In Washington ist ein heftiger Streit über die zukünftige Ausrichtung der US-Geldpolitik entbrannt. Das Weiße Haus fordert von der Federal Reserve schnelle und kräftige Leitzinssenkungen und kritisiert den Notenbankchef Jerome Powell scharf.
Die Zentralbanker in Washington spielen dagegen weiterhin auf Zeit und haben das Leitzinsniveau auch jüngst nicht verringert. Sie fürchten vor allem stärkere Auswirkungen der Handelspolitik Donald Trumps auf das makroökonomische Preisniveau und eine Verstetigung der Inflationsängste der Konsumenten. Die jüngst veröffentlichten Zahlen zur Entwicklung der US-Verbraucherpreise präsentieren sich allerdings weiterhin überraschend unproblematisch. Für den Juni wurde ein Anstieg von lediglich 0,3 % M/M gemeldet. Die Jahresrate der Zeitreihe notiert nun bei 2,7 %. Die Kernrate der Konsumentenpreise zog sogar nur um 0,2 % M/M an. Obwohl bereits Zolleinnahmen in beträchtlichem Umfang generiert werden, bleiben die preistreibenden Effekte der neuen Handelspolitik in Washington folglich bisher ziemlich überschaubar. Interessanterweise haben aktuell vor allem auch die Automobilpreise zur Entspannung beigetragen. In den kommenden Monaten müsste es zwar noch zu einem spürbaren Preisanstieg kommen, die katastrophalen Projektionen der Krisenpropheten sollten aber – fast schon wie üblich – ein Rauschen im medialen Blätterwald bleiben. Noch darf man die Zölle sicherlich nicht als „Phantombedrohung“ für die Preisniveaustabilität in den USA bezeichnen, es wird aber wohl zu keiner Rückkehr der wirklich extrem hohen Inflationsraten der jüngeren Vergangenheit kommen. Angesichts von Umfrageergebnissen, die mittlerweile recht klar in Richtung sinkender Inflationserwartungen bei den privaten Haushalten deuten (s. Abb.), sollte die US-Notenbank zügige Leitzinssenkungen nicht mehr ausschließen. Der politische Druck auf Jerome Powell ist aktuell in jedem Fall sehr groß. Donald Trump braucht niedrigere Zinsen, um das Wirtschaftswachstum nachhaltig zu befeuern; entsprechende geldpolitische Maßnahmen wären auch mit Blick auf den Staatshaushalt hilfreich. Die Zinslast ist in der Tat zu einem Problem geworden. Die entsprechenden Zahlungen haben mittlerweile sogar die Ausgaben im Verteidigungsbereich überflügelt.
Nachfolger dringend gesucht
Donald Trump kritisiert Jerome Powell wahrscheinlich auch daher scharf und scheint inzwischen den Prozess der Suche eines geeigneten Nachfolgers angestoßen zu haben, der Powell dann spätestens im Mai 2026 planmäßig ersetzen soll. In diesem Kontext fällt immer häufiger der Name Kevin Hassett. Letzterer ist vor allem als ein Autor eines zwischenzeitlich sehr populären Buches zur Aktienbewertung bekannt geworden, welches inzwischen aber wohl als extrem umstritten gelten muss.[i] Aufgrund dieser Veröffentlichung scheinen manche Marktteilnehmer sogar Hassetts akademische Eignung als US-Notenbankchef in Zweifel zu ziehen. Nüchtern betrachtet ist diese Einschätzung aber nicht nachvollziehbar. Hassett hat an der renommierten University of Pennsylvania im Fach Volkswirtschaftslehre promoviert. Laut Google Scholar (Stand Juni) notiert sein H‑Index, der Zitationen abbildet und häufig als Qualitätsmaß für die Relevanz der Ideen eines Akademikers herangezogen wird, immerhin bei einem Wert von 45. Da Hassett für sich nicht den Weg einer ganz gradlinigen akademischen Karriere gewählt hat, kann an dieser Stelle durchaus von einer sogar ziemlich eindrucksvollen Leistung gesprochen werden, die viele andere aktuelle Notenbankchefs (zum Beispiel auch Jerome Powell) in den Schatten stellt.
Wie geht es weiter?
Die Angriffe des US-Präsidenten auf Jerome Powell und die von Donald Trump zeitnah losgetretene Diskussion über eine mögliche Nachfolgeregelung werden von den meisten Marktteilnehmern kritisch bewertet. So wird die Gefahr eines Vertrauensverlustes in die Unabhängigkeit der Notenbank gesehen, was letztlich zu höheren Risikoprämien am langen Ende der US-Zinsstrukturkurve führen könnte. Diese Auffassung ist auf den ersten Blick zwar durchaus nachvollziehbar, man sollte an dieser Stelle allerdings realistisch bleiben! Die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank hat eindeutig auch in schwierigen Zeiten dazu beigetragen, die Inflationsängste der Bevölkerung im Griff zu behalten; die US-Zentralbank war jedoch immer einer politischen Einflussnahme ausgesetzt. Die Anhänger von Murray Rothbard scheinen bereits ein Problem in den Ursprüngen der US-Zentralbank zu sehen und betonten, die Gründung der Federal Reserve im Jahr 1913 dürfte vor allem der Sorge geschuldet gewesen sein, die Finanzierung der US-Staatsausgaben auch für den Fall einer möglichen Partizipation an einem größeren militärischen Konflikt in Europa sicherzustellen.[ii] Allan Meltzer, der wohl zentrale Chronist der Geschichte der Federal Reserve, hat diese Einschätzung nie geteilt; auch er betonte aber, dass die neue Notenbank die Kriegsfinanzierung der Vereinigten Staaten ab 1917 sehr aktiv unterstützt hat.[iii] Ganz grundsätzlich zeigen die Arbeiten Meltzers eine fast schon kontinuierliche politische Einflussnahme auf die Notenbank in Washington. Bis 1935 kann die Federal Reserve etwas zugespitzt formuliert sogar als Außenstelle des US-Finanzministeriums bezeichnet werden. Der Notenbankchef Benjamin Strong konnte dann zwar eine gewisse Unabhängigkeit der US-Geldpolitiker von den Plänen der Regierung erkämpfen, es hat in der Geschichte der Zentralbank jedoch immer wieder politischen Druck auf die Federal Reserve gegeben; die Geldpolitiker haben diesem – mal etwas mehr und mal etwas weniger stark – dann auch in der Regel nachgegeben. Unter den Präsidenten Kennedy, Johnson und Nixon ist ein solches Verhalten nicht nur von Meltzer in der akademischen Literatur sehr gut dokumentiert worden. Es mussten schließlich Mondlandungen, der Krieg in Vietnam und neue Sozialprogramme Washingtons finanziert werden. Jedem Rentenhändler ist beispielswiese die „Operation Twist“ bekannt, bei der die Notenbank in Washington versucht hat, das Renditeniveau am langen Ende der US-Zinsstrukturkurve aktiv zu dämpfen. Selbst die Ernennung von Paul Volcker zum Notenbankchef kann letztlich als politische Einflussnahme durch die Carter-Administration interpretiert werden. Volcker hatte – trotz Gegenfeuers der US-Bürokratie – zwar schmerzhafte Maßnahmen im Kampf gegen zu hohe Inflationsraten implementieren können, ist von Carter aber nur ausgewählt worden, weil Umfragen damals große Sorgen der Bevölkerung vor einem anhaltenden Anstieg des makroökonomischen Preisniveaus dokumentiert hatten. In der Summe muss die Unabhängigkeit der Federal Reserve historisch betrachtet somit wohl eher als eine Art Papiertiger bezeichnet werden. Das Verhalten der aktuellen Regierung ist damit letztlich also doch gar nicht so ungewöhnlich; neu dürfte vor allem sein, wie offen und medienwirksam politischer Druck nun auf die Zentralbank ausgeübt wird. Die heftigen verbalen Angriffe durch Donald Trump sind mit Blick auf die wohl anstehende weitere Normalisierung der geldpolitischen Ausrichtung in Washington sicherlich nicht hilfreich und erschweren den Notenbankern ohne jeden Zweifel einen zügigen Kurswechsel ohne Reputationsverlust. Auf der Zielgraden dürfte 2025 allerdings wohl auch in den Vereinigten Staaten noch zu einem Jahr der sinkenden Leitzinsen werden!
Abb.: Verlauf der von der NY Fed erhobenen Inflationserwartungen der privaten Haushalte
Quelle: NY Fed Survey of Consumer Expectations
Autor: Tobias Basse, US-Volkswirt NORD/LB und Research Professor Touro University Berlin
[i] Vgl. Glassman, J. und Hassett, K.: Dow 36,000: The New Strategy for Profiting from the Coming Rise in the Stock Market, Crown Business, New York, (1999).
[ii] Vgl. insbesondere Rothbard, M. N.: The Origins of the Federal Reserve, in: Quarterly Journal of Austrian Economics, Bd. 2, (1999), S. 3ff.
[iii] Vgl. Meltzer, A. H.: What’s wrong with the Fed? What would restore independence?, in: Cato Journal, Bd. 33, (2013), S. 401ff.





