Wachstumslokomotive Deutschland? Das war einmal. Zumindest sah es wirtschaftlich hierzulande schon besser aus. Aber muss man das Land abschreiben? Wohl kaum! Jörg Hoppe, Fondsmanager des MEAG ProInvest, nimmt zu deutschen Aktien Stellung.
INTELLIGENT INVESTORS: Der Iran-Krieg dominiert das Geschehen und hat das Marktumfeld deutlich verändert. Wie blicken Sie aktuell auf deutsche Aktien?
Jörg Hoppe: Das Umfeld ist im Vergleich zum Jahresanfang anspruchsvoller geworden. Denn wir haben es mit einem abgeschwächtes Makroumfeld zu tun, das auf hohe, unter Druck stehende Bewertungen trifft. Gerade auch in solchen Phasen sehen wir uns darin bestätigt, uns nicht von Schlagzeilen treiben zu lassen, sondern uns auf die Fundamentaldaten zu konzentrieren.
II: Die Wachstumsprognosen für Deutschland wurden zuletzt gesenkt. Der BDI erwartet sogar kein Wachstum mehr in diesem Jahr. Wie ordnen Sie das ein?
Hoppe: Wir glauben fest daran, dass Deutschland eine gute Wachstumsperspektive hat, auch wegen seiner Kapitalstärke. In den nächsten Jahren könnten die Unternehmen hierzulande von fallenden Steuersätzen profitieren, was sich aktuell kein anderes europäisches Land leisten kann. Zudem sind viele deutsche Unternehmen global aufgestellt. Wer in deutsche Aktien investiert, investiert somit nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Mittelfristig erwarten wir eine Erholung, auch weil die eingeleiteten Stimulierungsmaßnahmen helfen dürften. Noch entscheidender wird sein, dass strukturelle Reformen wie der Abbau von Bürokratie und schnellere Genehmigungen vorankommen. Für hiesige Unternehmen geht es darum, Logistikketten und Abhängigkeiten zu reduzieren. Das verursacht erst einmal Kosten. Anleger sollten sich daher auf Unternehmen konzentrieren, die diese weitergeben können.
II: Gratulation! Mit Ihrem MEAG ProInvest standen Sie jüngst vorn auf der Bestseller-Liste. Was ist sozusagen der „USP“ dieses Fonds?
Hoppe: Aus meiner Sicht sind es drei Attribute, die unseren Fonds ausmachen: Erstens unsere Flexibilität. Der MEAG ProInvest ist kein Stilprodukt, sondern bewusst flexibel – etwa bezüglich Value- und Growth-Aktien sowie der Unternehmensgröße. Zweitens investieren wir bottom-up, sprich: Die Betrachtung der einzelnen Unternehmen steht im Vordergrund. So erwirtschaften wir Zusatzerträge über die Auswahl einzelner Titel, nicht über makroökonomisches Timing. Im Mittelpunkt stehen Geschäftsmodell, Cashflow, Marktposition, Margen und Wettbewerbsfähigkeit. Drittens unsere aktive Positionierung. Beispielsweise hat uns geholfen, dass wir innerhalb der Industrie eine starke Ausrichtung auf Flugzeugbau und Rüstung haben.
II: Welche Sektoren sehen Sie auf der Gewinnerseite mit Blick auf die nahe Zukunft?
Hoppe: Positiv bleiben wir bei Banken. Dort sehen wir ein weiterhin unterstützendes Umfeld, konstruktive Gewinnrevisionen und Bewertungen, die nicht überzogen wirken. Ebenfalls positiv blicken wir auf die Branchen Rüstung und Aerospace. Diese verfügen über langfristige Auftragsbücher und damit über eine hohe Visibilität bei Auslastung und Ertragsentwicklung.
II: Wo sind Sie gegenwärtig besonders vorsichtig?
Hoppe: Zurückhaltend bleiben wir bei der Chemieindustrie. Die hohen Energiekosten sehen wir hier weiterhin als strukturellen Nachteil. Vorsichtig sind wir außerdem bei Konsumwerten mit starkem Fokus auf Deutschland oder Europa, da wir aktuell keinen klaren Auslöser für eine deutlich stärkere Konsumdynamik sehen. Bei Small- und Mid-Caps erkennen wir zwar wieder Chancen, aber die geringe Liquidität vieler Titel bleibt ein Thema.




