Wirtschaftlich hat sich in den USA nach den ersten Monaten unter Präsident Donald Trump Ernüchterung eingestellt. Rezessionssorgen hält Felix Herrmann, Chefvolkswirt bei ARAMEA Asset Management, aber für übertrieben. In Europa steht das deutsche Infrastrukturpaket im Fokus. Dieses könnte aus seiner Sicht die Statik am Rentenmarkt verändern. Am Aktienmarkt sollte die Aufholjagd europäischer Papiere gegenüber US-amerikanischen Titeln weitergehen.
„Während in den USA die Zeichen eher auf Verlangsamung der Wirtschaft stehen, herrscht in Europa spätestens seit der Verabschiedung des deutschen ‚Sondervermögens‘ Aufbruchstimmung – Trumps Zöllen zum Trotz. Ob das Fiskalpaket in Deutschland jedoch der erhoffte ‚Game Changer‘ wird – frei nach dem Motto ‚viel hilft viel‘ – ist fraglich. Die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten, dass es einen spürbaren Wachstumseffekt geben wird. Da die freien Produktionskapazitäten der europäischen Industrie jedoch auch aufgrund des Fachkräftemangels beschränkt sind, dürften die Ausgabensteigerungen unter anderem zu Produktionsengpässen und somit zu mehr Inflation beziehungsweise mehr Importen – insbesondere aus den USA – führen.
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) stehen vor schwierigen Monaten. Obwohl die Einführung von Zöllen das Preisniveau nur einmalig anhebt, hat die Politik Trumps zumindest kurzfristig höhere Inflationszahlen in den USA zur Folge. Zu erwarten ist, dass die Zölle die Kerninflation trotz eines unterliegenden disinflationären Trends in den kommenden zwölf Monaten auf über drei Prozent treiben werden, bevor sie sich wieder dem Zielwert annähert. Die EZB sieht sich zwar keinen Angriffen auf ihre Unabhängigkeit ausgesetzt, aber auch sie agiert spätestens seit Trumps Amtsantritt unter höherer Unsicherheit. Wir erwarten, dass sich der Zinssenkungsspielraum durch die jüngsten Nachrichten verkleinert hat und das Ende des Senkungszyklus nun bei 2,00 Prozent zu erwarten ist.
Für den Rentenmarkt in Europa ergibt sich durch Deutschlands Schuldenwende eine veränderte Statik. Da die Bundkurve die wichtigste Referenz am Markt darstellt, verschieben sich durch den deutschen Renditeanstieg die Renditestrukturkurven nahezu aller Euro-Schuldner nach oben. Und ein weiterer Renditeanstieg für länger laufende Bundesanleihen scheint vorgezeichnet.
Höhere Schuldenstände führen keinesfalls unausweichlich zu schlechteren Ratings beziehungsweise höheren Risikoaufschlägen. So war Deutschlands Top-Rating zuletzt eher wegen fehlenden Wachstums in Gefahr – nicht wegen schlechter Bonität. Da Deutschland in den nächsten Jahren aufgrund massiv steigender Fiskalausgaben sehr wahrscheinlich stärker wachsen wird, als es ohne das Paket der Fall gewesen wäre, und auch die Inflation tendenziell etwas höher ausfallen dürfte, rechnen wir mittelfristig mit steigenden Bundrenditen. Wir kalkulieren mit einem neuen gleichgewichtigen Renditeniveau bei zehnjährigen Bundesanleihen von 3,25 Prozent. Die deutsche Zinskurve sollte im Zuge dessen weiterhin steiler werden.
Europäische Aktien haben in den ersten Wochen des Jahres 2025 ein bemerkenswertes Comeback hingelegt und US-Titeln deutlich die Rücklichter gezeigt. Die Aufbruchstimmung in Europa dürfte weitere Kräfte freisetzen, sodass die Aufholjagd europäischer Papiere gegenüber US-amerikanischen Titeln weitergehen sollte. Bei US-Aktien steht die Ampel aus unserer Sicht nach dem Ausverkauf auf gelb bis grün. Kurzfristig drohen weiter Verluste. Hohe Margen und eine übertriebene Rezessionsangst machen zumindest ausgewählte Branchen attraktiv.“




