Im vergangenen Jahr wurde zum ersten Mal seit 2018 mehr Geld aus Nachhaltigkeitsfonds abgezogen als investiert. Für Kevin Naumann und Nils Bartsch von KPMG ist das nicht überraschend. Im exklusiven Interview beleuchten sie die Gründe und erläutern, wie die Reform der EU-Offenlegungsverordnung die Nachfrage nach ESG-orientierten Investments wiederbeleben kann.
Intelligent Investors: Rund 84 Milliarden US-Dollar haben Anleger 2025 aus Nachhaltigkeitsfonds abgezogen. Ist der Markt für nachhaltige Fonds tot?
Kevin Naumann: Nein, keineswegs. Wer jetzt das Ende von ESG in der Geldanlage ausruft, verkennt die Dynamik des Marktes. Das global verwaltete Vermögen in diesem Segment bleibt trotz der jüngsten Dämpfer auf einem beachtlichen Niveau. Was wir hier beobachten, ist so etwas wie ein Reifeprozess. Nachhaltigkeit muss sich neu behaupten: Einerseits stehen nachhaltige Investments im starken Wettbewerb mit konventionellen Anlagen, wenn es um die Performance geht. Andererseits erwarten Anleger, dass Asset Manager ihre Nachhaltigkeitsversprechen auch belegen können.
II: Was ist der Grund für diese Entwicklung?
Kevin Naumann: Im Wesentlichen gibt es drei Gründe. Zum einen hat der politische Kurswechsel in Washington den globalen Klimaschutzinitiativen spürbar den Rückenwind genommen. Zum anderen lieferten klassische Portfolios zuletzt oft eine bessere Performance als ESG-orientierte Assets, was rein renditegetriebene Investoren zum Ausstieg bewegte. Hinzu kommt eine tiefsitzende Verunsicherung, die durch Greenwashing-Skandale und die mangelnde Verbindlichkeit der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR). Eine Umfrage des Morgan Stanley Sustainability Institute im vergangenen Jahr ergab, dass 88 Prozent der privaten Anleger weltweit an nachhaltigen Anlagen interessiert sind. Das verdeutlicht: ESG-Investments sind kein Tabu-Thema. Jedoch verlangen Anleger nachvollziehbare und belastbare Produktmerkmale.
II: Genau hier setzt die EU mit der Reform der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR 2.0) an. Was ändert sich konkret?
Nils Bartsch: Die SFDR 2.0 zieht einen Schlussstrich unter die bisherige Artikel‑8/9‑Systematik und schafft ein echtes Gütesiegel für ESG-Investments. Um Auslegungsspielräume bei Begrifflichkeiten zu verringern, wird es künftig vier Kategorien geben: „Sustainable“ für dezidiert grüne Ziele, „ESG Basics“ für Standard-Nachhaltigkeitsansätze und eine völlig neue Kategorie namens „Transition“. Sie berücksichtigt Investitionen in Unternehmen oder Projekte, die aktuell noch nicht nachhaltig sind, dieses Ziel jedoch nachvollziehbar und messbar verfolgen. Schließlich gibt es noch nicht-kategorisierte Produkte: Darunter fallen Investments ohne nachhaltige Merkmale oder Ziele, für die Anbieter aber erklären müssen, warum sie nicht kategorisiert sind und wie sie Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen.
II: Die „Transition“-Kategorie gilt als Hoffnungsträger, um den Wandel der Realwirtschaft zu finanzieren. Warum?
Nils Bartsch: Das Konzept ist wegweisend, weil es den Blickwinkel verschiebt: Früher wurden nur Unternehmen berücksichtigt, die nachhaltig ausgerichtet sind. Jetzt können Anleger erstmals gezielt in Transformationsprojekte investieren. Denken Sie an einen klassischen Autobauer auf dem Weg zur reinen E‑Mobilität – dieser Umbau kostet Milliarden. Allerdings hat der Entwurf eine Schwachstelle: Die geplanten Pauschalausschlüsse für Branchen wie fossile Brennstoffe greifen zu kurz. Gerade dort, wo der CO2-Ausstoß hoch ist, liegt doch der größte Hebel für eine echte Transformation, weshalb ein genereller Ausschluss kontraproduktiv ist.
II: Die SFDR 2.0 verlangt, dass mindestens 70 Prozent des Fondsvermögens den jeweiligen Kriterien entsprechen. Nimmt das den Asset Managern nicht jegliche Flexibilität?
Kevin Naumann: Nein, im Gegenteil! Die 70-Prozent-Grenze schafft Verlässlichkeit. Schlagwörter wie „öko“, „grün“ oder „ESG“ im Fondsnamen oder im Vertriebsmaterial dürfen nur verwendet werden, wenn die Mindeststandards der jeweiligen Kategorie erfüllt sind. Hinzu kommen harte Ausschlussgrenzen für Sektoren wie Kohle oder Rüstung sowie eine einheitliche Liste zulässiger Vermögenswerte. Für Asset Manager bedeutet es das Ende bloßer Versprechen. Wer künftig bestehen will, muss seine Nachhaltigkeitspositionierung untermauern.
II: Nach Inkrafttreten der SFDR 2.0 bleibt Asset Managern wohl nur rund ein Jahr für die Umsetzung. Wie sieht ein möglicher Fahrplan aus?
Nils Bartsch: Priorität sollte jetzt eine Inventur des eigenen Portfolios haben. Asset Manager müssen analysieren, welche Produkte überhaupt in das neue Rastersystem passen. Daraus ergeben sich zwei Wege: Entweder man baut bestehende Fonds um, um die Kriterien zu erfüllen. Oder man vollzieht eine Umkategorisierung, wenn die Strategie schlicht nicht zu den Vorgaben passt. Wichtig ist dabei der Austausch mit institutionellen Kunden, um strategische Anpassungen transparent zu begründen. Erst danach folgt die operative Neugestaltung der internen Prozesse, von der Governance bis zum Vertrieb und zum Marketing.
II: Klingt nach mehr Bürokratie. Welche Chancen gibt es für die Fondsindustrie?
Nils Bartsch: Ist die SFDR 2.0 erstmal umgesetzt, bringt sie auch Entlastungen. So werden die Dokumentationspflichten entschlackt: Die oft bis zu 18 Seiten langen Anhänge in den Verkaufsprospekten schrumpfen auf zwei bis drei Seiten. Ein weiterer Pluspunkt: Das jährliche, extrem aufwendige Principal Adverse Impact Statement (PAI) auf Unternehmensebene fällt in dieser Form weg. Die detaillierte Berichterstattung über negative Nachhaltigkeitseffekte wird künftig nur noch für diejenigen Einzelfonds fällig, die tatsächlich unter die SFDR-Kriterien fallen.
II: Weniger Bürokratie und schlankere Prospekte sind das eine. Aber wie gelingt es in der Praxis, enttäuschte Investoren wieder für diese Produkte zu begeistern? Reine Pflichterfüllung wird kaum ausreichen, um neue Investitionen zu generieren.
Kevin Naumann: Eine große Chance für Nachhaltigkeitsfonds ist der regionale Bezug. Erfahrungen aus den Bereichen der Alternatives und ELTIFs zeigen sehr deutlich, dass Investments in greifbare, örtliche Projekte auf positive Resonanz stoßen. Wenn Anleger konkret sehen, dass ihr Kapital direkt in den Umbau der lokalen Infrastruktur fließt, beispielsweise in umweltfreundliche Busflotten, schafft das eine emotionale Identifikation, die weit über abstrakte ESG-Kennzahlen hinausgeht. Solche sichtbaren Projekte stiften echte Glaubwürdigkeit und dienen gerade in volatilen Marktphasen als stabilisierende Komponente im Portfolio sowie in der Kundenkommunikation.
II: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund langfristig die Perspektiven für nachhaltige Geldanlagen – welchen Einfluss wird die SFDR 2.0 tatsächlich auf die Zukunft des Marktes haben?
Kevin Naumann: Die langfristige Entwicklung wird stark davon geprägt sein, wie die Marktteilnehmer die neuen Vorgaben annehmen. Fest steht: Nachhaltigkeit ist keine reine Modeerscheinung. Die Grüne Transformation der Wirtschaft verlangt in den kommenden Jahrzehnten enorme Kapitalströme. Die Reform beseitigt Unklarheiten bei ESG-Investments und bringt verlässliche Produktstandards. Sie bietet damit die Chance, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und kann so einen Nachfrageschub bei nachhaltiger Geldanlage auslösen.
Kevin Naumann ist Partner im Bereich Financial Services bei KPMG und leitet das Consulting Geschäft im Asset Management sowie die ESG-Practice für AM in Deutschland und EMA.
Nils Bartsch ist Senior Manager im Bereich Financial Services bei KPMG und ist verantwortlich für die operationelle Leitung der ESG-Practice für das Asset Management in Deutschland




