Die Rezession in den USA ist wieder einmal ausgeblieben. Im Gegenteil. Für manche eher überraschend, zeigte sich die US-Volkswirtschaft im nun ablaufenden Jahr 2025 als äußerst robust. Und die Vereinigten Staaten haben mit dem „KI-Hype“ einen zusätzlichen Trumpf im Ärmel. Doch die Rückschau bringt an dieser Stelle wenig. Was haben wir von den USA, Europa und China mit Blick nach vorne zu erwarten? Kommt Deutschland wieder auf die Füße und schafft den wirtschaftlichen Turnaround? Anfang November ergab sich die Gelegenheit eines ausführlichen Austauschs mit Robert Greil, dem Chefstrategen von Merck Finck.
INTELLIGENT INVESTORS: Herr Greil, mit Blick auf die Kapitalmärkte, welche Erwartungshaltung haben Sie für die kommenden Monate?
Robert Greil: Anleger müssen sich auch weiterhin auf erhöhte Kursschwankungen einstellen. Der volatile Seitwärtstrend dürfte am ehesten in einem leichten Aufwärtstrend münden. Unterstützung kommt von der US-Wirtschaft, die gut läuft. Auch die Gewinne der dortigen Unternehmen entwickeln sich weiterhin gut. Allerdings bleibt die Weltpolitik ein großer Unsicherheitsfaktor. Und der Ausblick auf die nächsten Schritte der US-Notenbank Fed sind auch alles andere als klar.
II: Die USA geben die Pace vor. Zumindest bis dato. Hat Sie die Robustheit der US-Volkswirtschaft im laufenden Jahr überrascht?
Greil: Ja, durchaus. Die zunächst vom Markt für nicht unwahrscheinlich gehaltene Rezession ist weitgehend vom Tisch, stattdessen sind 2 % Wirtschaftswachstum wieder im Bereich des Möglichen – sogar wahrscheinlich. Letztendlich stecken dahinter zwei Faktoren: zum einen der weiterhin solide wachsende Konsum der Privathaushalte, zum zweiten der Boom im Bereich Künstlicher Intelligenz und die daraus folgenden massiven Investitionen, zum Beispiel in neue Rechenzentren. Beide Faktoren wirken sich stärker als erwartet positiv aus.
II: Die Fed mit ihrem dualen Mandat ist in keiner einfachen Lage. Wie viele Zinsschritte sind aktuell (noch) denkbar?
Greil: Auf den ersten Blick hat die Fed viel Luft nach unten. Immerhin stehen die Leitzinsen bei 3,75 bis 4,0 %. Wahrscheinlich ist aber aus meiner Sicht, dass die Fed 2025 noch eine weitere Zinssenkung um 25 Basispunkte vornimmt und dann womöglich nochmal zwei weitere im Jahr 2026. Viel hängt dabei vom Arbeitsmarkt ab, der momentan verstärkt im Fokus der Fed steht – wobei ihr aufgrund des anhaltenden ‚Government Shutdowns‘ derzeit wichtige Daten zur Beurteilung fehlen.
II: Glauben Sie, dass die (relative) Schwäche des US-Dollars anhalten wird? Was bedeutet das für Investoren?
Greil: Ja, wir rechnen in den nächsten Jahren mit einem strukturell weiter etwas schwächeren Dollartrend. Gründe dafür gibt es einige, vom Vertrauensverlust in die US-Politik über die stark steigende Staatsverschuldung bis hin zu den voraussichtlich sinkenden Leitzinsen.
II: Springen wir über den Teich und kommen zu Deutschland. Der „Herbst der Reformen“ wurde ausgerufen. Folgen den Worten auch Taten in ausreichendem Maße?
Greil: Es geht voran, aber langsamer als es die Investoren hofften. Wie üblich in Deutschland wird die Umsetzung der versprochenen Infrastruktur-Investitionen ihre Zeit brauchen. Der Bürokratieabbau findet bislang ja höchstens in Ansätzen statt. Planungs- und Genehmigungsverfahren brauchen nach wie vor Jahre. Auch im Verteidigungsbereich sehe ich viele zu hohe Erwartungen internationaler Marktakteure. Beispielsweise gehen viele der investierten Milliarden an US-Rüstungskonzerne, weil viele benötigte Systeme in Deutschland und Europa heute noch nicht gebaut werden. Firmen wie Rheinmetall arbeiten daran, aber können ihre Kapazitäten auch nur Schritt für Schritt ausweiten.
II: An welchen Stellschrauben müsste gedreht werden, um Deutschland wieder auf die Erfolgsspur zu bringen?
Greil: Der Arbeitsmarkt sollte dringend flexibler gestaltet werden, der Bürokratieabbau muss schneller vorankommen und die Industrie braucht konkurrenzfähige Strompreise. Zusätzlich würden weitere Investitionsanreize helfen, zum Beispiel durch Steuervorteile.
II: Wie schauen Sie gegenwärtig auf DAX, MDAX & Co.?
Greil: Der DAX profitiert davon, dass seine Unternehmen stark exportorientiert sind und deswegen nicht so sehr an der dahin darbenden heimischen Konjunktur hängen. Er sollte deswegen in den nächsten Monaten weiter besser laufen als MDAX und SDAX. Denn während aus meiner Sicht der Markt die deutsche Konjunkturdynamik für die nächsten Monate eher leicht überschätzt, wird die Weltwirtschaft insbesondere hinsichtlich der USA tendenziell unterschätzt.
II: Zum Abschluss: Chinesische Aktien haben 2025 ein Comeback gefeiert. Hält der Rückenwind an?
Greil: Das liegt ganz wesentlich in den Händen der politischen Führung. Wichtig wäre es, Erfolge bei der Stimulierung des privaten Konsums zu sehen. Auch im Immobilienmarkt muss die Regierung aufmerksam bleiben, denn die Krise ist nicht ausgestanden. Vor allem aber sollte Peking den Unternehmen genügend Freiheit für starkes Wachstum lassen und Einmischungen in börsennotierte Firmen sein lassen, mit denen sie globale Investoren abschreckt. Investoren, die sich auf die vorhandenen Risiken Chinas einlassen, werden aus meiner Sicht am ehesten im Tech-Bereich fündig. Gute Unternehmen mit KI-Fokus gibt es in China zu deutlich günstigeren Bewertungen als in den USA – allerdings eben auch bei klar höheren Risiken.




