Deutsche Wirtschaft im perfekten Sturm

Der diese Woche von der Ifo veröffentlichte Geschäftsklimaindex zeigt eine deutliche Verschlechterung der Stimmung in der Industrie – und auch seine Erwartungen für die Exportwirtschaft hat das Institut deutlich nach unten korrigiert. Für Carsten Klude, Chefvolkswirt der Bank M.M.Warburg & CO, ist das keine Überraschung. Warum er die deutsche Wirtschaft aktuell im perfekten Sturm sieht – und warum die Politik jetzt zügig Antworten auf die neue geopolitische Realität finden muss, erklärt der Experte in folgendem Kommentar.
26. März 2026
Foto: © evgen Skrypko - stock.adobe.com

Der diese Woche von der Ifo veröffentlichte Geschäftsklimaindex zeigt eine deutliche Verschlechterung der Stimmung in der Industrie – und auch seine Erwartungen für die Exportwirtschaft hat das Institut deutlich nach unten korrigiert. Für Carsten Klude, Chefvolkswirt der Bank M.M.Warburg & CO, ist das keine Überraschung. Warum er die deutsche Wirtschaft aktuell im perfekten Sturm sieht – und warum die Politik jetzt zügig Antworten auf die neue geopolitische Realität finden muss, erklärt der Experte in folgendem Kommentar.

Die deutsche Industrie bildete über Jahrzehnte das Kraftzentrum unserer Wirtschaft. Nun sieht sich der Sektor einer beispiellosen Kombination aus geopolitischen und ökonomischen Belastungen ausgesetzt. Das Geschäftsmodell, das auf globaler Vernetzung und stabilen Energiepreisen basierte, wird derzeit von drei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt:

  1. Der Export-Bremse aus den USA 
    Die Vereinigten Staaten bleiben einer der bedeutendsten Handelspartner Deutschlands, doch die Verlässlichkeit dieses Absatzmarktes hat massiv gelitten. Durch die neuen US-Zölle werden deutsche Ausfuhren künstlich verteuert. Dies schmälert die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Maschinen und Fahrzeuge und führt dazu, dass Unternehmen Investitionen eher in den US-Wirtschaftsraum verlagern, statt am Standort Deutschland auszubauen.
  2. Dem „Umlenkungseffekt“ aus China
    Ein oft unterschätzter Nebeneffekt der US-Handelspolitik ist die globale Warenverschiebung. Da China aufgrund hoher US-Zölle den amerikanischen Markt nur noch eingeschränkt bedient, werden chinesische Güter zunehmend nach Europa und damit auch nach Deutschland umgelenkt. Vor allem in den Bereichen Autoteile und Basischemikalien drängen Waren zu Niedrigpreisen auf den Markt. Für heimische Hersteller verschärft dies den Wettbewerbsdruck drastisch.
  3. Sowie den Energiepreisen als struktureller Standortnachteil
    Zu allem Überfluss hat nun die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten die Energiepreise erneut sprunghaft ansteigen lassen. Dies trifft besonders die energieintensiven Branchen wie die Chemiebranche, aber auch den Maschinenbau und die Autoindustrie. Vor allem die im Vergleich zu den USA hohen Gaspreise stellen einen massiven Nachteil dar. Immerhin verfügen die Vereinigten Statten als Netto-Exporteur von Öl und Gas über deutlich günstigere Energiequellen als Deutschland.

Ein Lichtblick: Die Verteidigungsindustrie im Aufwind
Trotz der allgemeinen industriellen Schwäche zeigt sich in einem Sektor eine deutlich positivere Dynamik: die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie. Im Gegensatz zu den exportabhängigen Konsum- und Investitionsgütersparten profitiert dieser Bereich von spezifischen Sonderfaktoren: Dazu gehören zum einen massive staatliche Förderung. Angesichts der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Europa fließen Rekordbeträge in die Modernisierung der Streitkräfte. Sondervermögen und langfristige Beschaffungsprogramme sorgen für volle Auftragsbücher und Planungssicherheit, die in anderen Branchen derzeit fehlt.

Zudem zeigt sich die Industrie mit seinen High-Tech-Produkten auch international besonders wettbewerbsfähig. Produkte „Made in Germany“ – von moderner Luftabwehr bis hin zu gepanzerten Fahrzeugen – sind weltweit gefragt. Diese technologische Exzellenz ermöglicht es der Branche, sich von der allgemeinen konjunkturellen Eintrübung abzukoppeln. Auch gegen die hohen Energiepreise zeigt sich der Sektor weitestgehend immun. Im Vergleich zur Grundstoffindustrie ist die Wertschöpfung in der Verteidigungstechnik weniger energieintensiv und stärker auf Forschung, Entwicklung und hochkomplexe Systemintegration fokussiert, was sie widerstandsfähiger gegen schwankende Gaspreise macht.

Antwort auf neue geopolitische Realität benötigt
Insgesamt steht die deutsche Industrie dennoch vor einer Zerreißprobe. Während die klassischen Säulen wie Chemie und Automobilbau unter Zöllen, Billigkonkurrenz und hohen Energiekosten ächzen, erweist sich die Verteidigungsindustrie als stabilisierender Faktor. Klar ist jedoch auch, dass dieser Sektor die strukturellen Verluste der anderen Branchen allein nicht kompensieren kann. Für die Politik gilt es jetzt schnelle Lösungen zu finden: Ohne eine Antwort auf die neue geopolitische Realität und eine Entlastung bei den Standortkosten droht eine weitere Deindustrialisierung in der Breite. Eine Entwicklung, die sich Deutschland nicht leisten kann

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