Europa als kranker Mann der Weltwirtschaft

Während China und die USA als Wachstumsmotoren den Aufschwung der Weltwirtschaft vorantreiben, fungiert die Eurozone zunehmend als Bremsklotz. Dieser Ansicht ist Werner Krämer, Senior Economic Analyst bei Lazard Asset Management.
16. April 2021
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Während China und die USA als Wachstumsmotoren den Aufschwung der Weltwirtschaft vorantreiben, fungiert die Eurozone zunehmend als Bremsklotz. Dieser Ansicht ist Werner Krämer, Senior Economic Analyst bei Lazard Asset Management.

„Das allumfassende Staatsversagen in Deutschland und der EU bei der Pandemieeindämmung verhindert eine synchrone Erholung der Weltwirtschaft“, erklärt Krämer. „Während sich Asien als der große Pandemiegewinner erweist und sich in den USA und Großbritannien wegen des hohen Impftempos der Blick bereits auf die Zeit nach der Pandemie richtet, wird die EU wegen des Mangels an Impfstoff und des Fehlens einer konsistenten Impfstrategie in einen Dauerlockdown gezwungen.“ Asien befinde sich in einem starken Aufschwung und in den USA scheinen in 2021 zehn Prozent Nominalwachstum erreichbar. In der EU wäre hingegen bereits die Hälfte eine positive Überraschung.

Nach Einschätzung Krämers werden die Ursachen dieser Schwäche der EU am deutlichsten beim Betrachten der Stimmungsindikatoren, insbesondere der Einkaufsmanagerindizes (PMI). Während in den USA sowohl der Manufacturing als auch der Service PMI seit der Krise im März 2020 stetig nach oben zeigten, falle in der EU/EWU die Entwicklung der verarbeitenden Industrie und des Servicesektors diametral auseinander. Die verarbeitende Industrie profitiere über ihre Exporte vom Aufschwung in China und in den USA, weshalb der Manufacturing PMI lange nicht mehr gesehene Hochstände markieren könne. Der Service-Sektor sei hingegen nach kurzer Euphorie im letzten halben Jahr sehr schwach geblieben, was angesichts der permanenten Lockdowns nicht überrasche. „Mit anderen Worten macht das politische Fiasko bei der Pandemiebekämpfung die EU zum Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft, zu einer Region, deren Ökonomie von der Hilfe anderer abhängt“, so der Ökonom.

Das Inflationsgespenst geht um

Marktbeobachter beschäftige zudem die Frage, ob die nie dagewesene monetäre Expansion seit Beginn der Corona-Pandemie nicht am Ende Inflation erzeugen müsse. Bisher sei die Kerninflationsrate zwar überall recht niedrig geblieben, in den USA seien die Inflationserwartungen angesichts des deutlich verbesserten Konjunkturausblicks zuletzt jedoch angestiegen. „Wir gehen bisher davon aus, dass zwar die inflationären Kräfte stärker werden, dass aber die unausgelasteten Produktionskapazitäten und die hohe Arbeitslosigkeit den Lohndruck bis auf weiteres eindämmen, so dass die gegenwärtigen höheren Inflationsraten ein vorübergehender Effekt bleiben könnten“, sagt Krämer. Die etwas höhere Inflationsrate in der Eurozone gehe zudem weitgehend auf Basiseffekte, geänderte Steuersätze und den zum Jahreswechsel umgestellten Warenkorb bei der CPI-Berechnung zurück. Auf das Ausbleiben einer Lohn-Preis-Spirale deute beispielsweise auch die bisher moderat verlaufende Lohnrunde in der deutschen Metall- und Elektroindustrie hin. „Dennoch haben die Inflationsrisiken von den USA ausgehend eindeutig zugenommen, so dass die Anleger das Stressszenario ‚hohe Inflationʻ höher gewichten müssen als noch vor ein paar Monaten“, so Krämer.

Viele Anleger fürchten nach Ansicht Krämers zudem, dass das Zusammenspiel einer hyperaktiven Geldpolitik und einer explodierenden Staatsverschuldung die Zentralbanken zunehmend politisieren könnte, sodass diese das Ziel der Eindämmung der Inflation weniger hoch gewichten könnten, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Dies sei nicht von der Hand zu weisen: „Staaten und Zentralbanken könnten höhere Inflationsraten zukünftig akzeptabel finden, um so eine Art ‚reale finanzielle Repressionʻ der Anleger zu ermöglichen“, argumentiert Krämer.

Vorsicht am Aktienmarkt

Mit Blick auf die Aktienmärkte ist aus Sicht des Experten zunehmend Vorsicht geboten. Insbesondere bei US-Titeln könnten Investoren derzeit schnell zu teuer einsteigen. „Gemäß dem Buffet-Kriterium, das die US-Gesamtaktienmarkt- kapitalisierung relativ zum realen Bruttoinlandsprodukt der USA ins Verhältnis setzt, ist der US-Aktienmarkt so hoch bewertet wie noch nie in der Geschichte des Aktienmarktes“, so Krämer. „Europäische und Emerging Markets-Aktien sind zwar auch nicht günstig, aber doch bei weitem nicht so hoch bewertet.“ Investoren sollten deshalb besonderes Augenmerk auf die Einzeltitelselektion legen. „Mit Qualitätstiteln aus Europa oder den Emerging Markets, die einigermaßen vernünftig bewertet sind, kann man im Grunde nichts falsch machen“, betont Krämer.

Der Experte resümiert: „Trotz aller Risiken sind wir vor dem Hintergrund der erwarteten Unterstützung durch Geld- und Fiskalpolitik mittelfristig moderat optimistisch für Risikoassets, nicht nur für (vernünftig selektierte) Aktien, sondern auch für Unternehmensanleihen, insbesondere Nachrangtitel, Emerging Markets-Anleihen, dänische Pfandbriefe und Wandelanleihen.“

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