“Der Markt weiß, dass der EZB-Rettungsschirm umfangreich und glaubwürdig ist”

Wird sich die Politik der Zentralbanken in absehbarer Zeit ändern? Gäbe es hierfür überhaupt ausreichend Gründe? Und was bedeutet das alles für den Anleihenmarkt? INTELLIGENT INVESTORS sprach hierzu und zu weiteren Aspekten mit Peter Goves, Fixed Income Research Analyst, MFS Investment Management.
30. Juli 2021
Peter Goves - Foto: © MFS Investment Management

Wird sich die Politik der Zentralbanken in absehbarer Zeit ändern? Gäbe es hierfür überhaupt ausreichend Gründe? Und was bedeutet das alles für den Anleihenmarkt? INTELLIGENT INVESTORS sprach hierzu und zu weiteren Aspekten mit Peter Goves, Fixed Income Research Analyst, MFS Investment Management. 

INTELLIGENT INVESTORS: Wie ist Ihr Ausblick auf die Wirtschaft angesichts der Ankündigung der Europäischen Kommission zu ihrem Finanzierungsplan für 2021?
Peter Goves: Der Wiederaufbaufonds ist am Start und die Emissionstätigkeit läuft. Die Möglichkeit der Kommission, Kredite aufzunehmen und Mittel in Form von Zuschüssen zu verwenden, ist ebenso neu und sinnvoll wie die Annahme einer diversifizierten Finanzierungsstrategie im Rahmen ihres Anleihemanagements. Die Unterstützung ist zielgerichtet und hilft jenen Volkswirtschaften wie Italien und Spanien, die aufgrund ihres Wachstumsmix stark von der Pandemie betroffen sind. In jüngster Zeit gab es jedoch einige positive Überraschungen bei ihrer Wirtschaftstätigkeit, so wurde zum Beispiel das BIP in Italien im ersten Quartal deutlich nach oben korrigiert. Dies erhöht den Druck auf die Wachstumserwartungen für 2021, die der Wiederaufbaufonds in den kommenden Jahren unterstützen wird.

II: Erwarten Sie überhaupt einen Wechsel zu einer weniger akkommodierenden Geldpolitik der Zentralbanken wie der Fed und der EZB?
Goves: Die Unterstützung durch die Politik wird wahrscheinlich bis weit in den Aufschwung hinein andauern. Wichtig ist die unabhängige Koordinierung der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen, was wiederum dazu beitragen dürfte, die Nachfragelücke zu schließen und der EZB zu helfen, ihr Mandat zur Preisstabilität zu erfüllen. Es ist zu beachten, dass der Inflationsdruck im Euroraum bereits vor der Krise relativ gering war und daher angesichts des COVID-19-Schocks wahrscheinlich eine Form der ständigen Akkommodation erforderlich sein wird, um die Wirtschaft in den kommenden Jahren zu stützen. Der genaue Mix der Unterstützung könnte sich entwickeln, aber insgesamt scheint die Akkommodation vorerst zu bleiben. Viele Zentralbanken haben vor einer verfrühten Straffung gewarnt und darauf hingewiesen, dass die Wirtschaftstätigkeit angesichts der noch nicht abgeschlossenen Erholung durch kontinuierliche Unterstützung aufrechterhalten werden muss.

II: Das PEPP-Programm wurde bereits umgesetzt. Was denken Sie über dieses Programm, das voraussichtlich bis März 2022 laufen wird?
Goves: Das PEPP-Programm hat erfolgreich dazu beigetragen, günstige Finanzierungsbedingungen aufrechtzuerhalten — eine notwendige Voraussetzung, um die Nachfrage zu stützen und letztlich das Mandat der EZB zu erfüllen. Seine Stärke liegt nicht nur in seinem Umfang und der raschen Annahme des Rahmens durch die EZB, sondern auch in seiner “Flexibilität”, die die EZB-Präsidentin Christine Lagarde, als “Eckpfeiler des PEPP” bezeichnet hat. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da die EZB ihre Feuerkraft dorthin lenken kann, wo und wann sie diese am dringendsten benötigt. Auch die monatlichen und zweimonatlichen Datenveröffentlichungen tragen zur Transparenz bei. Der Markt weiß, dass der EZB-Rettungsschirm umfangreich und glaubwürdig ist. Auch das PEPP hat im ersten Quartal des vergangenen Jahres schnell dazu beigetragen, das Vertrauen zu stärken und die Unsicherheit zu verringern. Auch dies sind notwendige Voraussetzungen für einen beginnenden Aufschwung.

II: Sind die Befürchtungen einer steigenden Inflation begründet? Welche Auswirkungen könnte dieser Anstieg auf die Konjunkturpolitik der europäischen Länder haben?
Goves: Die Inflation im Euroraum erreichte vor kurzem 2 % im Jahresvergleich, was jedoch größtenteils auf Energieeffekte zurückzuführen ist. Es ist denkbar, dass einige Inflationswerte noch weiter ansteigen werden, wenn wir die Nachfrage nach Pauschalreisen, die Rücknahme der Mehrwertsteuer und andere Basiseffekte berücksichtigen. Außerdem ist dieser Anstieg der Inflation bekannt und wurde von der EZB weitgehend erwartet. Er ist nicht völlig überraschend und wird weitgehend als von vorübergehenden und idiosynkratischen Faktoren bestimmt, betrachtet. Entscheidend wird sein, ob die Inflation dauerhaft hoch ist. Der letztgenannte Punkt hängt vielleicht viel mehr mit der Frage zusammen, wie die Produktionslücke geschlossen werden kann, mit den Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt (nicht zuletzt mit der Messung des Leerlaufs und des geringen Lohnwachstums) und damit, wie die überschüssigen Ersparnisse eingesetzt werden. Es wird einige Zeit dauern, dies zu beurteilen, aber im Moment scheint der zugrundeliegende Inflationsdruck immer noch relativ gedämpft zu sein (wenn wir beispielsweise die Kerninflationskennzahlen betrachten), und dies wird von der EZB häufig festgestellt.

II: Wie sehen Sie den europäischen Anleihemarkt nach der Pandemie?
Goves: Das Quantative Easing (QE) der EZB im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten ist staatsabhängig. Es wird so lange weiterlaufen, wie es zur Stärkung der Zinspolitik der EZB erforderlich ist, und die derzeitigen Prognosen gehen davon aus, dass es “kurz vor” dem Beginn der Zinserhöhung durch die EZB endet. Die Zinssätze selbst werden jedoch so lange auf dem derzeitigen Niveau oder niedriger bleiben, bis die EZB “eine robuste Konvergenz der Inflationsaussichten auf ein Niveau von nahe, aber unter 2 %” innerhalb ihres Prognosehorizonts festgestellt hat. Mit anderen Worten: Die Zinssätze werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich niedrig bleiben, was die Kernduration, insbesondere das vordere Ende, stützt.  Auch das QE wird in irgendeiner Form vorerst fortbestehen, was die EGB-Spreads stützt und dazu beiträgt, die Marktfragmentierung zu begrenzen. Insgesamt erwarten wir eine anhaltende Unterstützung in der Erholungsphase des Wirtschaftszyklus nach der Pandemie, die die Volkswirtschaften und Märkte auf absehbare Zeit stützen dürfte. (ah)

Peter Goves — Foto: © MFS Investment Management

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