Von Sommerpause ist 2025 keine Rede. Zu sehr beschäftigen Zoll-Hickhack, der schwache Dollar und die steigenden Aktienmärkte die Gemüter. Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement, im Talk mit Alexander Heftrich. Das Interview fand Ende Juli statt.
INTELLIGENT INVESTORS: 2025 ist turbulent. Radikalität, vom Sagen und Tun, bahnt sich ihren Weg. Wie blicken Sie, Herr Dr. Mayr, auf die kommenden Wochen?
Dr. Johannes Mayr: 2025 ist ohne Zweifel und wie erwartet ein Jahr wichtiger politischer Weichenstellungen, voller radikaler Töne und Turbulenzen. Das wird auch so weitergehen. Dennoch hat sich wirtschaftlich und am Finanzmarkt bisher wenig verändert. Zumindest an der Oberfläche. Die Wachstums‑, Inflations- und Zinsprognosen sind weitgehen stabil und die Aktien- und Anleihenmärkte haben die Kursrücksetzer von März und April wieder aufgeholt. Unter der Oberfläche sind die Kapitalströme aber in Bewegung geraten. Offensichtlich wird das an der Entwicklung der Wechselkurse. Vor allem die Abwertung des US-Dollars macht sich deutlich in den Portfolien internationaler Investoren bemerkbar. Und der Einfluss der Wechselkurse dürfte in den kommenden Wochen hoch bleiben, vor allem an den Anleihenmärkten. Allerdings wird der Rückgang der Dollar-Dominanz keine Einbahnstraße sein.
II: In den USA feiern die Börsen wieder Rekorde. Vorbei Tristesse, obwohl die Schuldenlast doch immens drückt?
Dr. Mayr: Die positive Stimmung am US-Aktienmarkt ist beeindruckend. Sie spiegelt den fast unerschütterlichen Glauben vieler Anleger an die Stärke der großen Technologieunternehmen. Der Anstieg der US-Renditen und der Kursverfall des Dollars zeigen aber, dass ausländische Investoren bezüglich der Attraktivität der USA als sicherer Hafen skeptischer geworden sind. Vor allem bei Aktien gleichen US-Investoren – und nicht zuletzt die Privatanleger – dies bisher aus. Denn hier fehlen die Alternativen und das Silicon Valley dominiert weiterhin die großen globalen Wachstumstrends. Und die Staatsverschuldung ist aus diesem Blickwinkel nach wie vor kein großes Thema. Sie äußert sich am Finanzmarkt bisher lediglich in einem moderaten Aufwärtsdruck auf die Inflationserwartungen und damit die Laufzeitprämien bei längerlaufenden Staatsanleihen.
II: Der US-Präsident sieht sich als „Deal-König“. Wie sehr sind die USA im Zoll-Wirrwarr selbst auf Einigungen angewiesen (auch angesichts der gedämpften Wirtschaftsaussichten)?
Dr. Mayr: Eine Eskalation der Handelskonflikte und hohe gegenseitige Zölle sind in erster Linie für die USA ein Problem. Zwar ist die amerikanische Wirtschaft weniger exportabhängig als die Wirtschaft in Europa oder China. Gleichwohl ist auch die US-Industrie von stabilen Lieferketten abhängig. Vor allem aber führen die USA den Zollstreit parallel mit allen Handelspartnern, während aus Sicht des jeweiligen Gegenübers „nur“ der US-Markt zusätzliche Barrieren aufbaut. Und nicht zu vergessen: Die Zölle werden vom amerikanischen Importeur bezahlt. Solange die ausländischen Unternehmen ihre Preise nicht anpassen, liegt die Last damit letztlich vor allem beim US-Konsument.
II: Europa hat wieder, zumindest gefühlt, etwas Rückenwind. DAX & Co. profitieren. Ist das mehr als ein Sommerlüftchen, um den USA sozusagen Paroli zu bieten?
Dr. Mayr: Internationale Investoren haben begonnen, ihre Engagements in den USA zu reduzieren und suchen verstärkt nach Alternativen auch in Europa. Das dämpft die Finanzierungskosten und stärkt den Euro. Gleichzeitig hat die Politik in Deutschland in der Fiskalpolitik einen Kurswechsel vollzogen. Auf der Kapitalseite sind damit zwei Hürden gleichzeitig gefallen. Eine Erneuerung der maroden Kapitalausstattung durch eine Belebung der Investitionstätigkeit ist eine notwendige Bedingung für mehr wirtschaftliche Dynamik. Hinreichend ist sie allerdings nicht. Denn gleichzeitig müssen strukturelle Reformen das zur Verfügung stehende Potenzial an Arbeitskräften erhöhen und die Innovationskraft und Innovationsfreude stärken. Hier muss es Bewegung insbesondere in den Bereichen der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, der Migrations- und Integrationspolitik sowie der Digital- und Industriepolitik geben. Und Europa braucht einen neuerlichen Schub zu mehr wirtschaftlicher Integration, um im globalen Wettbewerb relevant zu bleiben.
II: Die GroKo ist mit Vorschusslorbeeren gestartet. Jüngst kam bereits Kritik auf (Verzicht auf Senkung der Stromsteuer könnte Konjunktur dämpfen). Wie präsentiert sich die deutsche Volkswirtschaft im zweiten Halbjahr?
Dr. Mayr: Nach einer langen Schwächephase hat die deutsche Konjunktur in den vergangenen Monaten etwas an Dynamik gewonnen. Und das, obwohl der Druck von außen durch die erratische US-Zollpolitik, die aggressive Exportpolitik Chinas und die militärischen Drohungen aus Russland weiter gestiegen ist. Stimulierend wirken in jedem Fall die günstigeren Finanzierungskonditionen. Hier helfen die Zinssenkungen der EZB, der Zustrom ausländischen Kapitals wie auch die Fiskalpläne der Bundesregierung. Auch der private Kreditzyklus ist angesprungen. Ohne neuerliche Störungen dürfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr damit weiter wachsen, wenn auch in moderatem Tempo. Die Wirtschaftspolitik sollte versuchen diese Dynamik durch strukturelle Reformen zu verstetigen und vor allem mittelfristig zu beschleunigen.
II: Was würden die US-Zölle für die Wirtschaft bedeuten?
Dr. Mayr: Wie beschrieben sind hohe US-Importzölle primär für die US-Wirtschaft ein Risiko. Hier kann als Daumenregel gelten: Pro 10 Prozentpunkte Zollanhebung steigt die Inflationsrate und sinkt das reale Wachstum jeweils um etwa einen Prozentpunkt. In Europa sind die Folgen zunächst geringer. Hier spielen die Zweitrundeneffekte wie eine stärkere Orientierung Chinas auf den europäischen Markt eine größere Rolle. Klar ist aber: Eine Fragmentierung der Weltwirtschaft hätte mittelfristig negative Effekte auf Wachstum und Produktivität in den USA, aber auch im Rest der Welt.
II: Kein Tour d’Horizon ohne China. Die Erzeugerpreise sinken weiter. Kommt die Wirtschaft wieder in Schwung?
Dr. Mayr: Das gesamtwirtschaftliche Wachstum in China lag zuletzt mit mehr als 5% über dem Ziel der Regierung. Es wird nach wie vor aber stark von der Industrie und dem Export getragen. Die Erholung im Konsum bleibt dagegen schleppend. Daran haben auch die zahlreichen geld- und fiskalpolitischen Lockerungsmaßnahmen wenig geändert. Zum einen läuft der strukturelle Anpassungs- und Entschuldungsprozess im Immobilienmarkt wohl noch einige Zeit. Zum anderen begrenzt die Regierung die internationale Kaufkraft der Haushalte durch die Politik des billigen Renminbis künstlich. Dieser hat – entgegen vieler anderer asiatischer Währungen – in der ersten Jahreshälfte parallel zum US-Dollar deutlich abgewertet. Ein echter Schub der Konsumkonjunktur wäre dann zu erwarten, sobald sich die Währung aus diesen Fängen befreien kann bzw. die Regierung eine Aufwertung klar akzeptiert. Wann das der Fall sein wird, hängt wohl auch an den kommenden Erfolgs- oder Misserfolgszahlen der chinesischen Unternehmen auf den Weltmärkten.




