Ölkonzerne stehen wegen des Klimawandels unter enormen Druck

Die Ölindustrie steht unter Zugzwang: Immer mehr westliche Staaten wollen wissen, wie sie zu den gesellschaftlichen Zielen eines Netto-Null-Emissionsausstoßes bis 2050 beitragen wollen. Darren Peers und Craig Beacock, Equity Investment Analysten bei Capital Group, analysieren die jüngsten Entwicklungen und geben eine Einschätzung zu möglichen kurz- und langfristigen Auswirkungen für Investoren. 
26. August 2021
Ölkonzerne - Foto: © Евгений Соловьев

Die Ölindustrie steht unter Zugzwang: Immer mehr westliche Staaten wollen wissen, wie sie zu den gesellschaftlichen Zielen eines Netto-Null-Emissionsausstoßes bis 2050 beitragen wollen. Darren Peers und Craig Beacock, Equity Investment Analysten bei Capital Group, analysieren die jüngsten Entwicklungen und geben eine Einschätzung zu möglichen kurz- und langfristigen Auswirkungen für Investoren. 

Die schlechten Nachrichten reißen für die großen Ölgesellschaften nicht ab: Nachdem sie den großen Einbruch der Ölpreise im Jahr 2020 überstanden haben, werden Forderungen an die großen Ölgesellschaften lauter, ihren Beitrag zu den gesellschaftlichen Zielen eines Netto-Null-Emissionsausstoßes bis zum Jahr 2050 zu leisten: So wurde Royal Dutch Shell vor kurzem von einem niederländischen Gericht angewiesen, die globalen Netto-Kohlenstoffemissionen bis 2030 um 45 Prozent zu reduzieren; und die Aktionäre von Chevron stimmten jetzt für eine Reduzierung der gesamten Treibhausgasemissionen des Unternehmens.

Der gesellschaftliche und strukturelle Druck steigt

„Big Oil ist einem nie dagewesenen gesellschaftlichen und strukturellen Druck ausgesetzt,“ so die beiden Experten. „Alle wollen bezahlbare und saubere Energie. Manchmal muss man sich dabei nicht entscheiden – zum Beispiel ist Energie aus Onshore-Wind- und Solaranlagen bezahlbar und sauber. In vielen anderen Bereichen der Energiekette ist saubere Energie allerdings noch teurer.“

Mit steigenden Kosten für die Ölindustrie, im Rahmen der Dekarbonisierung, würden auch die Herausforderungen wachsen. Wohlhabendere Regionen könnte das vermutlich verkraften, aber für die Weltwirtschaft insgesamt sei es ein richtiges Problem. Alle Ölunternehmen versuchten in unterschiedlichem Maße, einen schmalen Grat zu beschreiten. Die großen europäischen Ölkonzerne hätten zwar solide Pläne, um ihren Beitrag zu den gesellschaftlichen Plänen der Dekarbonisierung zu leisten. Die großen US-amerikanischen Ölgesellschaften seien hingegen weniger proaktiv.

„Ich wäre ein großer Befürworter einer Kohlenstoffsteuer, die einen Preis auf Kohlenstoff festlegt. Ich denke, das würde dazu beitragen, das Spielfeld zu ebnen,“ so Peers. „Im Moment haben wir es mit einem Wirrwarr von Subventionen und Vorschriften und unterschiedlichen Risiken zu tun.“ BP zum Beispiel steige aggressiv in erneuerbare Energien ein und riskiere damit, dass das Unternehmen mit diesen Investitionen keine guten Renditen erzielen kann. Chevron und Exxon Mobil hingegen seien weniger bereit, in bisher unrentable Bereiche der alternativen Energien vorzudringen – aber sie könnten Gefahr laufen, dass die Gesellschaft ein solche Haltung auf Dauer einfach nicht akzeptiert.

Das Dilemma der Ölgesellschaften: Dekarbonisierung wirtschaftlich rentabel gestalten

Hierin besteht nach Ansicht der beiden Equity Investment Analysten auch das Dilemma der Ölgesellschaften: In welchem Tempo und in welchem Umfang werden die Ölgesellschaften die Dekarbonisierung vorantreiben? „Bislang ist es noch zu früh, um zu wissen, welche Unternehmen – wenn überhaupt – erfolgreich sein werden, wenn es darum geht, kohlenstoffarme Geschäftsbereiche mit attraktiver Wirtschaftlichkeit aufzubauen,“ so Beacock.

Auch für Unternehmen, die den Vorstoß in den Bereich der erneuerbaren Energien wagen wollten, sei die Rechnung äußerst schwierig. Denn die Höhe der Investitionen, die erforderlich sei, um die Cashflows aus dem alten Ölgeschäft zu ersetzen, sei schwer zu kalkulieren. „Solange die Wirtschaftlichkeit kohlenstoffarmer Energien nicht bewiesen ist, werden diese Unternehmen für ihre Bemühungen eher keine Anerkennung von Investoren erhalten.“  Die Dividendensicherheit sei dabei ein wichtiger Teil der Argumentation für Investitionen in den Ölsektor, und all diese Unternehmen würden letztlich anhand ihrer künftigen Cashflows und Kapitalrenditen bewertet.

Shell und BP zum Beispiel hätten beide vor einem Jahr ihre Dividenden drastisch gekürzt, wodurch ihre Aktienkurse gelitten haben. „Meiner Meinung nach ist dies zum Teil auf die Skepsis der Anleger zurückzuführen, ob sie in der Lage sind, ihr Geschäft von Öl auf erneuerbare Energien umzustellen und dabei Gewinne zu erzielen,“ so Beacock. Das Vorgehen von Shell und BP stehe dabei in klarem Gegensatz zu dem Chevron. Der US-Ölkonzern habe erklärt, dass die Dividenden für die Anteilseigner eine höhere Priorität hätten als eine schnelle Umstellung auf erneuerbare Energien – für dieses Ziel verfolge Chevron einen langfristigeren Ansatz.

Peers und Beacock halten es für wahrscheinlich, dass die Nachfrage nach Öl und Gas in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird, um dann auf ein Plateau zu stoßen und einen sehr langsamen Nachfragerückgang zu erleben. „Diese mögliche Entwicklung wird durch die derzeitige Wirtschaftslage bestimmt: Kohlenwasserstoffe sind immer noch der billigste Weg, um Gesellschaften und das Wachstum ihrer Volkswirtschaften mit Energie zu versorgen,“ so die beiden Experten. „Für die großen Ölgesellschaften wäre dies kein störendes Ergebnis, außer dass sie weiterhin als das Problem und nicht als die Lösung angesehen werden.“ Trotzdem sollten sich die Ölgesellschaften und ihre Shareholder darauf einstellen, dass ihnen angesichts des gesellschaftlichen Ziels eines Netto-Null-Emissionsausstoßes bis 2050 Gegenwind und regulatorische Vorschriften drohen. (ah)

Foto: © Евгений Соловьев — stock.adobe.com

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