Kommentar zur bevorstehenden EZB-Sitzung

Im Vorfeld der aktuellen EZB-Sitzung steht weniger die Zinserhöhung selbst im Fokus als vielmehr die Frage, welches Signal die Notenbank an die Märkte senden wird. Felix Feather, Economist bei Aberdeen, erläutert die Prognosen für die kommende EZB-Sitzung.
9. Juni 2026
Foto: © Martin Muniz - stock.adobe.com

Im Vorfeld der aktuellen EZB-Sitzung steht weniger die Zinserhöhung selbst im Fokus als vielmehr die Frage, welches Signal die Notenbank an die Märkte senden wird. Felix Feather, Economist bei Aberdeen, erläutert die Prognosen für die kommende EZB-Sitzung.

„Die Europäische Zentralbank dürfte in dieser Woche die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,25 % anheben. Gleichwohl besteht weiterhin Unsicherheit darüber, wie diese Entscheidung kommunikativ eingeordnet wird.

Diese Unsicherheit resultiert zum einen daraus, dass mögliche – oder auch ausbleibende – Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran den makroökonomischen Ausblick kurzfristig beeinflussen könnten. Zum anderen ist die Entscheidungslogik der EZB nicht ganz klar, sodass die Märkte auf dieser Sitzung besonders sensibel auf neue Prognosen, die Inhalte des geldpolitischen Statements sowie den Tonfall von Christine Lagarde reagieren dürften.

Die Möglichkeit, dass die Zinserhöhung in einer vergleichsweise vorsichtigen Weise kommuniziert wird, wird derzeit möglicherweise unterschätzt.

Es gilt als nahezu sicher, dass die EZB keine explizite Forward Guidance zu weiteren Zinsschritten geben wird. Das deutlichste Signal für zusätzliche Straffungen wäre vermutlich die Bestätigung Lagardes, dass der EZB-Rat implizit weiterhin eine Tendenz zu Zinserhöhungen hat. Dies könnte von den Märkten jedoch bereits als überraschend unverbindlich interpretiert werden, da derzeit zwei weitere Zinsschritte innerhalb der kommenden zwölf Monate eingepreist sind.

Ein eindeutig zurückhaltendes Signal wäre es, die aktuelle Zinserhöhung als Maßnahme des „Risikomanagements“ zu charakterisieren. Dies würde implizieren, dass sich die EZB auf einem Zinsniveau positioniert, von dem aus sie besser auf Extremrisiken reagieren kann – und weniger den Beginn eines längeren Zinserhöhungszyklus signalisieren kann.

Lagarde dürfte zugleich zentrale Orientierungspunkte für mögliche weitere Straffungen skizzieren. Dabei wird der Fokus weniger auf dem Energieschock selbst liegen, sondern vielmehr auf möglichen Zweitrundeneffekten, insbesondere auf mittelfristigen Inflationserwartungen und der Lohnentwicklung.

Bislang konzentriert sich der Inflationsdruck jedoch weiterhin stark auf den Energiesektor. Hinweise auf ausgeprägte Zweitrundeneffekte sind begrenzt. Lohnindikatoren und Umfragen zeigen bislang kaum Anzeichen für steigende Lohnforderungen, was den Durchschlag auf die Inflation im Dienstleistungssektor begrenzen dürfte.

Unter der Annahme unseres Basisszenarios – in dem die Ölpreise auf 90 US-Dollar je Barrel fallen und anschließend weiter sinken – könnte die Zinserhöhung im Juni die letzte in diesem Jahr gewesen sein.
Allerdings sind die Risiken klar nach oben gerichtet: Sollten sich stärkere Zweitrundeneffekte materialisieren oder es zu einem erneuten Energieschock kommen, dürfte die EZB deutlich entschlossener reagieren.”

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