Europa als Investitions- und Investmentstandort. Sind europäische Aktien, gerade auch vor dem Hintergrund der gehypten US-amerikanischen KI-Werte, einen besonderen Blick wert? Welche Argumente lassen sich für Europa anführen? Hilde Jenssen ist Leiterin Fundamental Equities bei Nordea Asset Management und Co-Managerin des Nordea 1 — Empower Europe Fund, der im Sommer 2025 aufgelegt wurde. Update zu einem ersten Interview vom Dezember 2025.
II: Braucht der Markt wirklich eine Anlagestrategie mit einem derart starken thematischen Fokus auf Europa?
Hilde Jenssen: Davon bin ich überzeugt. Viele Jahre lang haben Anleger Europa vor allem aus makroökonomischer Perspektive betrachtet. Heute entwickelt sich daneben eine ebenso überzeugende strukturelle Investmentstory. Europa investiert massiv in Energiesicherheit, industrielle Kapazitäten, Verteidigung, Cybersicherheit und kritische Infrastruktur. Dabei handelt es sich nicht um kurzfristige Ausgabenprogramme, sondern um langfristige Verpflichtungen, die Unternehmen über viele Jahre hinweg Wachstumschancen eröffnen können.
Eine Anlagestrategie mit einem starken thematischen Fokus auf Europa ist daher nicht lediglich eine Wette auf geopolitische Entwicklungen. Vielmehr ermöglicht sie Anlegern, an den langfristigen strukturellen Veränderungen zu partizipieren, die Europas Wirtschaft neu ausrichten und seine Zukunft prägen. Da Resilienz und strategische Autonomie einen immer höheren Stellenwert in der Politik einnehmen, brauchen Anleger aus meiner Sicht Investmentansätze, mit denen sich diejenigen Unternehmen identifizieren lassen, die in besonderem Maße von diesen langfristigen Trends profitieren können.
II: Der Nordea 1 – Empower Europe Fund ist inzwischen seit gut einem Jahr am Markt, und das verwaltete Vermögen hat sich sehr erfreulich entwickelt. Worauf führen Sie das starke Interesse der Anleger zurück?
Jenssen: Ich denke, dass Anleger zunehmend erkennen, dass einige der Herausforderungen, vor denen Europa steht, gleichzeitig auch attraktive Investmentchancen eröffnen.
Energiesicherheit, Verteidigungsausgaben und widerstandsfähige Lieferketten haben sich in den vergangenen Jahren von Nischenthemen zu zentralen politischen und wirtschaftlichen Prioritäten entwickelt. Anleger sehen, dass Regierungen, Unternehmen und Verbraucher erhebliche Mittel in diese Bereiche investieren.
Ein zweiter Grund ist die Differenzierung. Viele europäische Aktienportfolios investieren letztlich in ähnliche Unternehmen. Unsere Empower Europe-Strategie ermöglicht dagegen den Zugang zu strukturellen Wachstumsthemen, die sich über traditionelle, stark an Vergleichsindizes ausgerichtete Strategien häufig nur schwer abbilden lassen.
Und schließlich wissen Anleger zu schätzen, dass wir konsequent einen aktiven Stockpicking-Ansatz verfolgen. Die Themen helfen uns dabei, Anlagechancen zu identifizieren. Letztlich investieren wir jedoch in Unternehmen, Managementteams und nachhaltige Wettbewerbsvorteile – und nicht in Themen um ihrer selbst willen.
II: Haben Sie die Portfolioallokation seit der Auflegung des Fonds wesentlich verändert?
Jenssen: Die grundlegende Investmentthese ist bemerkenswert konstant geblieben.
Von Beginn an haben wir uns auf drei Bereiche konzentriert: Energieresilienz, die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten sowie Verteidigung und Cybersicherheit. Diese Themen sind heute unverändert relevant.
Verändert hat sich jedoch die konkrete Umsetzung dieser Themen im Portfolio. Je nachdem, wie sich die Unternehmen operativ entwickeln, wie sich ihre Bewertungen verändern und welche neuen Chancen entstehen, überprüfen wir kontinuierlich, wo wir die attraktivsten risikoadjustierten Renditen sehen.
Das Ziel bleibt also dasselbe, doch wir optimieren fortlaufend den Weg dorthin. Genau darin liegt für mich die Aufgabe eines aktiven Portfoliomanagements: an langfristigen Überzeugungen festzuhalten und zugleich bei der Auswahl der Einzeltitel flexibel zu bleiben.
II: Würden Sie den Fonds Anlegern, die ihn noch nicht kennen, als möglichen Kernbaustein eines Portfolios beschreiben? Für welche Anlegergruppen ist er in erster Linie konzipiert?
Jenssen: Ja, durchaus. Themenfonds werden häufig mit einem sehr engen Anlageuniversum verbunden. Die Empower Europe-Strategie ist jedoch über mehrere Treiber der europäischen Transformation diversifiziert – von Energie und Industrieautomatisierung bis hin zu Verteidigung und digitaler Sicherheit. Das verbindende Element ist die Stärkung der europäischen Resilienz.
Der Fonds richtet sich an Anleger, die Europa am Beginn eines langfristigen Investitionszyklus sehen. Entscheidend ist dabei weniger die Entwicklung im nächsten Quartal als die Frage, in welche Bereiche Europa im kommenden Jahrzehnt investieren muss, um wettbewerbsfähiger und strategisch unabhängiger zu werden.




