Strategien & ProdukteNachhaltigkeits-Länderranking: Deutschland in den Top Ten

In den Bemühungen um eine nachhaltige Gesellschaft kommt dem Finanzsektor eine Schlüsselrolle zu. Gleich im Artikel zwei des Pariser Klimaabkommens ist festgehalten, dass auch die Finanzmittelflüsse im Einklang mit nachhaltigem Handeln stehen müssen. Mehr und mehr Investoren scheinen sich dieser Erwartung anzuschließen: Ende 2020 belief sich die Gesamtanlagesumme in verantwortungsvollen Investments in Deutschland auf ganze 1641 Milliarden Euro.
17. Mai 2021
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In den Bemühungen um eine nachhaltige Gesellschaft kommt dem Finanzsektor eine Schlüsselrolle zu. Gleich im Artikel zwei des Pariser Klimaabkommens ist festgehalten, dass auch die Finanzmittelflüsse im Einklang mit nachhaltigem Handeln stehen müssen. Mehr und mehr Investoren scheinen sich dieser Erwartung anzuschließen: Ende 2020 belief sich die Gesamtanlagesumme in verantwortungsvollen Investments in Deutschland auf ganze 1641 Milliarden Euro.

Um mit den investierten Mitteln tatsächlich etwas zu bewegen, müssen Investoren und Fondsmanager nachhaltige Investment-Ziele von Greenwashing unterscheiden können. Eine große Herausforderung, denn häufig sind die notwendigen Informationen, um diese Einschätzung richtig treffen zu können, nur mit großem Arbeitsaufwand und intensiver Recherche zu bekommen. Sie sind auf verlässliche Studien und Daten angewiesen, die sich eingehend mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen.

Länderrankings geben Orientierung

Nachhaltigkeit wird von Land zu Land sehr unterschiedlich verfolgt. Es ist daher zunehmend wichtiger, einzelne Länder im Vergleich zu betrachten. Investoren hilft das bei der Allokation und der Portfoliogestaltung. Orientierung bieten ESG-Länderrankings. Sie bewerten die Nachhaltigkeits-Performance einzelner Nationen und errechnen mithilfe von vorab definierten Kennzahlen Nachhaltigkeits-Scores für ausgewählte Länder. Sie machen die Bemühungen und Fortschritte der Länder untereinander vergleichbar.

Rankings dieser Art haben direkten Einfluss auf die Arbeit von ESG-Fondsmanagern. Niedrigere ESG-Ratings erfordern in der Regel höhere Risikoprämien – was wiederum dazu führen kann, dass diese Regionen zu geringeren Anteilen im Portfolio vertreten sind. So schreckt beispielsweise Russlands oder Saudi-Arabiens erhöhtes Potenzial für lokale politische Unruhen Fondsmanager davon ab, sie stärker in ihre Fonds einzubinden, obwohl die Anleihepreise zurzeit attraktiv wären.

Richtiges Handeln richtig messen

Ein Beispiel für eine solche Bewertung hat Candriam, der europäische Asset Manager von New York Life Investments, im letzten Jahr bereits zum dritten Mal vorgenommen. Das Ranking erfasst und beurteilt die Nachhaltigkeit von 128 Ländern. Im Zuge der kontinuierlichen Verbesserung der Messgrößen gab es in diesem Jahr dabei eine entscheidende Änderung: Die Umwelt steht jetzt im Mittelpunkt des ESG-Ratings.

Candriam nimmt sich damit einem Problem an, das mit dem Thema Nachhaltigkeit häufig einhergeht: Wie misst man sie richtig? Eine Möglichkeit sich dem Begriff analytisch zu nähern, ist es, vier Kapitalformen – Human‑, Sozial‑, Wirtschafts- und Naturkapital – zu erfassen. Um Sozial‑, Wirtschafts- oder Humankapital zu erzeugen, verbraucht ein Land natürliche Ressourcen (Naturkapital) und verursacht damit unter Umständen irreparable Schäden an der Umwelt. Sind die natürlichen Ressourcen erst einmal verbraucht, kann das Land auch in den anderen Bereichen kein Kapital mehr erzeugen.

Entsprechend gewichtet Candriam sein Scoring-Modell stärker nach der ökologischen Effizienz, mit der die Nationen für einen hohen Lebensstandard sorgen. Der Gesamtwert für die Nachhaltigkeit eines Landes ergibt sich dann aus dem Durchschnittswert für Sozial‑, Wirtschafts- oder Humankapital multipliziert mit dem Wert für Naturkapital. Im Vergleich zu anderen Rankings wird es so für die Länder schwieriger, Umweltschäden durch gute Werte in den anderen Kapitalformen auszugleichen.

Was dem Dänen die Landwirtschaft, ist dem Australier der Bergbau

Aus allen 128 analysierten Ländern geht die Schweiz als Gesamtsieger hervor. Sie sichert sich sowohl beim Natur- als auch beim Humankapital die Führung und erzielt auch in den übrigen Kapitalformen sehr hohe Werte. Der zweite Platz geht an Schweden. Es profitiert von der besonderen Gewichtung des Naturkapitals und zieht knapp an Dänemark (Platz 3) vorbei. Insgesamt schneiden beide Länder beim Naturkapital etwas schlechter ab als die Schweiz, da sie stärker auf Land- und Forstwirtschaft angewiesen sind. Durch die übermäßige Nutzung der forstwirtschaftlichen Ressourcen belasten sie ihre Ökosysteme stärker. Deutschland rangiert in der Gesamtbewertung auf Platz zehn. Zwar belegt es neben der Schweiz einen der Spitzenplätze in der Kategorie Humankapital, in den drei anderen Kapitalformen kann Deutschland allerdings nicht ganz vorne mithalten.

Österreich und Frankreich gehören unter den Industrieländern ebenfalls zu den Spitzenreitern beim Naturkapital, wenngleich sie beim Umweltschutz noch Aufholbedarf haben. Unter den Schwellenländern schneiden Uruguay, Panama und Costa Rica gut ab. Dabei fällt auf, dass Uruguay durch die Abhängigkeit von Land- und Forstwirtschaft einerseits zwar Punkte verliert, andererseits jedoch besser abschneidet als 87 Prozent der weltweit analysierten Länder.

Südkorea, Estland, Griechenland und Australien bilden dagegen beim Naturkapital die Schlusslichter unter den Industrieländern. Im Falle von Estland, Griechenland und Australien liegt das vor allem an signifikanten Schwächen beim verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. So ist Australien beispielsweise stark auf Bergbau- und Kohlenwasserstoffexporte konzentriert und weist daher hohe Co2-Emissionen auf. Ghana, Indonesien und Trinidad gehören unter den Schwellenländern zu den Verlierern beim Naturkapital.

Neben Deutschland und der Schweiz führen Hongkong, Großbritannien sowie die Niederlande beim Humankapital das Ranking an. Die Schweiz und Hongkong weisen allerdings leichte Schwächen bei der Gesundheitsversorgung auf – die Schweiz liegt bei den Impfungen hinter den anderen Ländern, während Hongkong weniger effizient bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist.

Unter den Schwellenländern gehören unter anderem Polen, Thailand und Ungarn zu den Bestplatzierten in dieser Kapitalform. Wenngleich Polen in dieser Kapitalsäule insgesamt gut abschneidet, beeinträchtigen sekundäre Risikofaktoren wie Rauchen und Fettleibigkeit die Bewertung. Zu den Schlusslichtern beim Humankapital gehören Lettland, Litauen und Griechenland.

Im Hinblick auf das Sozialkapital erzielt Norwegen den höchsten Wert. Das Regierungssystem des Landes basiert auf einer starken Rechtsstaatlichkeit. Zudem steht die gleiche Behandlung aller Bürger und Bürgerinnen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe, weit oben auf der Agenda. Die Philippinen, Kenia, die Ukraine, Honduras und Thailand weisen die niedrigsten Werte auf verschlechterten sich insbesondere bei der Sicherheit.

In der Kapitalsäule Wirtschaft liegt Honkong an der Spitze, gefolgt von Dänemark und Schweden. Die Ukraine, Sambia sowie Trinidad und Tobago schneiden hinsichtlich des Wirtschaftskapitals am schlechtesten ab. Im Ländervergleich wird zudem deutlich: Die Verbrauchsmuster in den Industrieländern sind langfristig nicht nachhaltig.

Es geht um alles – auch um Kreditwürdigkeit

Die Länderrankings geben Fondsmanagern noch weit mehr an die Hand als bloß eine relative Einschätzung der Nachhaltigkeit einzelner Länder. So messen beispielsweise Regierungsführungs-Indikatoren (Governance) wie sich ein Land entwickelt, ein dynamisches Geschäftsumfeld und Zuflüsse von strukturellen Investitionen etabliert und aufrechterhält. Richtig ausgeübt, sorgen diese Faktoren für nachhaltiges Wachstum. Gerade im Hinblick auf die Schwellenländer werden sie – zusammen mit sozialen Aspekten – oft genau betrachtet, um die Kreditwürdigkeit eines Landes zu bewerten.

Bei der Einschätzung von Kreditwürdigkeit, Nachhaltigkeit und finanzieller Risiken geht es oft um mehr als rein finanzielle Kennzahlen. Investoren wollen angemessen für die ESG-Risiken entschädigt werden, denen sie bei Investitionen in einigen Ländern oder Unternehmen gegebenenfalls ausgesetzt sind.

Investoren müssen informierte, begründete Investment-Entscheidungen treffen können – oder in der Lage sein, die von Fondsmanagern getroffenen Entscheidungen nachzuvollziehen. Dazu bedarf es einerseits gründlicher Forschungs- und Recherchearbeit, regelmäßiger Berichterstattung und Zugang zu verlässlichen Daten. Andererseits gilt es, diese Instrumente kontinuierlichen zu prüfen. Werden die richtigen Faktoren gemessen? Bilden die Studien und Berichte den Status quo verlässlich ab?

Nur, wenn diese Aspekte beachtet werden, haben Investoren die Chance, ihre grundsätzliche Bereitschaft zu nachhaltigem Investieren auch wirkungsvoll in die Tat umzusetzen. So kann die Finanzbranche schließlich ihren Teil dazu beitragen, die Welt so zu hinterlassen, dass die Interessen späterer Generationen gewahrt werden und ihnen ein lebenswerter Planet erhalten bleibt.

Autoren: Diliana Deltcheva, Head of Emerging Market Debt bei Candriam & Kroum Sourov, Leitender ESG Analyst – ESG-Länderresearch bei Candriam

Diliana Deltcheva, Head of Emerging Market Debt bei Candriam

Beitragsbild: © Murrstock — stock.adobe.com

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