II: Meine Herren, reisen wir doch kurz um den Globus und schauen einige Regionen an. Wie ist es beispielsweise um die US-Volkswirtschaft und US-Aktien zum Jahresende 2022 bestellt?
Schmidt: Angesichts des im Oktober etwas gesunkenen Inflationsdrucks ist die US-Volkswirtschaft in einer vergleichsweise besseren Lage als die europäische. Auf den Aktienmarkt projiziert stellen wir fest, dass viele der lange Zeit als wachstumsstark bekannten Aktien deutlich Schwächen zeigten und Federn lassen mussten. Doch der US-Markt ist nicht nur Tech, sondern es gibt auch viele Unternehmen der „Old Economy“ unter den Dow Jones-Schwergewichten. Gleichwohl lenken wir bei Metzler Asset Management unseren Fokus eher auf europäische Aktien.
II: Die USA machen die Pace, Europa hinkt hinterher. Ein „Comeback“ europäischer Aktien?
Schmidt: Eine pauschale Aussage greift auch hier zu kurz. Der europäische Aktienmarkt war in der jüngeren Vergangenheit besonders betroffen von Kursschwankungen, weil die steigenden Energiekosten zusätzlich belasteten. Die aktuellen Bewertungen spiegeln tendenziell eine übermäßig pessimistische Anlegerstimmung wider. Lösen sich die zuvor benannten Konflikte, könnten europäische Aktien durchaus wieder in der Breite attraktiver werden. Mitunter ein Umfeld, um Investments zu stark reduzierten Bewertungen einzugehen. Gleichwohl gilt, Europa ist sehr heterogen. Selektives Vorgehen und gründliche Unternehmensanalysen bleiben wichtig; die reine regionale Betrachtung hilft wenig weiter.
II: Nachgehakt, sind es die großen Player, die Sie interessieren oder die vermeintlich unscheinbaren in der zweiten Börsenreihe?
Schmidt: Schon der Blick auf die entsprechenden Aktienindizes zeigt, dass langfristig betrachtet Aktien kleinerer Unternehmen besser abschneiden als die großen Standardwerte. Seit Jahresanfang sind die Kurse der Unternehmen mit einer geringen Marktkapitalisierung jedoch deutlich heftiger eingebrochen als die der Großkonzerne. Insofern gehen wir sozusagen von einem Comeback der Nebenwerte aus. Für den langfristigen Investor bieten gerade Small Caps derzeit historische Einstiegsmöglichkeiten.
II: Und Deutschland? Viele sprechen davon, dass es eines neuen Geschäftsmodells bedürfe. Zu Recht?
Walk: Fakt ist, dass das bisherige Geschäftsmodell der Industrie mit günstiger Energie aus Russland und Produktions- und Absatzmärkten auf dem asiatischen Kontinent im laufenden Jahr unter Druck gekommen ist. Druck kommt zudem derzeit von der Währungsseite. Durch den starken Greenback musste Deutschland in den vergangenen Monaten für Importe mehr bezahlen als zu Jahresbeginn, ebenso für Öl und andere Rohstoffe, die in Dollar gehandelt werden. Positiv stimmt dagegen, dass der Gasverbrauch in Deutschland – sowohl seitens der Industrie als auch der Privathaushalte – weiter sinkt und die Appelle der Politik wirken.
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