 36%. Eigentlich hatten Investoren erwartet, dass die türkische Zentralbank (CBRT) die Leitzinsen bei ihrer nächsten Sitzung am 12. März weiter senken würde. Doch der neue Golfkrieg dürfte die Geldpolitiker am kommenden Donnerstag dazu bewegen, die Leitzinsen vorerst unverändert zu lassen, erläutern Polina Kurdyavko, Senior Portfolio Manager & Head of Emerging Markets und Timothy Ash, Senior Emerging Markets Sovereign Strategist, bei RBC BlueBay Asset Management:
9. März 2026
Foto: © Boris Stroujko - stock.adobe.com

In der Türkei liegt die Inflation immer noch bei über 36%. Eigentlich hatten Investoren erwartet, dass die türkische Zentralbank (CBRT) die Leitzinsen bei ihrer nächsten Sitzung am 12. März weiter senken würde. Doch der neue Golfkrieg dürfte die Geldpolitiker am kommenden Donnerstag dazu bewegen, die Leitzinsen vorerst unverändert zu lassen, erläutern Polina Kurdyavko, Senior Portfolio Manager & Head of Emerging Markets und Timothy Ash, Senior Emerging Markets Sovereign Strategist, bei RBC BlueBay Asset Management:

„Wenn im Nahen Osten etwas passiert, ist die Türkei gleich mehrfach verwundbar. Das Land importiert jährlich Energie im Volumen von rund 50 Milliarden US-Dollar. Zum Teil stammen diese Importe direkt aus dem Iran, so dass es zu direkten Störungen der Versorgung kommen kann.

Daneben wirken sich höhere Öl- und Energiepreise auch auf das ohnehin schon ausgeprägte Leistungsbilanzdefizit aus, das unabhängig von den Entwicklungen am Golf in diesem Jahr bereits 30 Milliarden US-Dollar betragen dürfte. Als Faustregel gilt, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar pro Barrel das türkische Leistungsbilanzdefizit um 3 Milliarden US-Dollar erhöht.

Ebenso würde jeder Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar pro Barrel die Inflation um etwa 1,2 % nach oben treiben. Und da die meisten türkischen Bürgerinnen und Bürger die Inflation für das größte Problem ihres Landes halten, wächst auch der Druck auf die Geldpolitik. Aktuell beträgt die Inflation 31,6 % – im Vergleich zum Zielwert von 5 %. Erst im Januar waren die Leitzinsen auf 37 % gesenkt worden, in der Erwartung, dass die Inflation bis Ende 2026 auf einen Wert zwischen 20 % und 25 % fallen würde. Diese Lockerung folgte auf einen klassischen Straffungszyklus nach Jahren unorthodoxer Geldpolitik in der Türkei: Bei einer Preissteigerung von über 80 % hatte die CBRT die Leitzinsen im März 2024 auf 50 % festgesetzt.

Für die CBRT gibt es aktuell noch ein weiteres Problem: Der Golfkrieg untergräbt die allgemeine Stimmung und veranlasst institutionelle Anleger dazu, sich aus Anleihe- und Aktienpositionen zurückzuziehen. Gleichzeitig nimmt die „Dollarisierung“ der türkischen Bevölkerung zu. Das wiederum setzt die heimische Währung unter Druck und baut Hürden für die Politik der Notenbank, die Lira als reale Hartwährung und Anker des Inflationsabbaus zu etablieren.

All diese Schwierigkeiten hat die CBRT letzte Woche durch den Verkauf von Devisenreserven in Höhe von über 10 Milliarden Dollar aufgefangen. Zuletzt lag deren Volumen mit rund 190 Mrd. US-Dollar zwar nahe ihrem Rekordhoch, doch sie sind nicht unbegrenzt. Die Verwendung der Devisen für geldpolitische Interventionen kann sich zudem als Bumerang erweisen, wenn Anleger dadurch verunsichert werden. Der Verkaufsdruck auf die türkische Lira würde dann nur weiter steigen.

Möglich, dass die CBRT letztlich mit einer Anhebung der Leitzinsen reagieren muss. Bei der Regierung Erdogan, die weiterhin auf vorgezogene Neuwahlen im Jahr 2027 setzt und einen wirtschaftlichen Aufschwung benötigt, um die Meinungsumfragen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, dürfte eine solche Maßnahme jedoch auf Ablehnung stoßen.

Die Erfahrungen der Türkei sind eine Warnung für andere Schwellenländer: Eine orthodoxe Geldpolitik kann zwar die Währung stabilisieren und den Finanzsektor stärken, aber sie kann weder umfassende Wirtschaftsreformen ersetzen noch strukturelle Wettbewerbsprobleme lösen.“

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