Wie geht es weiter mit der Vormachtstellung der USA? Was macht der neue Fed-Chef? Und wie steuert man ein Multi-Asset-Flaggschiff durch die stürmische See? Jörg Held, Head of Portfolio Management bei Ethenea, im exklusiven Interview.
INTELLIGENT INVESTORS: Investoren ziehen Gelder aus den USA ab; die Kapitalmärkte suchen nach neuen Ankern. Oft gelesen in der jüngeren Vergangenheit. Steht der „US exceptionalism“ vor einem nahen Ende?
Jörg Held: Die Berichte über das Ende des ‚US Exceptionalism‘ sind – wie so oft in der Vergangenheit – vermutlich verfrüht. Zwar beobachten wir punktuelle Kapitalabflüsse, doch diese sind weniger ein Misstrauensvotum gegen den Standort USA als vielmehr eine gesunde Reallokation. Nach Jahren der Outperformance suchen Investoren schlicht nach günstigeren Bewertungen in Europa oder Schwellenländern.
Drei Gründe sprechen dafür, dass die USA ihr Anker-Potenzial behalten:
- Technologische Dominanz: Der US-Markt bleibt das Epizentrum der KI-Revolution. Solange die Produktivitätsgewinne dort generiert werden, bleibt die Sogwirkung für globales Kapital massiv.
- Institutionelle Stabilität: Die Nominierung von Kevin Warsh zum Fed-Chef wird an den Märkten als Signal für geldpolitische Kontinuität und Unabhängigkeit gewertet. Das dämpft die Sorge vor einer politisch instrumentalisierten Notenbank.
- Mangel an Alternativen: Ein ‚neuer Anker‘ muss tief genug sein, um globales Kapital aufzunehmen. Trotz punktueller Stärke in Japan oder Teilen Europas fehlt es diesen Märkten oft an der Breite und Liquidität der US-Kapitalmärkte.
Was wir erleben, ist kein Ende der US-Sonderstellung, sondern eine Normalisierung. Der ‚US-Aufschlag‘ bei den Bewertungen wird hinterfragt, aber die strukturellen Treiber – von Energieunabhängigkeit bis hin zur Innovationskraft – sind weiterhin intakt. Anleger werden selektiver, verlassen den Hafen USA aber nicht.“
II: Mitte Mai ist es soweit – Kevin Warsh übernimmt das Ruder als Fed-Chef. Die Erwartungen an Zinssenkungen im laufenden Jahr schwinden. Teilen Sie diese (Mehrheits-)Meinung?
Held: Die „Dollar‑Dominanz“ der letzten Jahre wirkt vorerst gedämpft. Einerseits schmälern eine geringere Zinsdifferenz gegenüber dem Euroraum sowie das anhaltende geopolitische Rauschen rund um US‑Zölle und außenpolitische Alleingänge die Attraktivität des Greenback als „sicherer Hafen“. Gleichzeitig sorgen gute US-Wirtschaftszahlen und die Nominierung von Kevin Warsh für Vertrauen. Da Warsh als Verfechter einer unabhängigen und eher strengen Geldpolitik gilt, rechnen Beobachter nicht mit einer zu lockeren Zinspolitik der Fed. Bemerkenswert ist, dass ein schwächerer US‑Dollar inzwischen zur Konsenserwartung vieler Marktteilnehmer geworden ist – ein Umfeld, in dem negative Überraschungen für den Dollar eher begrenzt erscheinen.
II: Auf (US-)Branchenebene sind die Analysten am optimistischsten für die Bereiche Informationstechnologie und Kommunikationsdienstleistungen, wohingegen sie in Bezug auf den Sektor Basiskonsumgüter pessimistisch sind (Quelle: Factset). Bleibt demnach Technologie das Zugpferd? Inwiefern ist es nötig, hier trennscharf zwischen KI und der klassischen Softwareindustrie zu unterscheiden?
Held: Die Berichtssaison auf beiden Seiten des Atlantiks verlief insgesamt besser als im Vorfeld befürchtet. Viele Unternehmen konnten solide Umsatz- und Gewinnzuwächse verzeichnen und ihre Prognosen zum Teil anheben. Dies half dabei, die durch Geopolitik und Zollthemen ausgelösten Verunsicherungen zu überlagern und größere Kursrückgänge zu verhindern – insbesondere in den KI-nahen Sektoren, die von den massiven Investitionsprogrammen besonders profitieren.
In Bezug auf die Rolle der Technologie als „Zugpferd“ und die nötige Trennschärfe lässt sich festhalten:
- Technologie bleibt strukturelles Zugpferd: Das fundamentale Bild – getrieben durch höhere Produktivität dank KI und anhaltende Fiskalimpulse – bleibt intakt. Dennoch müssen Anleger selektiver vorgehen, da die Bewertungen in vielen Marktsegmenten bereits ambitioniert sind.
- Differenzierung ist essenziell: Eine klare Unterscheidung zwischen der KI-Infrastruktur (Halbleiter, Cloud-Provider, Rechenzentren) und der klassischen Softwareindustrie ist zwingend erforderlich. Während die Hardware-Seite derzeit die unmittelbaren Profiteure des „Goldrausches“ stellt, muss die klassische Softwarebranche erst noch beweisen, dass sie KI-Funktionen schnell und margenwirksam monetarisieren kann. Hier trennt sich aktuell die Spreu vom Weizen.
Trotz des optimistischen Ausblicks für den Tech-Sektor bleibt die Volatilität erhöht. Jede neue Schlagzeile aus Washington, Peking oder Teheran kann kurzfristig zu Bewegungen führen, da die geopolitischen Tail-Risiken das konstruktive Marktumfeld weiterhin begleiten.
II: Wie steuern Sie das Flaggschiff Ethna-AKTIV durch die aktuell doch stürmische See?
Held: Wir steuern das Ethna-AKTIV derzeit mit einer erhöhten Wachsamkeit und einer betont selektiven Positionierung. Zwar hat sich die Weltwirtschaft zum Jahresbeginn 2026 grundsätzlich in guter Verfassung präsentiert, doch die massiven geopolitischen Belastungsproben – insbesondere im Nahen Osten – zwingen uns zu einer taktischen Vorsicht.
Unsere Steuerung basiert aktuell auf drei Säulen:
- Risikomanagement bei Energie & Inflation: Die Eskalation im Nahen Osten und die Unruhe an den Energiemärkten gefährden den Desinflationspfad. Wir begegnen diesem Abwärtsrisiko durch eine aktive Steuerung der Aktienquote und den Einsatz von Absicherungsinstrumenten, um das Portfolio gegen plötzliche Preisschocks bei Rohstoffen zu wappnen.
- Fokus auf qualitative Wachstumsanker: Während Europa stagniert und der US-Arbeitsmarkt erste Risse zeigt, halten wir an den fundamentalen Treibern fest. Wir konzentrieren uns im Aktienbereich auf Sektoren mit hoher Preissetzungsmacht und Profiteure des KI-Strukturwandels, die weniger sensitiv auf das aktuelle Zoll-Umfeld reagieren.
- Flexibilität statt Dogmatismus: Das jüngste Urteil des US-Supreme-Court zur Zollproblematik hat gezeigt, wie schnell sich Rahmenbedingungen ändern. Unsere Antwort darauf ist die hohe Liquidität und Flexibilität des Ethna-AKTIV. Wir sehen aktuell keinen Anlass, unser Szenario einer moderaten globalen Expansion aufzugeben, sind aber bereit, das Portfolio bei einer Verschärfung der geopolitischen Lage binnen kürzester Zeit defensiver auszurichten.
Zusammenfassend: Wir nutzen die strukturellen Chancen der USA (Fiskalimpulse & KI), sichern aber die Flanken gegen die volatilen Energiekosten und das regulatorische Rauschen aus Washington konsequent ab.




