Über Jahrzehnte hinweg waren die öffentlichen Märkte der Ort, an dem Unternehmen erwachsen wurden. Anleger konnten beobachten, wie junge Firmen vom Small-Cap- in den Mid-Cap-Bereich aufstiegen und – in seltenen Fällen – schließlich zu den größten Unternehmen der Welt zählten. Heute findet diese Entwicklung zunehmend an den privaten Märkten statt. Wir sehen nun, dass manche Unternehmen zum Zeitpunkt ihrer Börsennotierung bereits vollständig etabliert erscheinen.
Dieser Wandel stellt die Indexkonstruktion auf die Probe. Die bevorstehenden Börsengänge von Unternehmen wie SpaceX, OpenAI und Anthropic haben Indexanbieter dazu veranlasst, erneut zu prüfen, wie schnell sehr große Unternehmen nach einem Börsengang in wichtige Benchmarks aufgenommen werden sollten. Einige Indexanbieter – darunter FTSE Russell und Nasdaq – bemühen sich darum, sicherzustellen, dass ihre Benchmarks die nächste Generation großer, börsennotierter Unternehmen erfassen können. Andere, darunter S&P Dow Jones Indices, ziehen es vor, an bewährten Schutzmechanismen festzuhalten und einen überlegteren Ansatz bei Zulassung und Aufnahme beizubehalten.
Aus unserer Sicht ist diese Vielfalt der Ansätze gesund. Indexanbieter versuchen, zwei wichtige Ziele miteinander in Einklang zu bringen: die Abbildung des investierbaren Marktes, während er sich weiterentwickelt, und zugleich die Wahrung von Liquidität, Stabilität und transparenten Regeln. Es gibt nicht die eine richtige Antwort. Eine Benchmark, die sich zu langsam bewegt, kann wichtige Veränderungen in der Wirtschaft verpassen. Eine Benchmark, die sich zu schnell bewegt, kann Anleger Unternehmen aussetzen, bevor Handelshistorie, Streubesitz und Fundamentaldaten ausreichend etabliert sind.
Ein häufig übersehener Aspekt der Benchmark-Konstruktion ist, dass Schlagzeilenbewertungen und Indexgewichte nicht dasselbe sind. Die meisten großen Aktienindizes basieren auf der Free-Float-adjustierten Marktkapitalisierung, das heißt, sie berücksichtigen die Aktien, die tatsächlich für den öffentlichen Handel verfügbar sind. Die eigene vorläufige Analyse von FTSE Russell zu SpaceX ging von einer gesamten Marktkapitalisierung von 1,5 Billionen US-Dollar aus, aber nur von einer verfügbaren Marktkapitalisierung von rund 70 Milliarden US-Dollar. Daraus ergaben sich geschätzte Gewichte von lediglich 0,11 % im Russell 1000 Index und 0,08 % im FTSE GEIS All-World Developed Index.
Ein Unternehmen kann die Schlagzeilen dominieren und dennoch mit einem vergleichsweise bescheidenen anfänglichen Gewicht in einen breiten Index aufgenommen werden. Mit der Zeit laufen Lock-up-Beschränkungen aus – also Sperrfristen, die Gründer, Mitarbeitende und frühe Investoren typischerweise daran hindern, ihre Aktien unmittelbar nach einem Börsengang zu verkaufen. Dadurch können mehr Aktien in den öffentlichen Markt gelangen und das Indexgewicht des Unternehmens potenziell steigen.
Eine weitere Frage, die Anleger möglicherweise noch nicht bedacht haben, lautet, ob solche Börsennotierungen Indizes automatisch wachstumsorientierter machen. Auf den ersten Blick scheint die Antwort offensichtlich. Viele dieser Unternehmen sind in Bereichen wie künstlicher Intelligenz (KI), Luft- und Raumfahrt sowie Cloud-Infrastruktur tätig. Doch Indexkonstruktion ist oft nuancierter, als Schlagzeilen vermuten lassen. Die Vorgehensweise von FTSE Russell verdeutlicht dies. Fast-Entry-IPOs haben im Allgemeinen die Stilmerkmale des ihnen zugeordneten Teilsektors übernommen, bis Unternehmensfundamentaldaten verfügbar sind. Der Indexanbieter hat jedoch auch eingeräumt, dass eine ausschließliche Orientierung an Branchendurchschnitten zu einer sogenannten „Marktfehlabbildung“ führen könnte, wodurch in bestimmten Fällen Raum für eine alternative Behandlung bleibt. Für SpaceX deutete die vorläufige Klassifizierung von FTSE auf Telekommunikation hin, wo der Teilsektordurchschnitt bei 18 % Growth und 82 % Value lag.
Das mag Anleger überraschen, die alles, was mit Raketen zu tun hat, intuitiv als Growth einstufen. Aber es ist jedoch eine nützliche Erinnerung: Indexinvestieren ist regelbasiert, nicht schlagzeilenbasiert. Stilindizes fragen nicht einfach, ob sich ein Unternehmen innovativ anfühlt. Sie bewerten Merkmale wie Bewertung, Gewinne, Wachstumskennzahlen und Branchenklassifizierung. Wenn künftig mehr reifere Unternehmen aus den privaten Märkten an die Börse gehen, könnten einige von ihnen traditionelle Stilrahmen infrage stellen.
An dieser Stelle werden die breiteren Auswirkungen auf Portfolios sichtbar. Breit angelegte Aktienindex-ETFs bleiben effiziente, taktische Instrumente, um diversifizierte Aktienexposure aufzubauen, und Länder- oder Stil-ETFs können Anlegern helfen, gezieltere Einschätzungen umzusetzen. Doch Indizes sind nicht statisch. Neue Unternehmen werden aufgenommen, Sektorgewichte verschieben sich, der Streubesitz verändert sich, Klassifizierungen entwickeln sich weiter und Konzentrationen entstehen. Indexexposure ist daher nicht zwangsläufig etwas, das Anleger einmal festlegen und dann vergessen sollten.
Wir glauben, dass die nächste Welle großer Börsengänge das Motto „Wisse, was du besitzt“ noch wichtiger machen wird, nicht weniger. Der Börsengang mag zwar für Schlagzeilen sorgen, doch die eigentliche Geschichte könnte darin bestehen, wie diese Unternehmen das Engagement in den Referenzindizes im Laufe der Zeit neu gestalten.
Marktkommentar von Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton ETF




