Die Zeit für Schwellenländeranleihen ist reif

Schwellenländeranleihen punkten unter anderem mit attraktiven Zinsen, Kurspotenzial und Diversifikationsvorteilen fürs Portfolio. Auch aus diesen Gründen planen institutionelle Anleger, ihre Investitionen in den kommenden Jahren deutlich auszubauen. Das zeigt eine aktuelle Vontobel-Umfrage. Der folgende Beitrag analysiert die Umfrageergebnisse und stellt dar, wo die Anlagechancen in dieser Assetklasse liegen.
28. September 2023
Foto: © 翔馬 多田 - stock.adobe.com

Schwellenländeranleihen punkten unter anderem mit attraktiven Zinsen, Kurspotenzial und Diversifikationsvorteilen fürs Portfolio. Auch aus diesen Gründen planen institutionelle Anleger, ihre Investitionen in den kommenden Jahren deutlich auszubauen. Das zeigt eine aktuelle Vontobel-Umfrage. Der folgende Beitrag analysiert die Umfrageergebnisse und stellt dar, wo die Anlagechancen in dieser Assetklasse liegen.

Nach dem infolge des Inflations- und Zinsschocks enttäuschenden Anleihenjahr 2022 sind Anleger bei den erreichten Renditeniveaus wieder sehr viel optimistischer für festverzinsliche Wertpapiere. Das gilt ganz besonders für Anleihen aus Schwellenländern. Drei Viertel der institutionellen Anleger planen, ihre Allokation in Schwellenländeranleihen in den kommenden 24 Monaten zu erhöhen. Das zeigt eine Vontobel-Umfrage unter mehr als 200 institutionellen Investoren in Europa, Nordamerika und im asiatisch-pazifischen Raum zu ihren Einschätzungen sowie aktuellen und geplanten Anleihenallokationen. Die institutionellen Anleger erwarten offenbar einen Aufschwung bei Emerging-Markets-(EM)-Anleihen über die kommenden Jahre hinweg.

Kurspotenzial noch wichtiger als laufende Erträge

Insgesamt planen 75 % der befragten Anleger, ihr Engagement in Schwellenländeranleihen in den nächsten 24 Monaten auszubauen. 12 % möchten die Allokation sogar um mehr als 10 % nach oben schrauben. Noch mehr als die hohen laufenden Zinsen schätzen sie das Kurspotenzial. 57 % der Befragten geben mögliche Kursgewinne als Grund für ihr Engagement in EM-Anleihen an. Auf den Rängen zwei und drei folgen mit 45 und 42 % die hohe Liquidität und der potenziell starke Einkommensstrom durch laufende Zinseinnahmen. Mit 34 % gibt etwas mehr als ein Drittel Diversifikationsvorteile als eine Motivation für Allokation in EM-Anleihen an.

Wie institutionelle Anleger in EM-Anleihen investieren möchten

Bildunterschrift Geplante Investitionen in den kommenden 24 Monaten nach Anlagesegment. Vor allem gemischte Strategien stehen immer stärker im Fokus.

Quelle: Vontobel Fixed-Income-2023-Institutional-Investor-Study

Das signalisiert einen deutlichen Stimmungsumschwung, nachdem auch traditionell stark in Emerging-Markets-Anleihen engagierte Investoren in den letzten Jahren ihre Allokation reduziert haben. Mehr als die Hälfte der Befragten hat lediglich 2 bis 5 % des Portfolios in EM-Anleihen investiert. Etwa ein Viertel hält zwischen 5 und 10 % und nur 14 % der Befragten halten mehr als 10 % in EM-Anleihen. Seit Jahren waren die Schwellenländer-Allokationen nicht mehr so niedrig wie heute. Die Zahlen belegen, dass es eine Menge Raum für Wachstum gibt.

Beim beabsichtigten Wiederausbau ihrer Allokation planen die Befragten in allen drei wichtigen EM-Anleihesektoren zu investieren: also Staatsanleihen in Hartwährungen, Staatsanleihen in Lokalwährungen sowie in den von Firmen aus den Emerging-Markets begebenen Unternehmensanleihen. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Beliebtheit der verschiedenen Anleihenarten.

EM-Unternehmensanleihen sind besonders gefragt

Ganz oben in der Anlegergunst stehen die Unternehmensanleihen aus Schwellenländern: 57 % möchten ihre Allokation in diesem Segment erhöhen. Aktuell ist mit 52 % nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Anleger in EM-Unternehmensanleihen investiert. Dabei ist die Attraktivität der Firmenbonds aus Schwellenländern offensichtlich: Zinserträge und Kurspotenzial sind gestiegen. Die zunehmende Anlegerbasis treibt Kurssteigerungen und trägt zur Liquidität bei. Dazu kommen unterstützende Trends in den Schwellenländern wie die wachsende Bevölkerung, das steigende Pro-Kopf-Einkommen und die damit einhergehende zunehmende Konsumnachfrage.

EM-Staatsanleihen in Hartwährungen bleiben beliebt

Mit 53 % möchte etwas mehr als die Hälfte die Anlage in staatliche Hartwährungsanleihen ausbauen. Von den befragten Anlegern halten aktuell 44 % EM-Staatsanleihen in Hartwährungen wie Dollar oder Euro. EM-Staatsanleihen bieten höhere Renditen als Staatsanleihen der Industrieländer und zudem auch deutliche Diversifikationsvorteile. 59 % der befragten Anleger nennen als Argumente Chancen auf Kursgewinne, für 40 % ist die Liquidität des Marktes und für 38 % Diversifizierungsvorteile ein wichtiger Grund. Etwas mehr als ein Drittel setzt auf die laufenden Zinserträge.

Verbesserten Aussichten für Lokalwährungsanleihen nicht übersehen

Deutlich niedriger in der Gunst der Anleger rangieren staatliche Lokalwährunganleihen. 38 % möchten in den kommenden 24 Monaten in dieses Segment investieren. Zugleich ist der Anteil an Lokalwährungsanleihen in den Portfolios in den letzten Jahren deutlich geschrumpft. Derzeit halten nur 23 % der befragten Investoren diese Papiere, im Vorjahr waren es noch 47 %. Wir sehen in diesem Bereich deutlich verbesserte Aussichten – und das aus mehreren Gründen. So haben die Zentralbanken der Schwellenländer ihre Leitzinsen viel früher und aggressiver angehoben als die Notenbanken der Industrieländer. Das stützt die Währungen der Schwellenländer. Hinter den hohen nominalen Zinssätzen einiger Schwellenländer stehen zudem insbesondere in lateinamerikanischen Ländern oft auch hohe Realzinsen. Auch die geringe Allokation in der Anlageklasse ist ein wichtiges Argument für EM-Lokalwährungsanleihen. Denn damit besteht bei den Investitionen noch viel Spielraum nach oben. In dem Maße, in dem Anleger ihre Allokationen aufstocken, stützt das die Erträge der Anlageklasse zusätzlich.

Mischstrategien liegen im Trend

Besonders auffallend ist das verstärkte Aufkommen sogenannter Blend- oder Mischstrategien, die über verschiedene Bereiche des EM-Anleihenmarkts hinweg investieren: 71 % planen, verstärkt in Form solcher gemischten Strategien in EM-Anleihenmärkte zu investieren. Damit dürften diese Ansätze in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. Denn bis dato wählen gerade einmal 16 % der Institutionellen einen Mischansatz für ihre Allokation in Schwellenländeranleihen. Dabei bieten diese Strategien zahlreiche potenzielle Vorteile: etwa in Bezug auf Diversifikation und Risikomanagement, Renditepotenzial und eine flexiblere Positionierung auf der Renditekurve.

Aktive Ansätze bieten Vorteile

Ein weiterer interessanter Aspekt: Die Befragten bestätigen mit breiter Mehrheit, dass aktive Ansätze bei Anlagestrategien in den Schwellenländern nach wie vor das Anlagemittel der Wahl sind. Rund zwei Drittel investieren über aktive Ansätze, die meisten nutzen breitdiversifizierte Strategien, ein etwas kleinerer Anteil stärker konzentrierte „High-Conviction“-Ansätze. Dagegen investiert lediglich ein Drittel über passive Strategien in Schwellenländeranleihen. Schwellenländer sind unserer Meinung nach aufgrund ihrer Komplexität eine Anlageklasse, in der Experten eindeutig Mehrwert schaffen können. Aktives Handeln kann Chancen für Outperformance bei falsch bewerteten Wertpapieren, Marktineffizienzen und übersehenen Problemen nutzen. Ein erfahrener aktiver Manager kann schnell handeln, um kurzfristige Chancen zu nutzen und Risiken abzuwehren.

Die Ergebnisse der Umfrage belegen deutlich den jüngsten Stimmungsumschwung zugunsten von Schwellenländeranleihen und zugleich das Potenzial für künftige Kapitalzuflüsse. Wir glauben, dass die befragten Investoren mit ihrer Einschätzung richtig liegen und Schwellenländeranleihen strukturell attraktive Möglichkeiten bieten. Vor uns könnte ein Zeitraum mit potenziell höheren Renditen und der Aussicht auf steigendes Wachstum liegen. Auch das Timing spielt eine wichtige Rolle: Anleger sollten sich unserer Meinung nach zeitnah positionieren oder sie riskieren, einen attraktiven Einstiegspunkt zu verpassen. Das gilt vor allem für Lokalwährungsanleihen, wo wir nach den vergangenen schwachen Jahren nun sehr günstige Gelegenheiten ausmachen.

Autor: Simon Lue-Fong, Leiter Fixed Income Boutique, Vontobel Asset Management

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