Sinkende Inflation und Zinssenkungen bei den wichtigsten Notenbanken: 2025 sollte eigentlich ein gutes Jahr für Anleihen in Europa werden. Donald Trump könnte diesen positiven Aussichten einen Strich durch die Rechnung machen. Insbesondere, wenn der neue US-Präsident wie angekündigt seine protektionistische Außenhandelspolitik durchsetzt und damit die Inflation erneut anheizt. Warum die Ausgangslage für europäische Anleihen dennoch gut ist, wird im Gastbeitrag verdeutlicht.
Europa sieht sich mit Herausforderungen und Unsicherheit konfrontiert. Die negativen Aspekte lassen sich leicht aufzählen, sind aber schwer zu quantifizieren: Die finanziellen und menschlichen Verluste der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, erhöhte Militärausgaben – die möglicherweise um 1 % auf 3 % des BIP oder mehr steigen dürften sowie – höhere US-Zölle, die möglicherweise auf Werte zwischen zehn und 20 % springen könnten und für Branchen wie die Automobilindustrie gegebenenfalls noch höher ausfallen. Dazu kommen zusätzliche Kosten für den ökologischen Wandel. Letztere werden aktuell auf 2,5 % des BIP pro Jahr für einen Zeithorizont von zwei Jahrzehnten geschätzt.
Hohe Staatsdefizite in weiten Teilen Europas und politische Instabilität in Frankreich und Deutschland schränken den Handlungsspielraum der politischen Entscheidungsträger zusätzlich ein, während die Rückkehr von Präsident Trump die Probleme der Wettbewerbsfähigkeit Europas und den Druck durch Populisten zu verschärfen droht. Trotz dieses herausfordernden Umfelds dürften die Aussichten für die europäischen Anleihemärkte überraschend gut bleiben. Hohe Renditen und sinkende Zinssätze waren in der Vergangenheit starke Pluspunkte für Anleiheinvestoren und könnten es – abgesehen von Worst-Case-Szenarien wie einem weiteren Krieg oder einer Pandemie – auch 2025 wieder sein.
Strukturelle Probleme sprechen für sinkende Zinsen
Die europäischen Volkswirtschaften haben bereits seit der COVID-Pandemie Schwierigkeiten zu einem nennenswerten Wachstum zurückzukehren. Ein weiterer externer Schock könnte die Region in eine Rezession stürzen. Der Markt geht davon aus, dass sich der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) in den nächsten Jahren bei etwa 2 % einpendeln wird, was dem Wert vor der Pandemie entspricht. Dieses Niveau scheint jedoch sehr hoch. Daher liegt die Annahme nahe, dass die Zinsen weiter fallen werden. Immerhin sieht sich Europa mit den gleichen strukturellen Problemen wie vor der Pandemie konfrontiert. Auf seiner Sitzung im Dezember 2024 kündigte der EZB-Rat ein Ende der restriktiven Geldpolitik an. Damit ebneten die Währungshüter den Weg für Zinssenkungen auf jeder Sitzung bis Juni 2025. Neue Herausforderungen aufgrund der Politik der neuen Trump-Regierung könnten zusätzliche Zinssenkungen der EZB sowie der Bank of England bedeuten. Gleichzeitig könnten die Maßnahmen der US-Regierung zu einem höheren nominalen Wachstum und einer höheren Inflation im Land führen, was wiederum zu vorsichtigeren Zinssenkungen der US-Notenbank Fed führen würde.
Für die Euro- und Pfund-Anleihen-Märkte dürften die Aussichten auf deutlich niedrigere Zinsen in Europa und ein stärkeres Wachstum in den USA in den kommenden zwei Jahren sehr positive Auswirkungen haben. Wir erwarten ein besonders günstiges Umfeld für Anleihen mit einer Laufzeit von 0 bis 10 Jahren, da ihre Renditen sinken würden, wenn die Zentralbanken die Zinsen senken. Wahrscheinlich wird die Zinsstrukturkurve insgesamt steiler, da längerfristige europäische Staatsanleihen durch die Verschlechterung der Haushaltslage – die aktuell bei vielen Volkswirtschaften weltweit zu beobachten ist – beeinträchtigt werden könnten.
Europäische Unternehmensanleihen bleiben resilient
Emittenten mit Investment-Grade-Rating und den stärksten Finanzkennzahlen werden am widerstandsfähigsten gegenüber einer sich abschwächenden Wirtschaft und dem Druck durch Zölle sein. Gleichzeitig werden ihre Anleihen am meisten von fallenden Zinsen profitieren. Emittenten von Hochzinsanleihen reagieren empfindlicher auf Veränderungen bei den Wirtschaftsaussichten und könnten stärker von einer Wachstumsverlangsamung betroffen sein. Dennoch starten europäische Hochzinsunternehmen aus einer sehr starken Position. Die aktuellen Renditen sehen im historischen Vergleich attraktiv aus und sind unabhängig von den Marktbedingungen ein guter Indikator für zukünftige Renditen (siehe Abbildung 1). Die Nachfrage nach hochverzinslichen Euro-Krediten ist im Vergleich zum Angebot weiterhin hoch. Obwohl die Spreads größtenteils relativ eng sind, bieten die aktuellen Renditeniveaus einen erheblichen Puffer, um Rückschläge abzufedern (siehe Abbildung 2).
Obwohl das schwierigere Umfeld, sicherlich einen negativen Effekt haben dürfte, sind die Fundamentaldaten der Emittenten von Euro-Hochzinsanleihen größtenteils stark: Etwa 65 % des Hochzinsmarktes sind mit BB bewertet. Die Emittenten in dieser Gruppe brauchen nicht unbedingt ein starkes Wachstum, um ihre Schulden zu bedienen. Im Gegensatz dazu benötigen stärker verschuldete Emittenten mit einem Rating von CCC und darunter in der Regel Wachstum, um ihre Kapitalstrukturen aufrechtzuerhalten. Angesichts der makroökonomischen Unsicherheiten ist wahrscheinlich, dass Unternehmensemittenten relativ wenig Interesse daran haben werden, ihre Bilanzen durch aggressive Akquisitionen oder Aktienrückkäufe zu strecken – ein weiterer positiver Aspekt für Anleiheinvestoren. Da die Zinsen weiter fallen, dürften auf europäische Anleger, die Anleihen meiden und stattdessen auf Bargeld setzen, erhebliche Opportunitätskosten zukommen. Die Mittelzuflüsse aus Geldmarktfonds in die Kreditmärkte waren 2024 stark. Dieser Trend setzt sich aktuell fort, da die EZB weiter lockert und die Kurven wieder steiler werden.
Wachsamer Blick auf die US-Zollpolitik
Insgesamt werden die europäischen Anleihemärkte auch 2025 von denselben positiven fundamentalen, technischen und bewertungsspezifischen Faktoren profitieren, die sich 2024 als unterstützend erwiesen haben. Allerdings werden die Märkte sehr empfindlich auf politische und wirtschaftliche Nachrichten reagieren, insbesondere auf alle aktuellen Nachrichten zu US-Zollankündigungen. Die Märkte schätzen derzeit die wahrscheinlichen Folgen einer Vielzahl potenzieller Ergebnisse ab. Wenn die tatsächlichen Auswirkungen klarer werden, könnten sich die Anleihepreise erheblich verändern, insbesondere für die am stärksten betroffenen Branchen und Emittenten.
Finanzielle Belastungen und zunehmende Unzufriedenheit der Wähler könnten die europäischen Regierungen auch dazu zwingen, einige ihrer Netto-Null-Verpflichtungen zurückzunehmen, was erhebliche Auswirkungen auf eine Vielzahl europäischer Emittenten haben dürfte. Anleger müssen diese Ereignisse und die Entwicklung der Wertpapierkurse, die Veränderungen über- oder unterbewerten könnten, im Auge behalten. Werkzeuge, die finanziell relevante ESG-Kennzahlen objektiv analysieren und konsistent bewerten sowie quantitative und fundamentale Forschung über eine große Anzahl von Anleiheemissionen hinweg systematisch nutzen, könnten von entscheidender Bedeutung sein. Wenn Anleger fähig sind, die Folgen potenziell weitreichender Veränderungen umfassend zu bewerten, können sie Risiken mindern und Chancen im Jahr 2025 und darüber hinaus nutzen.
Autor: John Taylor, Leiter des Bereichs European Fixed Income und Direktor des Bereichs Global Multi-Sector, AllianceBernstein






