Der Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran stützt die Märkte zwar geringfügig, doch die neue US-Blockade iranischer Häfen bedeutet, dass der Öl- und Schifffahrtsschock nicht gelöst wurde; er hat sich zu einem Risiko durch Engpässe gewandelt. Wir betrachten die jüngste Marktbewegung als taktische Relief Rallye und nicht als dauerhafte Normalisierung, insbesondere da Diplomaten weiterhin versuchen, die Gespräche wieder aufzunehmen, und die Schifffahrtsbedingungen durch die Straße von Hormus noch weit von der Normalität entfernt sind.
Normalerweise fließen zwischen 15 % und 20 % des weltweiten Rohöls, Erdgases, Düngemittels und der Petrochemie durch die Straße von Hormus. Je länger die Passage blockiert bleibt, desto stärker werden Engpässe die Preise in die Höhe treiben und das globale Wachstum behindern. Unser allgemeiner Konjunkturausblick bleibt positiv, ist jedoch mit mehr Vorbehalten behaftet, da wir das Beschäftigungs- und Gewinnwachstum – und insbesondere den Inflationsdruck – im Auge behalten. Unserer Meinung nach spricht dies dafür, investiert zu bleiben, dabei aber weiterhin Disziplin in Bezug auf Qualität, Bewertung und Positionsgröße zu wahren. Als Anleger bleiben wir optimistisch, aber diszipliniert. Unserer Einschätzung nach ist es sinnvoll, das Engagement beizubehalten, ohne überzogenen Kursbewegungen hinterherzulaufen, und weiterhin Wert auf Qualität, Widerstandsfähigkeit und Bilanzstärke zu legen, während wir in spekulativeren Bereichen vorsichtig bleiben. Wir glauben, dass die erhöhte Volatilität wahrscheinlich zusätzliche Kaufgelegenheiten schaffen wird.
- Relief Rallye, keine Lösung: Der Waffenstillstand hat die Stimmung verbessert und die kurzfristigen Eskalationsrisiken verringert, doch die entscheidende Frage ist, ob sich die Energieflüsse und Schifffahrtsrouten – insbesondere durch die Straße von Hormus – dauerhaft normalisieren. Selbst ohne erneute Konflikte könnten partielle Unterbrechungen eine geopolitische Risikoprämie bei Öl aufrechterhalten und die Märkte erneuter Volatilität aussetzen. Und in einigen Fällen – insbesondere in Süd- und Ostasien – könnte eine anhaltende Unterbrechung der physischen Versorgung zu Engpässen, Preisspitzen, wirtschaftlichen Einbußen und sogar politischer Instabilität führen. Der Status quo ist nicht tragbar, sollte er auch nur für einige Monate andauern.
- Anhaltendes Gewinnwachstum, höheres Inflationsrisiko: Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) und Rechenzentren, eine widerstandsfähige Konsumnachfrage, Steuerrückerstattungen, Klarheit bei den Zöllen und das fiskalische Umfeld stützen die US-Wirtschaft weiterhin. Die Unternehmensgewinne sind stabil geblieben, was die wichtigste Stütze des Marktes darstellt. Was sich verändert hat, ist die Risikobilanz – die Inflation dürfte nun eher nach oben überraschen, insbesondere angesichts festerer Energie- und Inputkosten, was die US-Notenbank (Fed) dazu veranlassen dürfte, ihre Geldpolitik kurzfristig unverändert zu lassen.
- Inflation weitet sich über Öl hinaus aus: Die Auswirkungen des Konflikts erstrecken sich bereits auf die Lieferketten für Chemikalien, Düngemittel und Industrieprodukte, nicht nur auf Rohöl. Die Wiederherstellung der vollen Produktionskapazität wird Zeit brauchen. Die Normalisierung des Angebots wird Monate, wenn nicht Jahre dauern, was bedeutet, dass die Preise für Öl, Erdgas und Düngemittel wahrscheinlich nicht bald auf das Vorkriegsniveau zurückfallen werden.
- Fixed Income – wir bevorzugen Carry: Angesichts der stärkeren Inflation und der geringeren Wahrscheinlichkeit von Zinssenkungen durch die Fed glauben wir, dass Carry (Kupon oder Zinssatz) attraktiver bleibt als Duration. Wir würden gegenüber kurzer Duration neutral bleiben, sofern die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen nicht über 4,50 % steigt. Die steigende US-Staatsverschuldung und die geringere Auslandsnachfrage nach US-Staatsanleihen lassen uns vermuten, dass die längerfristigen Zinsen kaum wesentlich sinken werden. Im Kreditbereich bevorzugen wir Investment-Grade-Anleihen, bleiben bei High-Yield-Anleihen selektiv und sehen weiterhin Wertpotenzial bei Schwellenländeranleihen. Für US-Anleger sind wir weiterhin von Kommunalanleihen überzeugt.
- Breite Streuung bei Aktien: Die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensgewinne stützt nach wie vor eine positive Markteinschätzung, und wir sehen weiteres Aufwärtspotenzial, sofern die Gewinne stabil bleiben und geopolitische Risiken nicht wieder eskalieren. Wir sehen weiterhin Spielraum für eine Ausweitung der Marktführerschaft auf einige Schwellenländer, Mid- und Small-Cap-Aktien sowie internationale Aktien, insbesondere in Japan.
- Volatilität ist eine Chance: Eine erhöhte Volatilität dürfte auch potenzielle Chancen bei optionsbasierten, auf Gesamtrendite und Ertrag ausgerichteten Strategien schaffen. Sollte die Marktvolatilität deutlich zunehmen, sehen wir dies als potenzielles Kaufsignal.
- Die KI-Thematik verschiebt sich von der Aufbauphase zur Implementierungsphase. Die hohen Investitionen in Rechenzentren halten an; bei KI bestehen weiterhin Angebotsengpässe, und es sind noch weitere Investitionen erforderlich. Eine verstärkte KI-Implementierung dürfte mehr Unternehmen die Möglichkeit bieten, KI zur Produktivitätssteigerung, Kostensenkung und Margenstärkung einzusetzen, insbesondere für wissensbasierte Unternehmen, deren Führung sich auf die Umsetzung konzentriert.
- Wir beobachten zudem die Pipeline potenzieller großer Börsengänge rund um Anthropic, OpenAI und SpaceX. Alle drei werden als wegweisende Emissionen diskutiert, auch wenn der Zeitpunkt und die Bereitschaft noch ungewiss erscheinen, insbesondere im Fall von OpenAI. Transaktionen dieser Größenordnung könnten zumindest vorübergehend viel Aufmerksamkeit und Kapital von Anlegern auf sich ziehen und Liquidität aus anderen Teilen des Marktes abziehen.
- Wir bevorzugen Engagement in der Realwirtschaft und Preissetzungsmacht: Wir bevorzugen Sektoren, die mit Preissetzungsmacht, Kapitalinvestitionen und strukturellen Engpässen verbunden sind, darunter Energie und Strom (Versorgungsdisziplin, steigende Stromnachfrage), Rohstoffe (industrielle Vorleistungen, Wiederaufstockung) und Industrie (Infrastruktur, Automatisierung und Verteidigung). Technologie bleibt angesichts der Nachfrage nach KI und digitaler Infrastruktur ein Kernbereich der Allokation.
- Private Credit: Wir sehen kein systemisches Risiko für die Wirtschaft durch private Kredite. Private-Credit-Fonds weisen unterschiedliche Engagements im Bereich Software-Kredite auf, doch die Fondsmanager haben diese Kredite im Allgemeinen streng geprüft und bewerten ihre Positionen regelmäßig (Ermittlung und Erfassung des aktuellen beizulegenden Zeitwerts). Der jüngste Rücknahme-Druck bei „semi-liquiden“ Fonds scheint eher ein Problem der Liquiditätsstruktur zu sein als ein „Kredit-Kanarienvogel“ (d. h. ein Frühwarnindikator), was bekräftigt, dass es sich hierbei um langfristige, illiquide Allokationen handelt. Wir bevorzugen weiterhin Direct Credit im Mittelstand und gewerbliche Immobilienkredite, wo eingeschränkte Bankkredite und ein hoher Refinanzierungsbedarf attraktive Kreditbedingungen stützen dürften, wobei wir Mehrfamilienhäuser gegenüber Büroflächen bevorzugen
Einschätzung von Stephen Dover, Franklin Templeton Institute




