Gefühlter Gegenwind: Wie nachhaltigkeitsfeindlich ist die USA wirklich?

Zweifelsfrei ist 2025 ein Jahr des Perspektivenwechsels in puncto Nachhaltigkeit. Insbesondere, da heute vieles anders ist als noch vor fünf Jahren, nicht zuletzt durch regulatorische und auch politische Dynamiken; oder kurzfristige Bestrebungen nach Sicherheitsdenken sowie Wettbewerbsfähigkeit, die das eher auf Langfristigkeit ausgelegte Thema Nachhaltigkeit etwas in den Hintergrund gerückt haben.
30. September 2025
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Zweifelsfrei ist 2025 ein Jahr des Perspektivenwechsels in puncto Nachhaltigkeit. Insbesondere, da heute vieles anders ist als noch vor fünf Jahren, nicht zuletzt durch regulatorische und auch politische Dynamiken; oder kurzfristige Bestrebungen nach Sicherheitsdenken sowie Wettbewerbsfähigkeit, die das eher auf Langfristigkeit ausgelegte Thema Nachhaltigkeit etwas in den Hintergrund gerückt haben.

Ein Aspekt, der im Jahr 2025 merklich anders ist, ist die Nachrichtenlage aus den USA und die Einstellung vieler US-Asset Manager zu dem Thema. So gab es im Jahr 2024 und 2025 eine Vielzahl an Austritten und Rückzügen von Vermögensverwaltern aus internationalen Nachhaltigkeitsinitiativen wie zum Beispiel der Net Zero Asset Manager Initiative[1] oder auch der Climate Action 100+[2]. Diese Entwicklung einfach nur damit zu begründen, dass Donald Trump erneut zum Präsidenten gewählt wurde, ist unserer Auffassung nach jedoch zu einfach.

Vom Signal zur Realität: Neue Einstellung bei US-Vermögensverwaltern

Die Rückzüge amerikanischer Vermögensverwalter sind eher in einem allgemeinen Kontext einzuordnen. Sie schauen heute eher darauf, was sich treuhändisch realistisch umsetzen lässt. Vor fünf Jahren wurde hingegen noch die Teilnahme oder Unterschrift an Initiativen als Signal der Nachhaltigkeitskompetenz gewertet. Möglich ist auch, dass die Umsetzbarkeit solcher Initiativen auf Seiten der Vermögensverwalter erst nachgelagert geprüft wurde – oder US-Asset Manager sich Verpflichtungen einer internationalen Initiative unterwerfen mussten, die sie selbst nicht gestaltet hatten. Realwirtschaftlich ist der Unterschied hier, dass die US-Regierung die Regulierung von Treibhausgasen, die auf wissenschaftlichen Gutachten basiert, beendet. Auch dass ein deutscher Technologiekonzern seine Diversitätsprogramme streicht, wurde als Reaktion auf die Politik von Donald Trump gewertet.
Wie ist also die öffentliche Wahrnehmung, die USA seien gegen nachhaltiges Engagement, einzuordnen? Im Großen und Ganzen deckt sich die Antwort mit der allgemeinen Situation zur Nachhaltigkeit: Alle machen immer noch das Gleiche, reden nur weniger darüber oder nennen es anders. Ähnlich ist es in den USA. Es gibt eine Vielzahl an Indikatoren, die die Nachhaltigkeitsambitionen unterstreichen. Dafür braucht es aber nicht Teilnahmen oder gar Verpflichtungen zu internationalen Nachhaltigkeitsrahmenwerken – mit Vorgaben, die nicht in den USA entstanden sind. Es lohnt sich durchaus, etwas jenseits der plakativen Überschriften in die Details zu schauen und somit die Nachhaltigkeitsbestrebungen der Vereinigten Staaten etwas greifbarer zu machen:

- Nach China sind die USA bezogen auf das ausstehende Volumen der zweitgrößte Emittent von grünen Anleihen.
— Im Ölstaat Texas werden 22 Gigawatt Solar-Energien produziert; etwa ein Fünftel der gesamten US-Solarparks befindet sich dort.
— Texas ist der am schnellsten wachsende Solarmarkt der USA und hat seit 2023 mehr Solar- und Speicherkapazitäten installiert als jeder andere Bundesstaat.
— Zu Spitzenzeiten tagsüber werden bis zu 30 % des Energiebedarfs in Kalifornien durch Sonnenenergie gedeckt³.
— Mit 97 Mrd. US-Dollar Investitionen in Erneuerbare Energien liegen die USA auf Platz vier hinter China (290 Mrd. US-Dollar), den EU27 mit UK (114 Mrd. US-Dollar) sowie Asien ex China (100 Mrd. US-Dollar).
— 25 % der Unternehmen des MSCI USA haben einen Anteil von weiblichen Führungskräften in Leitungs- und Kontrollorganen von mindestens 40 %.

USA bei Nachhaltigkeit nicht schlechter als Europa

Oben genannte Stichpunkte könnten den Schluss zulassen, dass die amerikanische Wirtschaft sehr wohl den Mehrwert von Nachhaltigkeit erkennt – sofern diese wirtschaftlich sinnvoll ist. Darüber hinaus fallen ein paar Punkte bei den Nachhaltigkeitsattributen auf, wenn man den MSCI USA mit dem MSCI Europe vergleicht:
Dabei muss angemerkt werden, dass die Datenverfügbarkeit nicht immer bei 100 % liegt (so legt zum Beispiel McDonalds keine Daten zu nicht-recyclebare Abfälle offen) oder durch Extremwerte getrieben sein kann (der MSCI USA hat 14 Firmen mit einer Treibhausgasintensität von über 10,000 pro einer Million Euro Umsatz; der MSCI Europe nur 6). Blickt man auf die oben aufgeführten Nachhaltigkeitsattribute, sucht man unserer Auffassung nach vergeblich nach Indikatoren, in denen die USA systematisch und eindeutig schlechter abschneiden als Europa – oder unterdurchschnittlich im Vergleich zur Welt sind – allerdings vor dem Hintergrund, dass nach Marktkapitalisierung US-Unternehmen etwa 70 % des MSCI World ausmachen. Es wurden bewusst Indikatoren ausgewählt, die weder plump auf unterschiedliche Sektorzusammensetzungen der Indizes oder Unterschiede bei Unternehmensgrößen durch Marktkapitalisierung, noch auf Unternehmensumsatz schließen lassen.

Missverhalten stellt Zukunftsfähigkeit einiger Geschäftsmodelle infrage
Gleichermaßen gibt es Einzelberichte zu Unternehmen, die unbestreitbar Herausforderungen im Nachhaltigkeitskontext darlegen, wie beispielsweise hohe Geldstrafen zu wettbewerbswidrigem Verhalten eines großen Technologiekonzerns. Auch das Verbot von Gewerkschaften eines Elektroautomobilherstellers gehört dazu – gleiches bei einem Kaffeekonzern. Genauso gibt es latente Vorwürfe mangelnder Steuerehrlichkeit eines Onlinehändlers oder das Festhalten vieler Öl- und Gaskonzerne an der umstrittenen Fracking-Technologie. Hier ergibt sich wieder die Frage nach der Materialität der Nachhaltigkeitsthemen. Während die oben genannten Sachverhalte zweifelsohne negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft darstellen, zeigt ein Blick auf die finanzielle Rendite der vergangenen Jahre, dass negative finanzielle Auswirkungen für die betroffenen Unternehmen eher ausblieben. Und doch stellt sich die Frage, wie zukunftsfähig einige Geschäftsmodelle bei den aktuellen Herausforderungen sein können.

Den Haag könnte Klimaschutz beschleunigen
Das Ende Juli 2025 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag veröffentlichte Gutachten zur Verantwortung von Staaten in Bezug auf den Klimawandel könnte kurzfristig einige Bemühungen beschleunigen – auch weil fehlender Klimaschutz als „völkerrechtswidrig“ eingestuft wurde. Wie sehr sich die Investitionen in Erneuerbare Energien oder die Aktivitäten auf dem Markt für grüne Anleihen, fehlende regulatorische Maßnahmen, oder sogar das Abschaffen von Klimaschutz auffangen können, bleibt allerdings abzuwarten. Anlegerinnen und Anleger sollten sich davor hüten, lediglich mit einem oberflächlichen Blick auf allzu reißerische Überschriften zu dem Schluss zu kommen, dass Nachhaltigkeit in den USA auf dem Rückzug sei oder von Amerikanern abgelehnt würde. Derzeit gibt es in den USA kein regulatorisches Rahmenwerk analog zur Offenlegungsverordnung – und ohne Aussicht, dass dies kurzfristig der Fall sein wird. Ein Blick auf die Faktenlage zeigt jedoch, es gibt durchaus Potenzial, auch unter Trump.

Autor: Dr. Robin Braun, Head of Group Sustainability, LAIQON AG 

[1] Die Net Zero Asset Managers-Initiative wurde im Dezember 2020 ins Leben gerufen und zielt darauf ab, die Vermögensverwaltungsbranche dabei zu unterstützen, sich dem Ziel von Netto-Null-Emissionen zu verpflichten, um finanzielle Risiken zu mindern und den langfristigen Wert von Vermögenswerten zu maximieren.

[2] Climate Action 100+ ist eine von Investoren geführte Initiative, die sicherstellen soll, dass die weltweit größten Treibhausgasemittenten geeignete Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen, um finanzielle Risiken zu mindern und den langfristigen Wert von Vermögenswerten zu maximieren.

[3] https://www.economist.com/united-states/2025/05/22/california-has-got-really-good-at-building-giant-batteries

4 Tonnen gefährlicher und radioaktiver Abfälle, die von den Unternehmen, in die investiert wird, pro investierter Million EUR erzeugt werden, ausgedrückt als gewichteter Durchschnitt

5 Anteil des Energieverbrauchs der Unternehmen, in die investiert wird, aus nicht erneuerbaren Energiequellen im Vergleich zu erneuerbaren Energiequellen, ausgedrückt in Prozent der gesamten Energiequellen (je höher die Zahl, umso mehr erneuerbare Energien werden bezogen). Die o.g. Nachhaltigkeitsdaten entsprechen den Gewichtungen in den jeweiligen Indizes zum 30. Juni 2025. Die Definitionen der Indikatoren entsprechen den Vorgaben von Tabelle 1–3 Delegierten Verordnung (EU) 2022/1288 der Offenlegungsverordnung: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32022R1288R(01)&from=DE#d1e5254‑1–1

 

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