Tauziehen zwischen KI und Defiziten

Stehen wir vor gesamtwirtschaftlichen Umbrüchen? Für Vanguard gibt es dafür klare Anzeichen. Die parallele Rally von Gold und Tech-Aktien ist mehr als ein makroökonomisches Kuriosum. Warum sich die Weltwirtschaft dem Zustand einer quantenmechanischen Superposition nähert – und was Anleger daraus für ihr Portfolio ableiten können, erklärt dieser Beitrag.
18. Dezember 2025
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Stehen wir vor gesamtwirtschaftlichen Umbrüchen? Für Vanguard gibt es dafür klare Anzeichen. Die parallele Rally von Gold und Tech-Aktien ist mehr als ein makroökonomisches Kuriosum. Warum sich die Weltwirtschaft dem Zustand einer quantenmechanischen Superposition nähert – und was Anleger daraus für ihr Portfolio ableiten können, erklärt dieser Beitrag.

An den Märkten lässt sich aktuell ein seltenes und historisch gesehen rätselhaftes Phänomen beobachten: Sowohl Gold als auch US-Aktien – insbesondere im Technologiesektor – erreichen derzeit neue Höchststände. In der Regel steigt der Goldpreis, wenn die Aktienmärkte korrigieren. Dass nun beide Anlageklassen gleichzeitig steigen, widerspricht dieser Regel, und Finanzmarktexperten fragen sich zunehmend, welche der beiden Anlagen überbewertet ist. Ganz abgesehen davon, bietet der gleichzeitige Anstieg von Gold und KI-bezogenen Technologieaktien jedoch einen Blickwinkel darauf, wie unsere wirtschaftliche Zukunft aussehen könnte, den Ökonomen, politische Entscheidungsträger und Investoren nicht ignorieren sollten.

Die vorherrschende Prognose – ein stetiges BIP-Wachstum von 2 % und eine Inflation von 2 %, wie sie von der Federal Reserve und anderen Zentralbanken angenommen wird – passt nicht zu diesem gleichzeitigen Anstieg von Gold und Aktien. Vielmehr beginnen Marktteilnehmer zunehmend, über eine Zukunft nachzudenken, die komplexer ist, als es der Konsens vermuten lässt.

Tauziehen zwischen KI-Potenzial und steigender Staatsverschuldung
Unsere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit von unerwarteten Ergebnissen für die US-Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren bei über 80 % liegt. Der Grund ist ein zunehmendes Tauziehen zwischen dem transformativen Potenzial der Künstlichen Intelligenz (KI) und den strukturellen Belastungen aufgrund steigender Haushaltsdefizite. Unsere Forschung, die sich auf Wirtschaftsdaten der vergangenen 130 Jahre stützt, lässt auf zwei Szenarien schließen. Beide stehen im Einklang mit dem gleichzeitigen Anstieg des Goldpreises und der US-Aktien; keine davon entspricht den Erwartungen der meisten Ökonomen.

Szenario 1: „KI gewinnt“
Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass KI-gestützte Technologien zu einer Art Allzweckwaffe werden – eine ähnliche Entwicklung, wie wir sie bei der Einführung des Personal Computers (PC) oder des Internets beobachten konnten. Davon getrieben, dürfte das Wachstum des realen BIP bis 2030 auf über 3 % steigen, wovon auch die Unternehmensgewinne profitieren. Der US-Aktienmarkt antizipiert zunehmend dieses Zukunftsszenario. Möglicherweise befürchten einige Anleger, diese einmalige Chance zu verpassen und investieren entsprechend vorausschauend.

Szenario 2: „Defizite dominieren“
Im pessimistischeren Szenario bleibt die KI hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig halten die fiskalischen Ungleichgewichte die Zinsen hoch und bremsen das Wachstum – verschärft wird dieser Trend durch die alternde Bevölkerung und geopolitische Spannungen. Der Markt betrachtet Gold traditionell als Wertspeicher und als eine Absicherung für eine Zukunft, in der die wirtschaftliche Sonderstellung der USA schwindet. Anleger, die von diesem Szenario ausgehen, treiben entsprechend den Goldpreis.

Wenn die wirtschaftlichen Aussichten wirklich so gespalten sind, wie dargelegt: Wie sollten sich Anleger dann angesichts des Spannungsfelds zwischen produktivitätsbedingtem Optimismus und schuldenbedingter Vorsicht für die nächsten Jahre positionieren? Würde eine Mischung aus Gold und US-Technologieaktien diese Risiken in den kommenden drei bis fünf Jahren optimal ausgleichen? Unsere Untersuchungen sagen: Nein. Wesentlich überzeugendere Anlagemöglichkeiten ergeben sich, wenn wir beginnen, über die zweite Hälfte des Schachbretts nachzudenken.

Die zwei Zyklen technischer Revolutionen
Angenommen, die Wirtschaft entwickelt sich, wie im „KI gewinnt-Szenario prognostiziert, dann sollten Anleger darüber nachdenken, einen größeren Teil ihrer Aktienbestände auch außerhalb des Silicon Valley zu platzieren. Das mag vorerst kontraintuitiv wirken. Doch für unsere Analyse haben wir uns die Investitionszyklen der letzten Jahrhunderte im Hinblick auf die technologische Entwicklung detailliert angeschaut. Es gibt in den Zyklen immer zwei Phasen – das galt etwa bei der Elektrizität, bei der Lokomotive, der Erfindung des Computers und beim Internet. In der ersten Phase läuft es für die neuen Technologieunternehmen hervorragend. Ihre Aktien laufen deutlich besser als der Markt. Dann kommt aber Phase zwei, in der der Technologiesektor schlechter läuft als der Gesamtmarkt.

Mit der zunehmenden Verbreitung der Technologie profitieren schließlich auch Nicht-Technologieunternehmen. Im Zeitalter der Elektrizität waren dies Hersteller und Dienstleistungsunternehmen. Rund um KI könnten es etwa Unternehmen aus dem Finanzsektor oder aus dem Gesundheitswesen sein. KI in Kombination mit Quantencomputern könnte etwa die Diagnostik revolutionieren. Es kommt zu einer Rotation der Aktienperformance, die sich von Technologieaktien auf andere Bereiche des Marktes verlagert. Tatsächlich zeigen unsere Analysen, dass ein Großteil der Wertprämie während der Verbreitung von Allzwecktechnologien entsteht. Das heißt: Je optimistischer Anleger beim Thema KI sind, desto weniger Technologieaktien sollten sie im Depot haben.

Nicht alle US-KI-Unternehmen gehören zu den Gewinnern
Wir gehören zu den größten Optimisten für die Konjunkturentwicklung in den USA, insbesondere für KI. Trotzdem sind wir bei Vanguard für den US-Aktienmarkt vorsichtig. Es würde mich nicht schockieren, wenn der S&P 500 und die KI-Aktien nächstes Jahr noch einmal um 30 % steigen. Unterm Strich geht es aber darum, Risiken langfristig richtig zu bewerten. Derzeit gibt es allein in den USA etwa 5.000 KI-Unternehmen. Nicht all diese Unternehmen werden jährlich um 20 % wachsen. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Es kann gut sein, dass wir zu früh dran sind, aber diese langfristige Entwicklung richtig zu timen, ist unmöglich. Die meisten Anleger haben einen Horizont von fünf, sieben oder gar zehn Jahren. Anleger, die jetzt frisches Geld anlegen, sollten nicht nur auf eine Karte setzen.

Und in dem pessimistischeren „Defizite dominieren“-Szenario? Vielleicht ist es überraschend, aber Gold dürfte dann alles andere als die optimale Anlage sein. Warum? Die Federal Reserve wird in diesem Szenario wahrscheinlich darum kämpfen, die Inflation in Schach zu halten. Wie Mitte der 1980er Jahre tragen kurzfristig höhere Zinsen dazu bei, die Enttäuschung über einen schwachen Aktienmarkt bis zu einem gewissen Grad auszugleichen. In diesem Szenario würde Gold eine unterdurchschnittliche Performance erzielen. Selbst wenn KI enttäuscht, sind die Maßnahmen der Fed zur Bekämpfung der Inflation die Achillesferse für Goldkäufer – aber ein Segen für Anleiheinvestoren in einem ansonsten schwierigen Investitionsumfeld. Wenn KI enttäuscht, könnten auch hier Aktien außerhalb der USA und des Technologiesektors einen Teil des Schlags abfedern.

 

Wirtschaftliche Umbrüche sind absehbar
In der Quantenmechanik gibt es ein Konzept, das als Superposition bekannt ist – ein Zustand, in dem ein Objekt gleichzeitig an mehreren Orten existieren kann. Unsere wirtschaftliche Zukunft befindet sich heute in den Anfängen eines solchen Zustands. Der Anstieg sowohl bei Gold als auch bei US-Aktien ist ein Indikator dafür. Die außergewöhnliche parallele Entwicklung scheint der gängigen Logik zu widersprechen. Allerdings ist es eine Logik, die auch nur dann gelten kann, wenn auch die wirtschaftlichen Aussichten dem Normal entsprechen.

Angesichts der offensichtlichen Überhitzung und Dynamik der aktuellen Finanzmärkte ist es leicht, den parallelen Anstieg von Gold und Tech-Titeln als Kuriosum abzutun. Dennoch sendet diese Entwicklung ein deutliches Signal, das Ökonomen, politische Entscheidungsträger und Anleger beachten sollten: Es stehen wirtschaftliche Umbrüche bevor. Wenn Anleger nun zweifeln, ist es Zeit, sich etwas defensiver aufzustellen. Das heißt aber keinesfalls, dass sie alle KI-Aktien verkaufen sollten. In den vergangenen drei Jahren sind Tech-Aktien hervorragend gelaufen und damit in vielen Anlegerdepots sehr hoch gewichtet. Die Risiken sind dadurch deutlich gestiegen. Etwas mehr Balance kann nicht schaden.

Autor: Joe Davis, Global Chief Economist and Global Head of the Investment Strategy Group, Vanguard

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