Themen der Zeit — Zinsschock

Die Zinsen auf langlaufende US-Staatsanleihen sind auf den höchsten Stand seit knapp 20 Jahren gestiegen. Die Rendite 30-jähriger US-Treasuries hat zuletzt die Marke von 5,30 Prozent überschritten. Trotz der „Mini-Intervention“ der US-Administration bleibt der Druck auf den Anleihemarkt hoch. 
15. September 2026
Ulrich Urbahn - Foto: Copyright Berenberg

Die Zinsen auf langlaufende US-Staatsanleihen sind auf den höchsten Stand seit knapp 20 Jahren gestiegen. Die Rendite 30-jähriger US-Treasuries hat zuletzt die Marke von 5,30 Prozent überschritten. Trotz der „Mini-Intervention“ der US-Administration bleibt der Druck auf den Anleihemarkt hoch.

Für den Aktienmarkt ist der Zinsanstieg bislang jedoch kein Alarmsignal. Entscheidend ist nicht allein das Zinsniveau, sondern ob höhere Zinsen die Kreditnachfrage und damit die Investitionstätigkeit von Finanz- und Realwirtschaft abwürgen. Dafür gibt es derzeit keine Anzeichen: Die US-Wirtschaft zeigt sich robust, die Finanzierungsbedingungen sind weiterhin locker und die Kreditnachfrage bleibt stark.

„Solange die Finanzierungsbedingungen nicht abrupt drehen, können Rücksetzer am Aktienmarkt als Einstiegschance genutzt werden“, so Ulrich Urbahn Leiter Portfoliomanagement Alternatives & Leiter Multi Asset Strategy & Research bei Berenberg.

Gleichzeitig bestehen die strukturellen Belastungsfaktoren für den Anleihemarkt fort: hohe staatliche Defizite, eine Rekordemission von Unternehmensanleihen, steigende Finanzierungsbedarfe der AI-Giganten sowie eine erhöhte Inflations- und Risikoprämie. Ohne nachhaltige wirtschaftliche Abschwächung dürften Anlegern daher die hohen Zinsen erhalten bleiben.

Drei zentrale Thesen für Anleger:

1. Robuste Wirtschaftsdaten begrenzen das Abwärtspotenzial – Rücksetzer können als Einstiegschance genutzt werden.
Solange die US-Wirtschaft robust bleibt, bieten größere Rücksetzer am Aktienmarkt die Möglichkeit, die Aktienquote opportunistisch zu erhöhen. Kreditnachfrage und Finanzierungsbedingungen sind weiterhin solide, zudem war die Berichtssaison bei US-Aktien eine der besten der vergangenen 20 Jahre. Erst wenn eine wirtschaftliche Abkühlung erkennbar wird oder sich die Finanzierungsbedingungen abrupt verschlechtern, sollte eine breitere Untergewichtung von Aktien in Betracht gezogen werden.

Dabei kommt es weniger auf das absolute Zinsniveau als auf dessen Wirkung auf die Real- und Finanzwirtschaft an. Höhere Zinsen werden erst dann zum Problem für Aktien, wenn sie die Kreditnachfrage, Investitionen und damit das Wirtschaftswachstum bremsen. Auch eine deutlich höhere Zinsvolatilität kann über steigende „Collateral Haircuts“ und strengere Risikolimits zusätzlichen Verkaufsdruck auf Aktien ausüben.

2. Egal ob „Boom“ oder Stagflation: Rohstoffe bleiben eine sinnvolle Portfolioergänzung
Rohstoffe bleiben unabhängig vom Konjunkturszenario interessant. Sollte das hohe Zinsniveau die makroökonomische Dynamik bremsen, könnten sowohl Aktien als auch Anleihen unter Druck geraten. In einem stagflationären Umfeld aus hoher Inflation und schwacher Wirtschaft haben sich Rohstoffe historisch hingegen als besonders robust erwiesen. Auch Commodity- und Energieaktien bleiben daher interessant.

3. Aktienregionen mit bereits schlechteren Finanzierungsbedingungen sollten untergewichtet werden.
Während die Finanzierungsbedingungen in den USA weiterhin locker sind, gibt es in der Eurozone bereits Anzeichen für eine nachlassende Kreditnachfrage. Das ist ein Warnsignal für die wirtschaftliche Dynamik und die europäischen Aktienmärkte. Die Geldpolitik der EZB, höhere Anleiherenditen und die anhaltende Energieproblematik könnten das Aufwärtspotenzial europäischer Aktien begrenzen.

Fazit: Ein höheres Zinsniveau allein macht Aktien noch nicht zum Problemfall. Entscheidend ist, ob der Zinsanstieg die Kreditnachfrage, Investitionen und damit das Wirtschaftswachstum belastet. Solange dies nicht der Fall ist, begrenzen robuste Wirtschaftsdaten das Abwärtspotenzial am Aktienmarkt und Rücksetzer können als Einstiegschance genutzt werden

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