Kanada als EU-Mitglied: Notwendiger Gegenentwurf zur autokratischen Weltordnung

Kanada könnte schon bald Sondermitglied der Europäischen Union werden – keimt hier der Gegenentwurf zu einer immer autoritäreren Weltordnung Der Vorstoß der Europäischen Union, Kanada eine assoziierte Mitgliedschaft anzubieten, hat in den vergangenen Tagen für viel Diskussionsstoff gesorgt. Die verstärkte Zusammenarbeit wäre eine notwendige Antwort auf einen immer stärker fragmentierten Welthandel, meint Christian Jasperneite, CIO von M.M.Warburg & CO. Ausgedehnt auf Partner wie Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan, könnte daraus sogar ein freiheitlicher Gegenpol zur autokratisch geprägten Shanghai Cooperation entstehen. Warum ein solches Projekt einen langen Atem braucht und es sich dennoch lohnt, erläutert der Finanzexperte in folgendem Marktkommentar.
24. September 2026
Dr. Christian Jasperneite - Foto: Copyright M.M.Warburg & CO

Kanada könnte schon bald Sondermitglied der Europäischen Union werden – keimt hier der Gegenentwurf zu einer immer autoritäreren Weltordnung

Der Vorstoß der Europäischen Union, Kanada eine assoziierte Mitgliedschaft anzubieten, hat in den vergangenen Tagen für viel Diskussionsstoff gesorgt. Die verstärkte Zusammenarbeit wäre eine notwendige Antwort auf einen immer stärker fragmentierten Welthandel, meint Christian Jasperneite, CIO von M.M.Warburg & CO. Ausgedehnt auf Partner wie Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan, könnte daraus sogar ein freiheitlicher Gegenpol zur autokratisch geprägten Shanghai Cooperation entstehen. Warum ein solches Projekt einen langen Atem braucht und es sich dennoch lohnt, erläutert der Finanzexperte in folgendem Marktkommentar.

Die EU erwägt, Kanada den Status eines assoziierten Mitglieds anzubieten. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur von Kanada ab. Auch auf europäischer Ebene herrscht dazu noch erhebliche Unsicherheit, zumal nicht im Detail klar wäre, welche Rechte und Pflichten mit einem solchen Status einhergehen. Grundsätzlich wäre eine solche Stoßrichtung aber zielführend und geopolitisch gut nachvollziehbar. Wir leben zunehmend in einer Welt, in der Handel nicht mehr primär zum gegenseitigen Vorteil stattfindet, sondern als geopolitisches Instrument eingesetzt wird. In einem solchen Marktregime müssen Handelsbeziehungen neu gedacht werden. Früher ging es um maximal kostengünstige Lieferketten, Just-in-Time und Skalierung. Heute sind die Schlagworte Resilienz, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Diese Attribute lassen sich am besten im Handel mit Partnern darstellen, die ein gleiches oder ein ähnliches gesellschaftliches Wertekonzept verfolgen, weil hier die Gefahr gering oder ausgeschlossen ist, dass Handel geopolitisch instrumentalisiert wird.

Neuordnung in einem zunehmend fragmentierten Welthandel
Ohnehin befindet sich der weltweite Handel in der Phase einer Fragmentierung, nachdem zuvor viele Jahrzehnte eine Globalisierung dominierte. Diese neue Phase muss jedoch nicht bedeuten, dass das globale Handelsvolumen relativ zur Wertschöpfung sinkt. Dennoch ordnen sich aber Handelsströme neu. Entlang dieser Neuordnung ist es vollkommen logisch, dass sich auch politische Strukturen neu finden müssen. Eine engere Partnerschaft zwischen der EU und Kanada ist in diesem Zusammenhang logisch und zielführend – und weitergedacht könnten sich eine engere Zusammenarbeit auch auf Länder wie Australien, Neuseeland, Südkorea und vielleicht sogar Japan ausdehnen.

Am Ende könnte so ein Wirtschaftsraum entstehen, der selbst dann gut funktionieren würde, wenn es zu einer größeren Abschottung von China käme. Sollte sich eines Tages die US-Politik wieder „normalisieren“, wäre es zudem durchaus sinnbehaftet, auch die USA zu einem solchen Wirtschaftsraum einzuladen. Sehr langfristig könnte ein solcher westlicher Wirtschaftsblock sogar die Voraussetzung für einen einheitlichen Kapitalmarkt bieten. Das mag noch 20 oder 30 Jahre dauern, aber es wäre sehr sinnvoll, den Weg schon jetzt zu beginnen

Gegenentwurf zur Shanghai Cooperation
So entstände ein wirtschaftlicher Block, der als westlicher, freiheitlicher Gegenentwurf zur Shanghai Cooperation gesehen werden könnte, die schon 2001 gegründet wurde und inzwischen zehn Mitgliedsstaaten und viele weitere assoziierte Staaten beinhaltet, die alle eher diktatorischen oder autokratischen Gesellschaftsformen nahestehen. Ein westlich orientierter Wirtschaftsblock mit der EU im Zentrum könnte einen Beitrag leisten, perspektivisch einen sicheren Zugriff auf kritische Rohstoffe zu erhalten und die problematische Abhängigkeit von vielen anderen zentralen technologischen und pharmazeutischen Produkten zu reduzieren.

Selbst im besten Fall würde es vermutlich mehr als zehn Jahr dauern, bevor eine solche wirtschaftspolitische Weichenstellung substanzielle realwirtschaftliche Früchte tragen würde. Für ein solches Vorhaben ist ein langer Atem gefragt. Dass es dennoch gelingen kann, auch dafür ist die Shanghai Cooperation ein Beweis – und das bereits seit über 20 Jahren.

 

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