II: In anderen Anlageklassen wird viel von verlässlichen Daten und nötigen Branchenstandards zur Bewertung von ESG-Kriterien gesprochen. Wie ist die Situation bei Immobilien?
von Groddeck: In der Immobilienbranche ist es schwierig, Daten zu erheben, da die Bereiche der Nutzer (Mieter) und der Vermieter (Eigentümer) in einem Gebäude getrennt sind. Nachhaltigkeits-Initiativen wie ECORE in Deutschland und die Better Buildings Partnership im Vereinigten Königreich versuchen, dieses Problem mit Hilfe von Instrumenten und Lobbyarbeit anzugehen. Aber solange die gemeinsame Nutzung von Daten nicht vorgeschrieben ist – wie es zum Beispiel in Frankreich der Fall sein wird – werden wir als Branche Schwierigkeiten haben, die genauen Daten zu erhalten, die für die Identifikation und Umsetzung zielführender ESG-Maßnahmen erforderlich sind. Darüber hinaus bedeuten die neuen SFDR-Regeln der EU, dass die Offenlegung von Daten obligatorisch wird – jedoch sind die Definitionen bzw. Umsetzungen der Immobilienkriterien noch unklar. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit zwischen Immobilieninvestmentmanagern, wie es beispielsweise unter dem Dach des Fondsverbands BVI erfolgt, zur Entwicklung von Branchenstandards sowie zwischen Vermietern und Nutzern zur gemeinsamen Nutzung von Daten so wichtig. Der Global Real Estate Sustainability Benchmark (GRESB) und Nachhaltigkeits-Zertifizierungen wie DGNB und LEED können bis zu einem gewissen Grad helfen, aber es ist auch sehr wichtig, sich auf die tatsächliche Performance und die Verbrauchsdaten eines Objekts zu konzentrieren.
II: Bis 2050 sollen sämtliche Gebäude in der EU klimaneutral sein. Inwiefern ist dieses Vorhaben ein Kraftakt?
von Groddeck: Im Idealfall müssen Gebäude bis 2050 klimaneutral und widerstandsfähig gegen die Auswirkungen des Klimawandels werden. Der Vorstoß der EU zur Klimaneutralität von Gebäuden ist von großer Bedeutung für die Verringerung der Kohlenstoffemissionen, da weltweit 40 % der Emissionen auf den Gebäudebereich entfallen. Der von der EU unternommene Schritt sollte dazu führen, dass die Investitionen folgen, aber damit die Investoren wirklich darauf vertrauen können, muss sich auch die Bewertung von Gebäuden ändern. Derzeit fließt die Nachhaltigkeit eines Gebäudes noch nicht stark genug in seine Bewertung ein.
II: Wie schätzen Sie die Entwicklung und Implementierung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Immobilienbranche künftig ein? Worauf kommt es, auch für Projektentwickler, an?
von Groddeck: Für Immobilienentwickler ist es von entscheidender Bedeutung, den beim Bau freigesetzten CO2-Ausstoß und den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie einzubeziehen. Eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie beinhaltet neben ökologischen auch sozioökonomische Faktoren wie die Schaffung von Arbeitsplätzen oder die kommunale Entwicklung. Savills IM hat einen neuen Leitfaden für nachhaltige Immobilienprojekte entwickelt, um sicherzustellen, dass Bauträger von Beginn an ökologische und soziale Faktoren in jeweilige Entwicklungen integrieren.
Foto: © Savills Investment Management




