Der US-Dollar auf dem Rückzug, das Verbrauchervertrauen auf dem tiefsten Stand seit 1952, und ein US-Präsident, der die Unabhängigkeit der Notenbank offen infrage stellt. Reinhard Panse, Chief Investment Officer (CIO) des Multi Family Office FINVIA, kommt in seinemKapitalmarktausblick zu einem klaren Befund. Vieles spricht dafür, dass die aktuellen Entwicklungen politisch bewusst in Kauf genommen werden.
Der Doppelfehler: Erst verschlafen, dann beschleunigen
Die US ‑Notenbank unterschätzte während der Corona ‑Krise die inflationären Folgen massivernGeldmengenausweitung und hob die Zinsen viel zu spä–t erst als die Inflation bereits bei 7,6 Prozent lag. 25 Jahre Globalisierung hatten den klassischen Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation überlagert aber nicht aufgehoben.
Nun droht Runde zwei. Trump fordert Zinssenkungen und Geldmengenausweitung, um Wirtschaft und Börsen vor den Midterms zu stütze. Der erste Fehler entstand aus einer Fehleinschätzung. Der zweite könnte politisch gewollt sein.
Drei zentrale Thesen aus dem aktuellen Kapitalmarktausblick von FINVIA
1. Das Japan-Drehbuch: Kurzfristig verlockend, mittelfristig teuer
Trumps geldpolitisches Vorbild ist unübersehbar: Japans ehemaliger Premier Shinzo Abe veranlasste 2013 eine massive Geldmengenausweitung mit dem erklärten Ziel, den Yen zu schwächen, die Zinsen zu senken und die Aktienkurse zu treiben. Das Drehbuch funktionierte kurzfristig. Doch zugleich stieg auch die Inflation. Trump verfolgt ähnliche Ziele und nimmt potenzielle
Nebenwirkungen bewusst in Kauf.
2. Der Dollar unter Druck: strukturell, nicht zufällig
Seit Februar 2025 hat der US ‑Dollar gegenüber dem Euro bereits rund 15 Prozent verloren. Ausländische Anleger haben US-Aktien in einem in den letzten Jahrzehnten beispiellosen Ausmaß gekauft. Solche Kapitalströme können sich jedoch schnell umkehren. Kippt das Vertrauen der Kapitalmärkte, dürfte der Dollar weiter fallen. Hinzu kommt: Der preisdämpfende Rückenwind der Globalisierung ist weg. Zölle, Lieferkettenstörungen und geopolitische Fragmentierung sprechen für dauerhaft höhere Preisdynamik und damit für ein Ende der Ära, in der Geldmengenausweitung folgenlos blieb.
3. Gewinner in einem schwächeren Dollar-Umfeld
Gold dürfte weiter profitieren: in Zeiten sinkenden Vertrauens und drohender Geldentwertung hat das Edelmetall historisch als Gegengewicht funktioniert. Europäische Aktien, insbesondere Small Caps, könnten von niedrigeren Zinsen und einem schwächeren Dollar zusätzlichen Rückenwind erhalten. Auch währungsgesicherte US-Positionen abseits der großen Technologiewerte bleiben
interessant.
Einordnungen von Reinhard Panse, Chief Investment Officer (CIO) FINVIA Family Office
„Die US-Notenbank hat die Inflation nach der Corona-Krise zu spät bekämpft – weil sie einen Zusammenhang vergessen hatte, der seit 1926 gilt. Trump will nun denselben Fehler politisch erzwingen. Das ist strategisches Kalkül mit Risiken.”
„Japan unter Abe zeigt: Billiges Geld kann kurzfristig Kurse und Konjunktur befeuern. Den Preis – höhere Inflation, schwächere Währung – zahlen am Ende die Sparer und Verbraucher.”
„Das Verbrauchervertrauen in den USA liegt auf dem tiefsten Stand seit 1952. Fallen jetzt auch noch die Aktienkurse, hat Trump vor den Midterms ein ernstes Problem. Entsprechend groß dürfte der politische Druck auf die Fed werden.”
Was das für Anleger bedeutet
Reinhard Panse sieht keinen Anlass für hektische Portfolioanpassungen, wohl aber für eine strategische Neuausrichtung. Entscheidend bleibt aus Sicht von FINVIA, Portfolios robust für ein Umfeld aufzustellen, in dem Inflation länger hoch bleibt, der Dollar strukturell schwächer wird und regionale Diversifikation wieder an Bedeutung gewinnt.




