Eine faire COP: Warum soziale Gerechtigkeit im Kampf gegen den Klimawandel so wichtig ist

Das Konzept eines gerechten Übergangs – eines von mehr Fairness und Integration geprägten Weges zu Netto-Null-Emissionen – findet bei politischen Entscheidungsträgern, engagierten Menschen und Unternehmen rund um den Globus immer mehr Gehör.
24. November 2021
Steve Waygood - Foto: © Aviva Investors

Das Konzept eines gerechten Übergangs – eines von mehr Fairness und Integration geprägten Weges zu Netto-Null-Emissionen – findet bei politischen Entscheidungsträgern, engagierten Menschen und Unternehmen rund um den Globus immer mehr Gehör.

Einkommensschwache Volkswirtschaften in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien haben historisch betrachtet nur wenig zur CO₂-Belastung in der Atmosphäre beigetragen (siehe Abbildung 1). In vielen Fällen leiden sie auch immer noch unter dem Erbe der Kolonialzeit, als westliche Mächte die Ressourcen ärmerer Länder für ihre eigene Weiterentwicklung ausbeuteten.

Bittere Ironie ist, dass die Entwicklungsländer ihren verbleibenden Kohlenwasserstoff-Reichtum wahrscheinlich nicht mehr vollständig werden ausschöpfen können, da das neue Gebot der Stunde eine schnelle Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist. Ihre Regierungen sehen sich nun der schwierigen Aufgabe gegenüber, sich von Öl und Gas zu verabschieden, gleichzeitig aber die Menschen aus der Armut zu führen und Kapital in teure Projekte für Klimaresilienz und Anpassung an den Klimawandel zu lenken.

Auch in den reicheren Nationen lasten die physischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels tendenziell auf jenen, die über keine Mittel verfügen, sich selbst zu schützen. In den USA und in Europa hat eine schlecht organisierte Deindustrialisierung zur Entstehung verarmter ehemaliger Industriezonen geführt, und schon jetzt leiden besonders die Arbeiterklasse und Minoritäten unter extremen Wetterereignissen, wodurch sich bestehende Ungleichheiten noch verstärken.

Abbildung 1: Historische CO₂-Emissionen nach Region (Milliarden Tonnen)1

Hinweis: Messung der CO₂-Emissionen nur aus fossilen Brennstoffen und Zementproduktion – veränderte Bodennutzung ist nicht berücksichtigt. Quelle: Carbon Project

Rechte und Fähigkeiten

Doch das muss nicht zwangsläufig so sein. Eine sorgfältig gestaltete Energiewende kann sowohl reichen als auch armen Ländern eine ganze Reihe von Vorteilen bieten, indem soziale Probleme entschärft und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation – einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen – werden durch die Energiewende schätzungsweise 24 Millionen Arbeitsplätze in sauberen Industrien weltweit entstehen, während sechs Millionen verloren gehen, woraus sich ein Nettozuwachs von 18 Millionen ergibt.2

Die Herausforderung besteht darin sicherzustellen, dass diese Vorteile gleichmäßig verteilt sind. Vorkehrungen zur Sicherung eines gerechten Übergangs müssen auf verschiedenen Ebenen getroffen werden. Dazu zählen multilaterale Abkommen zur Festlegung der Zuständigkeit einzelner Länder, die Mobilisierung privater Investments, nationale Vorschriften wie beispielsweise CO₂-Steuern bis hin zu regionalen und ortsbasierten Initiativen zur Förderung der Fähigkeiten in den einzelnen Gemeinschaften zur Bewältigung des Übergangs.

Auf globaler Ebene wurde die Bedeutung eines gerechten Übergangs theoretisch im Klimaschutzabkommen von Paris 2015 verankert; die COP26 in Glasgow bietet nun die Gelegenheit, konkrete Umsetzungspläne zu schmieden.

Anpassung und Resilienz

Längerfristig werden Entwicklungsländer vollständig ohne fossile Brennstoffe auskommen müssen, um ihre eigenen Beiträge zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen (Nationally Determined Contributions – NDCs) zu erfüllen und das Risiko zu vermeiden, dass ihre natürlichen Ressourcen unwirtschaftlich werden und sogenannte „Stranded Assets“ entstehen: von einem umwelt- bzw. klimabezogenen Werteverfall betroffene Vermögenswerte.

Angesichts dieser Herausforderungen müssen momentan noch vom Export fossiler Brennstoffe abhängige Länder ihren Übergang im Gegensatz zu den Industrieländern wahrscheinlich noch verschieben, um Zeit für die Implementierung nachhaltiger Wirtschaftspläne zu gewinnen. Für sie könnte es Sinn machen, die Gewinne aus fossilen Brennstoffen zu maximieren, solange eine solche Strategie ökonomisch noch machbar ist, indem sie in Anlagen mit Mehrwertpotenzial wie Ölraffinerien investieren und gleichzeitig eine Energieinfrastruktur mit geringen CO₂-Emissionen für die Zukunft aufbauen. Erdgas – eine kohlenstoffärmere Alternative zu Öl und Kohle – könnte als Übergangsbrennstoff dienen.3

Die Errichtung internationaler Märkte für den Emissionsrechtehandel könnte Ländern unterdessen die Finanzinstrumente an die Hand geben, die sie für die Entkopplung zwischen Entwicklung und Umweltzerstörung auf längere Sicht benötigen, während Umweltschutz so gleichzeitig belohnt wird.

Inzwischen suchen ärmere Länder auch nach Wegen, nachhaltige Energiequellen sowohl zur Dekarbonisierung als auch zur Förderung des Lebensstandards zu nutzen. Wenn diese Art integrativer und nachhaltiger Initiativen in geeignetem Umfang umgesetzt werden, könnten einkommensschwache Volkswirtschaften ihre sozialen Prioritäten erreichen, ohne dem von anderen Ländern ausgetretenen Pfad einer kohlenstoffintensiven Entwicklung folgen zu müssen.

Welche Rolle hat die Finanzbranche?

Die Anerkennung der Bedeutung sozialer Probleme seitens der Finanzbranche verlief bisher schleppend, und auch mit dem Zusammenhang zwischen „E“ und „S“ in ESG tut sie sich schwer. Das ändert sich allerdings gerade, denn ein gerechter Übergang ist ein strategisches Unterfangen, das die Beurteilung und Steuerung von Risiken erfordert. Ein ungeordneter Übergang wird bestimmte Volkswirtschaften noch anfälliger machen und so Gefahren für jene bergen, die nach Investitionsmöglichkeiten für ihr Kapital suchen.

Ein möglicher Weg zur Erschließung privater Finanzierungsquellen ist die Ausgabe neuer Instrumente. Öffentlich-private Finanzierungspartnerschaften oder Garantien von Staaten und multilateralen Organisationen wie der Weltbank könnten dabei helfen, mehr Kapital für sozial wertvolle Projekte in Entwicklungsländern mit moderaten oder ausreichenden Bonitätsbewertungen freizusetzen und die Kosten tragbarer zu machen.

Anleger können auch insofern eine Rolle spielen, als sie Druck auf Entscheidungsträger und multilaterale Institutionen ausüben und so sicherstellen können, dass Gelder dorthin fließen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Engagement kann auch auf Unternehmensebene wirken. Indem Anleger Unternehmen zu einer stärkeren Berücksichtigung der sozialen und politischen Folgen des Übergangs auffordern, können sie zu einer positiven Veränderung über den Privatsektor beitragen.

Je größer die Anstrengungen für einen gerechten Übergang werden, desto größer die Chance, dass der aktuelle Konflikt zwischen sozialen und Umweltinteressen verschwindet. Dazu bedarf es jedoch unbedingt der Einbindung jüngerer Generationen – der Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Unternehmer der Zukunft. Möchten wir den Klimawandel richtig angehen, dürfen wir sie nicht länger außen vor lassen.

Literatur:

  1. Hannah Ritchie and Max Roser, ‘CO₂ and Greenhouse Gas Emissions’, Our World in Data, August 2020
  2. ‘ILO report calls for urgent action to reach climate goals’, International Labour Organization, 22. Oktober 2018
  3. ‘Discussion paper: Africa’s development in the age of stranded assets’, UNU-INRA, 2. Dezember 2019

Gastbeitrag von Steve Waygood, Chief Responsible Investment Officer bei Aviva Investors

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