Healthcare: Ein entkoppelter Sektor mit Potenzial

25. März 2026

Gesundheitswesen und Gesundheitsaktien werden oft in einem Atemzug genannt. Doch genau diese Gleichsetzung führt Anleger derzeit in die Irre. Die strukturellen Treiber des globalen Gesundheitssektors sind unverändert stark – von der Börse hat sich der Sektor in den vergangenen Jahren deutlich abgekoppelt. Diese Entwicklung ist ungewöhnlich und schafft Chancen.

Gesundheitswesen und Gesundheitsaktien werden häufig in einem Atemzug genannt. Doch genau diese Gleichsetzung führt aktuell in die Irre. Die strukturellen Treiber des globalen Gesundheitssektors sind unverändert stark: medizinischer Fortschritt, alternde Gesellschaften, steigender Behandlungsbedarf und ein wachsender Anspruch an Qualität und Effizienz der Versorgung. An der Börse jedoch hat sich der Sektor in den vergangenen Jahren deutlich von seinen Fundamentaldaten entkoppelt. Gesundheitsaktien hinken dem Gesamtmarkt hinterher. Nicht, weil sich ihre Ertragskraft verschlechtert hätte, sondern weil politische Unsicherheit und kurzfristige Narrative die Wahrnehmung dominieren. Diese Entkopplung ist ungewöhnlich. Und sie eröffnet Chancen.

Politik dominiert die Schlagzeilen – nicht die Ertragskraft

Ein Treiber der Underperformance ist sicherlich die politische Großwetterlage in den USA. Seit dem Regierungswechsel vor einem Jahr sieht sich der Sektor mit einer Phase ungewöhnlich hoher Unsicherheit konfrontiert. Diskutiert wurden Reformen der Krankenversicherung, mögliche Importzölle auf Arzneimittel und die Einführung des Meistbegünstigungsprinzips bei der Preisfestsetzung von Medikamenten. Kaum ein anderes Thema war medial so präsent. Ökonomisch sind die Folgen bislang begrenzt. Weder kurz- noch langfristig sind substanzielle Einschnitte bei Margen oder Gewinnen der großen Gesundheitsunternehmen zu erwarten. Auch die Geschäftsmodelle haben sich nicht verändert: Forschungsausgaben laufen weiter, Produkte bleiben gefragt, die Nachfrage ist strukturell gesichert. Dennoch wurden Risiken eingepreist, die sich fundamental kaum belegen lassen. Der Schluss: Der Markt hat auf Schlagzeilen reagiert – und eben nicht auf Zahlen und Fakten.

Bewertungen auf Krisenniveau
Erst im Spätsommer 2025 erreichten Gesundheitsaktien den größten Bewertungsabschlag gegenüber dem Gesamtmarkt seit 2009. Historisch folgten auf solche Phasen häufig mehrjährige Perioden relativer Outperformance. Damals wie heute war die Ursache weniger eine Verschlechterung der Ertragsaussichten als eine Phase erhöhter Risikoaversion. Erste Marktbewegungen deuten darauf hin, dass sich dieses Muster erneut einstellen könnte. Wichtig ist dabei die Einordnung: Die aktuelle Bewertungslücke ist kein Spiegel sinkender Gewinne oder struktureller Schwächen. Sie ist Ausdruck politischer Unsicherheit und eines kurzfristigen Fokus auf Risiken, deren Eintrittswahrscheinlichkeit begrenzt ist. Solche Phasen haben sich in der Vergangenheit wiederholt als attraktive Einstiegszeitpunkte erwiesen.

Was in der öffentlichen Debatte oft untergeht, ist das Tempo, das der wissenschaftliche Fortschritt jenseits des politischen Getöses zutage legt. Fast wöchentlich werden neue Therapien eingeführt, Behandlungsstandards verbessert und technologische Durchbrüche erzielt. Sie adressieren Krankheiten, für die es bislang nur unzureichende Lösungen gab. Sie verbessern nicht nur medizinische Ergebnisse, sondern auch die Effizienz der Versorgung. Diese Innovationsdynamik steht im klaren Widerspruch zur Kursentwicklung vieler Gesundheitsaktien. Während die Forschung voranschreitet, verharrt die Bewertung auf gedrücktem Niveau. Für langfristig orientierte Anleger entsteht daraus ein Spannungsfeld, das an frühere Marktphasen erinnert: robuste Fundamentaldaten auf der einen Seite, ausgeprägte Skepsis auf der anderen.

 

 

Zölle und Produktion: beherrschbare Risiken

In Verbindung damit lohnt ein nüchterner Blick auf die Fakten: Pharmazeutische Produkte unterliegen – trotz entsprechender Drohungen aus dem Weißen Haus – derzeit keinen Zöllen. Und selbst wenn es künftig zu handelspolitischen Maßnahmen kommen sollte, dürften bestehende Abkommen mit wichtigen Partnern wie der Europäischen Union, Großbritannien oder Japan größere Belastungen begrenzen. Hinzu kommt, dass die großen Pharmaunternehmen ohnehin global aufgestellt sind, mit breit diversifizierten Produktionsketten und erheblicher Preissetzungsmacht. Langfristig zeichnet sich ein klarer Trend ab: Die Produktion für den US-Markt wird zunehmend ins Inland verlagert. Angesichts hoher Margen, stark automatisierter Prozesse und erheblicher Skaleneffekte ist nicht zu erwarten, dass diese Entwicklung die Profitabilität der Branche spürbar schmälert. Unterm Strich sind die politischen Risiken zwar vorhanden – aber beherrschbar.

Auf der anderen Seite zeichnet sich ab, dass die technologische Entwicklung enormes Potenzial für den Sektor freisetzen könnte: Das Gesundheitswesen gehört zu den größten Wirtschaftssektoren weltweit, zugleich aber zu den ineffizientesten. Besonders deutlich zeigt sich das in den USA. Dort fließen fast 18 % des Bruttoinlandsprodukts in die Gesundheitsversorgung, ohne dass die Ergebnisse entsprechend besser wären. Chronische Erkrankungen nehmen zu, gleichzeitig fehlt qualifiziertes Personal. Hier liegt einer der größten Hebel für die kommenden Jahre: Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, nicht nur Diagnostik und Therapie zu verbessern, sondern vor allem Prozesse zu vereinfachen, Kosten zu senken und Personal zu entlasten. Terminplanung, Abrechnung, Dokumentation und Datenanalyse lassen sich automatisieren. Ärzte gewinnen Zeit für ihre Patienten, die Versorgung wird effizienter, die Wertschöpfungskette stabiler. Dieses Potenzial wird vom Markt bislang nur unzureichend reflektiert.

Nicht jeder Titel ist investierbar

Dennoch wird nicht jedes Unternehmen gleichermaßen von dieser Entwicklung profitieren. Dies macht eine genaue Prüfung der Geschäftsmodelle für Investoren umso wichtiger. Nicht jeder Titel eignet sich für langfristige Investitionen. Besonders kleinere Biotechnologieunternehmen bergen erhebliche Risiken. Der Erfolg klinischer Studien ist binär, die Ausfallquote hoch. Selbst vielversprechende Wirkstoffe scheitern häufig in späten Entwicklungsphasen. Hinzu kommt wachsender Wettbewerbsdruck, vor allem aus China, wo mit hohem Tempo und erheblichen staatlichen Mitteln geforscht wird. Auch bei etablierten Playern lohnt sich eine differenzierte Betrachtung, denn aufgrund von Patentklippen steht die Branche vor einem enormen Umbruch: Allein zwischen 2026 und 2030 verlieren Medikamente mit einem jährlichen Umsatzvolumen von mehr als 200 Mrd. US-Dollar ihren Patentschutz. Für die betroffenen Unternehmen ist entscheidend, ob die Pipeline stark genug ist, um Umsätze zu ersetzen. Wer in diesem Umfeld investiert, muss genau hinschauen.

Bei AllianceBernstein verzichten wir bewusst auf das Wetten auf klinische Studienergebnisse. Stattdessen stehen belastbare Fundamentaldaten im Mittelpunkt. Entscheidend sind Kapitalrenditen, Bilanzstärke, stabile Cashflows und die Fähigkeit, Kapital sinnvoll und wertschöpfend zu reinvestieren. Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen haben sich über Marktzyklen hinweg als widerstandsfähiger erwiesen – insbesondere in Phasen erhöhter Unsicherheit. Sie verfügen über Preissetzungsmacht, operative Flexibilität und strategische Tiefe. Diese Eigenschaften sind im aktuellen Umfeld wichtiger als optimistische Prognosen. Die aktuelle Schwäche von Gesundheitsaktien steht in keinem Verhältnis zur langfristigen Stärke des Sektors. Politische Debatten und kurzfristige Marktängste haben eine Bewertungslücke entstehen lassen, die sich fundamental kaum rechtfertigen lässt. Innovation, demografischer Wandel und Effizienzgewinne bleiben die zentralen Wachstumstreiber. Für Anleger mit Disziplin, Geduld und einem klaren Blick auf Fundamentaldaten eröffnet der Gesundheitssektor derzeit attraktive Perspektiven. Nicht trotz der Unsicherheit – sondern wegen ihr.

Autorin: Jane Bleeg, Portfolio Manager im Global Healthcare Team

 

 

 

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