Waren ESG und Klimaschutz vor wenigen Jahren in der Finanzbranche noch in aller Munde, ist die immer schneller fortschreitende Erderwärmung heute weitgehend zu einem „Blind Spot“ geworden – mit gravierenden Folgen nicht nur für das Klima.
Trotz klarer Evidenz für zunehmende Klimarisiken wird das Thema „Global Warming“ derzeit an den Kapitalmärkten weitgehend ausgeblendet. Dieser blinde Fleck dürfte ein fataler Fehler sein. Das wird insbesondere dann deutlich, wenn die Bedeutung kritischer Kippelemente im globalen Klimasystem richtig verstanden und mit Hilfe neuer Risikomodelle gewürdigt wird.
Wenn Klimasysteme unumkehrbar kippen
Kippelemente sind essenzielle Teilsysteme des Erdklimas, die bei Überschreiten kritischer Temperatur-Schwellenwerte – der sogenannten Climate Tipping Points – abrupt und meist unumkehrbar in einen neuen Zustand übergehen. Zu den wichtigsten Kippelementen zählen die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) und der Amazonas-Regenwald. In jedem dieser Fälle gilt: Positive Rückkopplungen und andere Selbstverstärkungsmechanismen spielen eine zentrale Rolle. Sobald der jeweilige Kipppunkt überschritten ist, läuft ein sehr dynamischer, nichtlinearer und sich selbst beschleunigender Prozess – ein Teufelskreis.
Hinzu kommt, dass viele Klimakippelemente auf komplexe Weise miteinander verbunden sind. So führt die polare Eisschmelze nicht nur zu einem Meeresspiegelanstieg, sondern verstärkt unmittelbar auch die Erderwärmung und bewirkt gleichzeitig eine Abschwächung der Atlantischen Umwälzzirkulation – Effekte, die wiederum andere Kippelemente beeinflussen und deren Dynamiken beschleunigen können. Die Gesamtwirkung solcher Dominoeffekte („Kippkaskaden“) erzeugt weitaus größere Klimarisiken als in vielen Annahmen und Risikomodellen bislang unterstellt.
Unterschätzte Wirkungsweise der Kippdynamiken
Die daraus resultierende Dynamik ist äußerst bedeutsam. Denn: Fundamentale Klimaveränderungen, die bislang als „folgenschwer“, aber „wenig wahrscheinlich“ interpretiert wurden („high Impact – low Probability“), entwickeln sich rasant zu „wahrscheinlichen“ und „potenziell katastrophalen“ Ereigniskaskaden („high Impact – high Probability“).
Die Konsequenz ist klar: Mit steigender Wahrscheinlichkeit resultieren schon in wenigen Jahren gravierende Veränderungen des Erdklimas, wie vermehrte Dürren oder die Überflutung küstennaher Gebiete und Metropolen. Ein starker Anstieg von Extremwetterschäden wird zur neuen Normalität. Die absehbaren Verwerfungen betreffen zentrale Ökosysteme, die Existenzgrundlage für Milliarden Menschen sind. Diese Kernaussagen werden durch neue Erkenntnisse der Klimaforschung – speziell zur Bedeutung der Climate Tipping Points – klar gestützt.
Weltweit steigende Kosten von Naturkatastrophen und Extremwettereignissen

Die klare Zunahme klimabedingter Großschäden ist wohl erst der Anfang eines Trends, der in den kommenden Jahren zu erheblichen Zerstörungen von Gebäuden, Lebensräumen und wichtiger Infrastruktur führen wird. Schon jetzt belaufen sich die seit 1980 kumulierten Schäden auf 6,9 Bio. US-Dollar. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Erderwärmung werden diese Kosten auch in Zukunft progressiv steigen – möglicherweise sogar exponentiell. Finanzexperten warnen vor der Gefahr einer systemischen Krise, sobald auftretende Klimaschäden die Tragfähigkeit privater oder staatlicher Deckungsstöcke übersteigen.
Zentralbanken beginnen umzudenken
Auch wenn eine präzise Berechnung derartiger Kosten kaum möglich ist, dürfen zukünftige Klimaschäden nicht ignoriert werden. Zuletzt melden sich vermehrt (Rück-)Versicherungen mit alarmierenden Einschätzungen. Denn: Substanzielle Vermögenswerte in besonders exponierten Regionen, darunter Wohnhäuser, Fabrikgebäude oder Hafenanlagen, gelten plötzlich als „nicht versicherbar“ – zumindest nicht zu bislang marktüblichen Konditionen. Sind Hypothekenkredite im Spiel, schlägt das Problem unmittelbar auf die Kreditmärkte durch („Spillover“). Geschieht dies gehäuft und konzentriert, wie bei scharfen Klimaveränderungen zwangsläufig der Fall, bekommt das jeweilige Bankensystem ein ernstes Problem. Dieser Aspekt wird aber in weiten Teilen des Finanzsystems bislang noch nicht hinreichend zur Kenntnis genommen.
Doch allmählich scheint eine veränderte Risikowahrnehmung einzusetzen, vor allem bei Zentralbanken und anderen Aufsichts- oder Regulierungsorganen. So hat jüngst das Bundesamt für Finanzmarktaufsicht (BaFin) die Finanzinstitute angewiesen, „materielle Risiken“ des Klimawandels verstärkt in den Blick zu nehmen. Analog agiert seit kurzem auch die Europäische Zentralbank (EZB).
Neue Risikomodelle für das Finanzsystem
Mit Blick auf die Dynamik der Climate Tipping Points gewinnt die strikt risikobasierte Betrachtung von Versicherungen und Rückversicherungen akut an Relevanz. Dabei geht es weniger um bereits eingetretene Klimaschäden der letzten Jahre. Entscheidend ist vielmehr eine deutliche Hochstufung zukünftiger Risikowahrscheinlichkeiten – als direkte Konsequenz der Kippdynamiken im Klimasystem. Denn: Bedrohliche Klimafolgen, die bislang als „eher unwahrscheinlich“ galten, werden durch die Dynamik der Klimakipppunkte schnell zu Risiken mit steil ansteigender Eintrittswahrscheinlichkeit. Das bedeutet: Bisherige (überwiegend lineare) Risikomodelle müssen um progressiv (oder gar exponentiell) ansteigende Tipping Point-Risiken ergänzt und völlig neu kalibriert werden.
Derartige Überlegungen führen direkt zum neuartigen Konzept der Planetary Solvency, mit dem sowohl eine realistische Erfassung klimabedingter Extremereignisse als auch deren Integration in klassische Risikomodelle bei Banken und Versicherungen angestrebt wird. Solche Ansätze befinden sich derzeit aber noch in einem sehr frühen Stadium. Erforderlich sind vor allem präzise Klimadaten sowie adäquate Modelle zur „Umrechnung“ progressiver Klimaeffekte in potenzielle Finanzrisiken. Dies gilt insbesondere für nichtlineare und schnell eskalierende Risikokaskaden.
Spätestens hier wird klar, dass drohende Klimarisiken in vielen Bereichen hochdynamische Prozesse in Gang setzen. Neben bereits „realisierte“ Klimakosten treten verstärkt „erwartete“ Schäden in der Zukunft. Diese manifestieren sich in Form verschärfter Risikokalküle oder Risikoausschlüsse und können zentrale Strukturen der Kapital- und Kreditmärkte untergraben und ernsthaft gefährden.
Kapitalmarktakteure müssen Klimarisiken antizipieren
Eine neue Planetary Solvency-Risikologik an den Kapitalmärkten würde zu einer strukturellen Neubewertung klimabedingter Risiken führen mit erheblichen Verwerfungen in besonders exponierten Sektoren. In der Realwirtschaft droht eine Zunahme von „stranded Assets“, also von nicht mehr fortführbaren Geschäftsmodellen. Von diesen Effekten besonders betroffen wären Immobilienmärkte, mit Verzögerung aber auch Teile des Kredit- und Bankensystems. Dieser Punkt ist von großer Bedeutung: Noch bevor zukünftige Klimaschäden tatsächlich eintreten, sorgt deren frühzeitiges „Einpreisen“ im Versicherungs- und Bankensektor dafür, dass solche Risiken direkt ins Finanzsystem ausstrahlen und sich dort niederschlagen: Antizipation schlägt Realisation!
Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass bisherige Modelle das tatsächliche Ausmaß und Tempo der Klimaänderung meist signifikant unterschätzt haben. Doch die Klimakipppunkte erlauben weder Ignoranz noch Sorglosigkeit. Sie sind ein planetarer Gamechanger und müssen mit hoher Dringlichkeit berücksichtigt werden, auch in der Entscheidungslogik von „Asset Owners“. Dennoch scheinen die Kapitalmärkte diese Risiken derzeit weitgehend auszublenden – oder zumindest stark zu unterschätzen. Diese selektive Wahrnehmung dürfte sich in naher Zukunft ändern. Das bedeutet erhebliche Herausforderungen für Investoren und Vermögensinhaber. Denn: Der Blind Spot beim Thema Klimawandel wird nicht ewig Bestand haben – schon gar nicht an den Kapitalmärkten.
Autor: Dr. Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter, FERI Cognitive Finance Institute
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Referenzen:
https://global-tipping-points.org/download/1418/
https://actuaries.org.uk/media/wqeftma1/planetary-solvency-finding-our-balance-with-nature.pdf
https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2025/html/ecb.pr250729_1~02d753a029.de.html




