Europas Wirtschaftsmodell beruhte lange auf günstiger Energie aus Russland, effizienten globalen Lieferketten und einem vergleichsweise stabilen Sicherheitsumfeld. Die Pandemie, Russlands Angriff auf die Ukraine und neue Handelskonflikte haben die Schwachstellen dieses Modells offengelegt. Europa muss deshalb seine Energieversorgung, industrielle Leistungsfähigkeit und Sicherheit stärken. Daraus entsteht ein breit angelegter Investitionszyklus, der weit über kurzfristige staatliche Ausgabenprogramme hinausreichen könnte.
Die Dimension ist beträchtlich: Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf bis 2030 auf jährlich 750 bis 800 Milliarden Euro. Die Mittel sollen Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Energiewende, Digitalisierung und Verteidigung voranbringen. Strategische Autonomie wird damit zunehmend zu einem wirtschaftlichen Wachstumstreiber.
Für Anleger ist entscheidend, ob diese Investitionen dauerhafte Produktivitätssteigerungen und langfristiges Wachstum ermöglichen – und welche Unternehmen davon profitieren. Die Chancen reichen über die großen Empfänger staatlicher Aufträge hinaus. Besonders interessant können spezialisierte Unternehmen sein, die die Anlagen, Software, Komponenten und das technische Know-how für die Umsetzung liefern.
Energie: Ohne leistungsfähige Netze keine Elektrifizierung
Europa hat seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas erheblich reduziert. Es bleibt jedoch globalen Energiepreisen und geopolitischen Störungen wichtiger Versorgungsrouten ausgesetzt. Die jüngsten Konflikte im Nahen Osten unterstreichen die wirtschaftlichen Argumente für mehr heimische Energieerzeugung, zusätzliche Speicher und eine höhere Energieeffizienz.
Eine zentrale Voraussetzung dafür sind leistungsfähige Stromnetze. Sie müssen die zunehmende Einspeisung erneuerbarer Energien bewältigen und den steigenden Strombedarf von Industrie, Rechenzentren und Verkehr decken. Die Europäische Kommission beziffert den Investitionsbedarf in die Strominfrastruktur bis 2030 auf 584 Milliarden Euro. Zugleich dürfte der Stromverbrauch in der EU zwischen 2023 und 2030 um rund 60 Prozent steigen. Bis 2040 veranschlagt die Kommission rund 730 Milliarden Euro für den Ausbau der Verteilnetze und 477 Milliarden Euro für den Ausbau der Übertragungsnetze.
Damit eröffnen sich Anlagechancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Elektrifizierung. Neben regulierten Netzbetreibern gehören dazu Hersteller von Transformatoren, Schaltanlagen und Kabeln sowie Anbieter von Netzautomatisierung und spezialisierten Ingenieurdienstleistungen. Auf der Verbraucherseite profitieren Unternehmen, die energieeffiziente Gebäudetechnik, Wärmepumpen, Speicher und Systeme zur Steuerung des Stromverbrauchs bereitstellen.
Erneuerbare Energien bleiben ein wichtiger Baustein. Ihr weiterer Ausbau hängt jedoch zunehmend davon ab, ob Netze, Speicher und Steuerungssysteme Schritt halten. Die dafür erforderlichen Investitionen schaffen Nachfrage weit über die Energieversorger hinaus.
Verteidigung: Mehr Ausgaben, mehr Technologie
Auch die veränderte Sicherheitslage zwingt Europa zu langfristigen Investitionen. Militärische Bedrohungen und Cyberangriffe prägen inzwischen politische Entscheidungen und die Kapitalallokation. Europa will seine eigenständige Handlungsfähigkeit stärken und die Abhängigkeit von externen Partnern bei kritischen Verteidigungs- und Cybersicherheitskapazitäten verringern.
Die EU-Mitgliedstaaten gaben 2024 insgesamt 343 Milliarden Euro für Verteidigung aus – 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Verteidigungsinvestitionen überschritten erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro und erreichten rund 106 Milliarden Euro. Die Ausgaben für die Beschaffung von Ausrüstung stiegen um 39 Prozent auf 88 Milliarden Euro.
Da moderne Verteidigungssysteme zunehmend technologieintensiv sind, verteilt sich dieses Kapital auf ein breites Netzwerk von Unternehmen. Radar- und Sensorsysteme, Drohnen und Drohnenabwehr, elektronische Kampfführung sowie sichere Kommunikation benötigen spezialisierte Komponenten und Fachwissen. Das gilt ebenso für Antriebssysteme, Halbleiter, Spezialmaterialien und Cybersicherheit. Neben den großen Rüstungskonzernen können deshalb auch Unternehmen profitieren, die zentrale Technologien und Dienstleistungen innerhalb dieser Lieferketten bereitstellen.
Small und Mid Caps: Entscheidend ist die wirtschaftliche Wirkung
Viele dieser spezialisierten Anbieter finden sich unter Europas börsennotierten Small und Mid Caps. Sie erhalten häufig weniger Aufmerksamkeit als die großen Konzerne, können aber unmittelbar von konkreten Investitionsprojekten profitieren. Ein Hersteller von Netzkomponenten, ein Anbieter industrieller Automatisierung oder ein spezialisierter Zulieferer der Verteidigungsindustrie liefert häufig genau jene Technik, die für den Ausbau neuer Kapazitäten benötigt wird.
Für Anleger reicht es allerdings nicht, Unternehmen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu diesen Branchen auszuwählen. Entscheidend ist, ob sie über die Technologie, Marktposition und Umsetzungskompetenz verfügen, um die zusätzliche Nachfrage in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen.
Ausgewählte europäische Unternehmen außerhalb der größten Indexwerte können Zugang zu diesen strukturellen Trends bieten – teilweise zu Bewertungen unterhalb derer vieler wachstumsorientierter Aktienmärkte weltweit. Eine niedrige Bewertung allein begründet jedoch noch keine überzeugende Anlagethese. Dafür muss sich die Nachfrage in messbarem Umsatzwachstum, höheren Margen, steigenden Kapitalrenditen oder einem größeren adressierbaren Markt niederschlagen.
Europas Bedarf an einer sicheren Energieversorgung, industrieller Leistungsfähigkeit und eigenständigen Verteidigungskapazitäten reicht weit über den aktuellen politischen Zyklus hinaus. Für Anleger kommt es darauf an, jene Unternehmen zu identifizieren, die daraus dauerhaft Wert schaffen können. Spezialisierte Anbieter entlang der Lieferketten verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit.
Autor: René Petersen, leitender Portfoliomanager der Empower-Europe-Strategie von Nordea




