Die Kapitalmärkte haben einen formidablen Start in 2025 hingelegt. Das muss nicht zwangsläufig so bleiben. Die Luft nach oben wird dünner. Die Nervosität nimmt zu. Wie schaut es rund um den Globus aus? Dr. Martin Lück, Gründer der Macro Monkey GmbH, ist ein versierter Kenner der Märkte. Wir sprachen mit ihm Mitte Februar.
INTELLIGENT INVESTORS: Herr Lück, ein ereignisreicher Jahresstart liegt hinter uns. Wie würden Sie die Stimmung an den Kapitalmärkten aktuell verorten?
Dr. Martin Lück: Ich würde sie als “wachsam” beschreiben. Denn es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Unsicherheit hoch ist und die Rückschlagsgefahr zugenommen hat.
II: In den vergangenen Jahren führte an den USA kein Weg vorbei. Die Indizes schnellten in die Höhe. Wird der „American Exceptionalism“ in eine Verlängerung gehen?
Dr. Lück: Ich glaube ja. Vor allem die großen Tech-Unternehmen sind eine Klasse für sich, sie werden weiter den Standard setzen. Und solange sie auf Linie mit dem Weißen Haus bleiben, haben sie auch eher Aussicht auf ein weniger rigides regulatorisches Umfeld. US-Unternehmen, einschließlich der Tech-Unternehmen, sehen also vorerst wie die Gewinner von Trumps neuer Welt aus. Vorsichtiger wäre ich bei US-Anleihen. Vor allem am langen Ende könnten die Zinsen eher steigen als sinken, besonders wenn deutlich wird, dass unter Trump das Haushaltsdefizit des Bundes weiter steigt, etwa weil die geplante Steuerreform nicht solide gegenfinanziert ist.
II: Mit dem Amtsantritt Trumps ändern sich einige Spielregeln. Er bestimmt die Marschrichtung. Was bedeutet das für die Fed? Werden wir nach Ihrer Ansicht mehr als die bis dato eingepreisten Zinssenkungen sehen?
Dr. Lück: Bisher hat sich Trump überraschend wenig zur Fed geäußert, und das, obwohl er anderswo kaum einen Stein auf dem anderen lässt. Dies könnte sich aber ändern, wenn es zum Konflikt kommt. Denn Trump will weitere Zinssenkungen, die Fed sieht aber zurzeit eher zu hohe Inflation. Da liegt Streit in der Luft. Ich glaube aber, dass Fed-Chef Powell stur bleibt, schließlich läuft seine Amtszeit ohnehin im Februar 2026 aus. Es dürfte also nur die aktuell eingepreisten Zinssenkungen geben.
II: Europa lahmt. Was dürfen wir von der EZB angesichts des mauen Wirtschaftswachstums im ersten Halbjahr erwarten?
Dr. Lück: Die EZB kann es sich dank der stärker rückläufigen Inflation und des schwachen Wachstums eher leisten als die Fed, die Zinsen weiter zu senken. Ich denke, mindestens zwei weitere Zinsschritte bis Jahresmitte sind realistisch. Allerdings erwarte ich ein vorsichtiges Vorgehen. Denn einerseits weiß die EZB, dass angesichts der wirtschaftlichen Schwäche die Geldpolitik eher expansiv sein sollte. Andererseits traut sie vielleicht ihren eigenen Lohnkostenprojektionen nicht so ganz. Die prognostizieren nämlich nachlassende Lohndynamik, aber bisher ist in den realen Daten davon wenig zu sehen. Die EZB möchte keineswegs den Fehler zu machen, die Zinsen zu schnell oder zu weit zu senken und dann eventuell angesichts anziehender Inflation eine Kehrtwende machen zu müssen. Das spricht für ein graduelles, datenabhängiges Vorgehen.
II: Viel wird vom Bewertungsabschlag europäischer Aktien gegenüber den US-Pendants gesprochen. Hat Europa als Einheit aktuell die Stärke, um Boden gegenüber den amerikanischen Wettbewerbern gutzumachen?
Dr. Lück: Zurzeit nicht, nein. Man hat im letzten Jahr gesehen, dass allenfalls einzelne europäische Unternehmen einigermaßen mit US-Aktien mithalten konnten. Und das auch nur, sofern sie ein globales, nicht zu europalastiges Geschäftsmodell hatten. Europa ist fragmentiert, von nationalen Interessen bestimmt und zu sehr von Überregulierung, hohen Energiekosten und anderen Standortnachteilen geplagt, um auf Sicht die Lücke zu den US-Aktienmärkten zu schließen. In diesem Fall signalisieren niedrigere Bewertungen also nicht “attractive”, sondern “cheap for a reason”.
II: Der Blick auf Deutschland. Wie ernst ist die wirtschaftliche Lage?
Dr. Lück: Deutschland befindet sich in einem perfekten Sturm. Nach der Pandemie und Russlands Überfall auf die Ukraine, ist uns unser Geschäftsmodell um die Ohren geflogen. Auf einmal müssen wir Verteidigungskapazitäten aufbauen, was enorme Ressourcen bindet. Und mit billiger Energie eine gewaltige Industriemaschine auf Nachfrage aus China auszurichten, funktioniert auch nicht mehr. Russland versinkt in einer verbrecherischen Diktatur, und China hat selbst ökonomische Probleme. Diese plötzlichen Veränderungen treffen uns unvorbereitet, denn 20 Jahre lang haben die jeweiligen Regierungen das Land nur verwaltet, aber nicht zukunftsfähig oder resilienter gemacht hat. Von den letzten zwei Jahrzehnten waren auf Bundesebene 12 Jahre GroKo, vier Jahre Schwarz-Gelb und drei Jahre Ampel. Die letzte Reform, die Deutschland zukunftsfähiger gemacht hat, was Münteferings Rente mit 67 im Jahr 2007. Danach herrschte Selbstzufriedenheit. Nun gibt es daher ein raues Erwachen, selbst in Europa drohen wir den Anschluss zu verlieren. Die Lage ist in der Tat ernst.
II: Wie stehen Sie zu einem Aussetzen der Schuldenbremse?
Dr. Lück: Mich wundert, auf welchem Niveau selbst Parteivertreter über die Schuldenbremse sprechen, die etwas von Wirtschaft zu verstehen vorgeben. Natürlich müssen künftige Generationen die Schulden tilgen, aber sie profitieren dann auch von funktionierender Infrastruktur, besserer Bildung, einer digitalisierten Verwaltung und vielen anderen Dingen, in die man mit einer reformierten Schuldenbremse investieren könnte und müsste. Und somit würden unsere Kinder und Enkel die Schulden leicht zurückzahlen können, denn die Rendite aller dieser Investitionen liegt weit über den Kapitalkosten. Vielleicht sollte man Investitionsrechnung zum Pflichtfach für diejenigen machen, die sich um politische Ämter bewerben und dort mit Staatsausgaben zu tun haben.
II: Zum Abschluss das Auge Richtung Asien. 2025 ist in China das Jahr der Schlange. Wie stehen die Chancen, dass Peking uns im laufenden Jahr wirtschaftlich positiv überrascht?
Dr. Lück: Nicht bei null, aber unter 50 %. Das Problem in China ist, dass die Nachfrageschwäche strukturell bedingt ist. Viele Haushalte fühlen sich weniger wohlhabend, weil die Immobilien, in denen ein Großteil ihres Vermögens gebunden ist, immer weiter an Wert verlieren. Wegen des gigantischen Überangebots an Wohnungen wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Dazu kommt, dass es nach der Omikron-Welle, die in China bis zu 2 Millionen Opfer gekostet hat, zu einem Vertrauensverlust in die Regierung gekommen ist. Selbst wenn die Haushalte also jetzt von der Regierung gesagt bekommen, sie sollten ruhig konsumieren, alles werde gut, dann glaubt das nicht mehr jeder und hält lieber sein Geld zusammen. Unterm Strich dürfte China in diesem Jahr schwächer wachsen als die angestrebten 5 %. Und wenn für 2025 da doch wieder eine Fünf steht, glaube ich die genauso wenig wie die vom letzten Jahr.




