Software im KI-Stresstest: Wie groß ist das Disruptionsrisiko tatsächlich?

19. März 2026

Künstliche Intelligenz ist das derzeit dominierende Thema im Technologiesektor. Anfangs sahen Investoren durch neue KI-Anwendungen unisono enormes Wachstumspotenzial. Mittlerweile rücken jedoch zunehmend die Risiken in den Fokus. Investoren fragen sich, ob Softwarelösungen nicht selbst durch die KI-Agenten neuer Anbieter wie OpenAI ersetzt werden könnten.

Einige Investoren meiden daher generell den Softwaresektor. Beispielsweise fokussiert sich Softbank als Risikokapitalgeber bei Neuengagements auf Themen wie KI-Rechenzentren, Halbleiter und Robotics und meidet explizit den Softwaresektor. Ein Großteil der Aktien aus dem Softwarebereich hat zuletzt deutlich nachgegeben und ist historisch gesehen oftmals günstig.

Gut möglich, dass hier der Markt etwas übertreibt. Sicherlich ist die weitere Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz schwer einzuschätzen, sind doch die Fortschritte rasant. Allerdings sind die Geschäftsprozesse vor allem bei größeren Unternehmen sehr komplex und nicht so einfach durch einen KI-Agenten zu übernehmen, selbst wenn dieser über einen längeren Zeitraum angelernt wird. Erwartungen diesbezüglich sind auf dem OpenAI-Entwicklertag im Oktober teils enttäuscht worden. Der allübergreifende KI-Agent, der einen Großteil der Geschäftsprozesse abbilden kann, ist nicht präsentiert worden. Aktuell geht es eher in die Richtung, dass sich OpenAI als eine Art neues Betriebssystem analog zu Apples iOS oder Microsofts Windows im Bereich KI etabliert, auf das bestehende Softwarelösungen aufbauen. Dies hat zumindest an dem Tag der Präsentation zu einer Erholung der Softwareaktien geführt.

 Exklusive Datenbanken inmitten der KI-Disruption

Letztendlich ist aber nicht auszuschließen, dass langfristig zumindest ein Teil der heutigen Softwarelösungen obsolet und von KI-Agenten übernommen werden kann. Wichtig in dem Zusammenhang ist der exklusive Zugang zu Daten. Klassisches Beispiel sind Softwarelösungen aus dem Bereich Unternehmensressourcen-Planung (ERP). Die Systeme der führenden Anbieter verwalten einen Großteil der unternehmensinternen Daten ihrer Kunden, auf die kein anderes System ohne weiteres zugreifen kann. Dementsprechend dürfte das Disruptionsrisiko hier eher gering sein.

Beim führenden deutschen Anbieter liegen die Daten beispielsweise geschützt in der eigenen Datenbank. KI bietet somit für den Anbieter mehr Chancen als Risiken. Zentrales Tool ist ein KI-Agent, der nach Anlernung Routinetätigkeiten im Rechnungswesen, in der Buchhaltung oder im Personal selbstständig erledigen kann. Zudem befindet sich der Anbieter mitten in der Cloudmigration. Gut die Hälfte der Kundenbasis ist bereits auf die Cloudlösung migriert.

US-Softwarelösungen im Ringen mit den Hyperscalern

Ähnliches gilt für den führenden US-amerikanischen Anbieter von Unternehmensdatenbanken, der dedizierte Lösungen für Großkunden und KMUs anbietet. Zudem beginnt dieser nun im größeren Stil, KI-Rechenzentren aufzubauen, die an Drittkunden vermietet werden sollen.

Die anfängliche Euphorie ist mittlerweile der Angst gewichen, wie dieser Ausbau finanziert werden kann und ob OpenAI überhaupt ihren Verpflichtungen nachkommen kann angesichts der immer noch sehr hohen Cashburn-Rate. Der Ausbau von KI-Rechenzentren ist sehr kapitalintensiv und birgt daher vor allem für den US-Anbieter Risiken, da die bestehenden Cashflows nicht ausreichen und man somit einen Teil über Schulden finanzieren muss. Der US-Anbieter betont aber, dass man nur profitable Aufträge annehmen und eine Bruttomarge von 30 bis 40 % auf das KI-Cloudgeschäft erzielen will.

 Komplexe Softwarelösungen: tendenziell geschützt vor Disruption

Ein ebenfalls eher geringes Disruptionsrisiko haben die relativ komplexen Softwarelösungen im Bereich Produktlebenszyklus-Management (PLM). Trotzdem konnten sich PLM-Anbieter der allgemein schwachen Kursentwicklung im Softwaresektor nicht entziehen. Vor allem der Marktführer, der einen Marktanteil von 16 % aufweist, ist stärker unter Druck geraten, da man den Ausblick für 2025 nach unten revidieren musste.

 Risiken in der Bild- und Videobearbeitung durch KI-Generierung

Das wahrscheinlich größte KI-Disruptionsrisiko aktuell wird beim führenden Anbieter für Bildbearbeitungssoftware gesehen. Es gibt eine Vielzahl neuer „Text-to-Video-KI-Modelle“ von Anbietern wie OpenAI (Sora 2), Google (Veo 3) oder Runway (N/L), die potenziell neuen Wettbewerb für die bisherigen Flaggschiffprodukte in der Bild- und Videobearbeitung bedeuten. Bild- und Videoverarbeitung eignen sich besonders gut für KI. Allerdings dürfte auch hier zumindest ein Großteil der Kunden weiter mit den etablierten Lösungen des Marktführers arbeiten, besonders im professionellen Bereich. Der Marktführer bietet ebenfalls ein eigenes KI-Tool an. Zudem können die aktuell neuen KI-Lösungen bislang nicht mit derartig umfangreichen Funktionalitäten punkten. Ferner kommen immerhin rund 25 % des Umsatzes aus dem Dokumentenbereich (PDF), wo keine Disruptionsrisiken bestehen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass der Marktführer für Bild- und Videosoftware zum „KI-Opfer“ und im schlimmsten Fall früher oder später komplett ersetzt wird.

Mögliche Risiken bei Kundenmanagementlösungen 

Ein ebenfalls überdurchschnittliches KI-Disruptionsrisiko dürfte der führende Anbieter von Kundenmanagementsystemen (CRM) haben. Zwar bietet dieser ebenfalls ein eigenes KI-Tool an, die Monetarisierung blieb zwar unter den Erwartungen, ist aber mit jährlich wiederkehrenden Einnahmen von 1,4 Mrd. US-Dollar (entspricht Umsatzanteil von gut 3 %) im Sektorvergleich überdurchschnittlich. Zudem fokussiert sich der Anbieter zunehmend auf KI-Datenanalyse. Der Kundenmanagementanbieter selbst sieht zudem mehr Chancen als Risiken durch KI.

Autor: Hagen Ernst, Stellvertretender Leiter Research und Portfoliomanagement,DJE Kapital AG

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