Der Ausverkauf im Februar 2026 ist das bislang deutlichste Signal dafür, dass künstliche Intelligenz die ökonomischen Grundlagen von Software-as-a-Service (SaaS) grundlegend verändert. Die kommenden Entwicklungen werden darüber entscheiden, wer im nächsten Jahrzehnt zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt.
Die Branche erlebt ihre tiefgreifendste Neubewertung seit der Finanzkrise 2008. Der Kern des Problems ist struktureller Natur: KI hat die grundlegenden Mechanismen des SaaS-Geschäftsmodells verändert.
Seit Jahren diskutieren General Partner (GPs) und Limited Partner (LPs) über diese Verwundbarkeit. Mit der Einführung autonomer juristischer und geschäftlicher Arbeitsabläufe durch Anthropic im Februar 2026 wurde sie messbar. KI unterstützt nicht mehr nur bei der Nutzung von Software, sondern ersetzt ganze Softwarekategorien.
Innerhalb weniger Tage wurden die Bewertungen von Anbietern aus dem Bereich Legal Tech, Marktdaten‑, Business-Intelligence- und horizontalen SaaS-Anbietern deutlich nach unten angepasst. Die seit Langem erwartete Neubewertung der Softwareannahmen begann.
Doch der Kursrückgang ist kein Ausdruck von Panik, sondern Ausdruck einer rationalen Neubewertung. Drei Grundannahmen des SaaS-Booms geraten ins Wanken: Erstens wird die nutzerbasierte Preisgestaltung nicht mehr als dauerhaftes Wachstumsmodell akzeptiert. Zweitens gelten Softwaremargen nicht länger strukturell bei 80 bis 85 Prozent verankert. Und drittens werden wiederkehrende Umsätze nicht mehr automatisch als verlässlich prognostizierbar angesehen Für Investoren lautet die Frage daher nicht mehr: „Wo ist das Wachstum?“, sondern: „Welche Modelle überleben?“
Warum das SaaS-Modell strukturell unter Druck steht
Der aktuelle Abschwung markiert die erste echte strukturelle Zäsur seit der Einführung des SaaS-Modells. Zwei tragende Säulen stehen unter Druck: das nutzerbasierte Preismodell und die Fixkosten-Logik der Margen.
Der Zusammenbruch des nutzerbasierten Preismodells
Über zwei Jahrzehnte hinweg funktionierte das Modell: Abrechnung pro Nutzer, steigende Nutzerzahlen, moderat wachsender durchschnittlicher Umsatz pro Nutzer (Average Revenue per User – ARPU) und stabile Netto-Umsatzbindung (Net Retention).
Heute ermöglichen KI-Agenten, dass ein einzelner Mitarbeiter Aufgaben übernimmt, für die zuvor mehrere Personen erforderlich waren.
Reduziert ein Unternehmen seine Support-Mitarbeiter von 50 auf 10, weil KI 80 Prozent der Anfragen übernimmt, sinkt die Zahl der Lizenzen um 80 Prozent. Selbst Preiserhöhungen von 10 bis 20 Prozent kompensieren diesen Rückgang kaum. Ein Rückgang der Nutzerzahl um 30 Prozent bei einer Preisanhebung um 10 Prozent bedeutet rechnerisch eine Umsatzkontraktion um 23 Prozent. Bei einem Rückgang der Nutzer um 50 Prozent und einer Preisanhebung um 15 Prozent liegt der Rückgang bei 42,5 Prozent.
Variable Rechenkosten schmälern die Margen
Historisch galt Software als nahezu kostenfrei skalierbar. KI verändert das. Jede Interaktion erzeugt variable Rechenkosten.
Wechseln Nutzer von gelegentlichen Dashboard-Abfragen zu kontinuierlichen KI-Copilot-Interaktionen, steigt die Nutzung sprunghaft an. Schon geringe Kosten pro Interaktion können die Margen erheblich beeinträchtigen.
Unternehmen, die auf Fixkosten ausgelegt waren, müssen nun mit variablen Kostenstrukturen umgehen. Dies ist kein temporärer Effekt, sondern eine strukturelle Margenverschiebung.
Neubewertung der Planbarkeit wiederkehrender Umsätze (ARR)
Hohe SaaS-Bewertungen – teilweise das 15- bis 25-fache des Umsatzes – basierten auf der Annahme, dass der jährliche wiederkehrende Umsatz (ARR) planbar und wenig anfällig für Kündigungen und Umsatzrückgänge sei.
KI bringt jedoch neue Risiken mit sich: Erstens das Replacement Risk, da KI-Agenten ganze Softwarekategorien ersetzen können. Zweitens das Compression Risk, da die Zahl der Nutzer schneller sinken kann, als Anbieter den Rückgang über Preisanpassungen oder neue nutzungsbasierte Modelle kompensieren. Drittens das Margenvolatilitätsrisiko, weil variable Inferenzkosten die Wirtschaftlichkeit auf Stückkostenebene destabilisieren. In diesem Umfeld verliert ARR seinen Sonderstatus. Der „SaaS-Premium-Multiplikator” existiert nicht mehr.
Der neue Burggraben: Wer überlebt im KI-Zeitalter?
Trotz der Turbulenzen bleibt das langfristige Potenzial der Branche bestehen. Die Neubewertung trennt Geschäftsmodelle mit struktureller Substanz von solchen mit austauschbarer Funktionalität.
- Geschäftskritische Kernsysteme (Systems of Record)
Die zentrale Unterscheidung lautet: „System of Record” (SoR) oder ergänzendes Workflow-Tool?
Systems of Record speichern proprietäre, kundenspezifische operative Daten, steuern deterministische und geschäftskritische Workflows, haben extrem hohe Wechselkosten und sind für regulatorische, finanzielle oder operative Kontinuität unverzichtbar.
Bolt-on-Tools besitzen dagegen keine eigenen Daten, haben niedrige Wechselkosten, lösen Probleme, die KI mit allgemeinen Modellen replizieren kann, und basieren häufig auf öffentlichen oder Drittanbieterdaten.
Wenn SAP ausfällt, stehen Produktionslinien still. Wenn Workday versagt, scheitert die Gehaltsabrechnung. Bei Rechtsrecherche, Berichterstellung oder Programmierassistenz ist Replizierbarkeit hingegen das zentrale Risiko.
2.Vertikales SaaS als resilientestes Segment
Vertikale SaaS-Anbieter gelten als widerstandsfähig gegenüber KI-Kommodifizierung.
Generische CRM-Anbieter können viele dieser Prozesse ohne massive Anpassung nicht replizieren. Zudem ist das Substitutionsrisiko durch KI geringer, da hochspezifische Branchenregeln, Timing, Compliance-Anforderungen und Datenstrukturen nicht ohne Weiteres generalisierbar sind.
- Eingebettete Finanzdienstleistungen als defensiver Schutzwall
Eingebettete Finanzdienstleistungen entwickeln sich zur zusätzlichen Schutzschicht. In den USA dürfte das Transaktionsvolumen bis 2026 bei über 7 Billionen US-Dollar liegen.
Der Schutzmechanismus ist klar: Das Zahlungsvolumen hängt nicht von der Zahl der Lizenzen ab, die Wechselkosten sind hoch und die Datenbasis wird tiefer. Zudem kann KI die regulierte Finanzinfrastruktur nicht ersetzen. KI kann zwar Rechnungen schreiben, aber keine Zahlungen abwickeln oder Kredite vergeben, ohne lizenzierte Strukturen.
4. Innovationsgeschwindigkeit als Wettbewerbsvorteil
KI schafft eine strukturelle Kluft zwischen Unternehmen, die konsequent in Innovation investieren, und solchen, die vor allem auf kurzfristige Margenoptimierung setzen.
Die führenden Anbieter betrachten KI als Plattformtransformation und nicht als Feature. Sie gestalten Produkte neu, passen Preismodelle an und integrieren KI durchgängig.
Vom Nutzerplatz zum KI-Agenten: Die Zukunft des Preismodells
Das nutzerbasierte Modell dürfte zunehmend nutzungsbasierten Strukturen weichen. Denkbar sind Abrechnungen pro Aufgabe, pro Ergebnis, pro KI-Agent, verbrauchsabhängig (Compute, Tokens, API-Calls) oder hybride Modelle aus Grundgebühr und Nutzung.
Da KI-Agenten rund um die Uhr arbeiten, kann die Nutzung exponentiell wachsen – auch bei sinkenden Nutzerzahlen.
Was bedeutet das für Investoren?
Die Neubewertung markiert den Beginn einer darwinistischen Phase. KI wirkt als Selektionsmechanismus. Gewinner dürften vor allem dort entstehen, wo Systeme geschäftskritisch sind, proprietäre Daten besitzen, Transaktionsfähigkeit integrieren, aggressiv in KI investieren und Preismodelle in Richtung Usage oder Hybrid weiterentwickeln.
Verlierer sind dagegen vor allem dort zu erwarten, wo Tools replizierbar sind, auf Drittanbieterdaten beruhen, die Workflows geringe Wechselkosten haben oder Unternehmen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben kürzen, um die Margen zu stabilisieren.
Am Ende bleibt jedoch eine Frage, die seit Jahren im Raum steht: Ist dieses Produkt geschäftskritisch – oder nur „nice to have“? Trotz aller technologischen Disruption bleibt diese Grundfrage unverändert.
Gastbeitrag von Scott Voss, Managing Director und Senior Market Strategist, HarbourVest




