Healthcare-Aktien haben schwierige Monate hinter sich. Dabei ist die Lage besser, als sie im ersten Moment erscheint. Wer genau hinschaut, kann attraktive Bewertungen als Einstiegsgelegenheit nutzen.
Der Healthcare-Sektor hat Investoren in den letzten zwei Jahren enttäuscht. Der MSCI World Health Care Index, der die Wertentwicklung des Gesundheitssektors abbildet, steht derzeit mehr als 8,5 Prozent niedriger, als noch vor einem Jahr und auch einstige Investorenlieblinge wie Novo Nordisk oder UnitedHealth sind weit von ihren Höchstständen entfernt. Im Gegensatz dazu notiert der Gesamtmarkt auf oder Nahe der Allzeithochs.
Angesichts dieser Entwicklung ist die Frage gerechtfertigt, ob sich im Sektor etwas strukturell geändert hat. Wir glauben nicht, zur genaueren Beantwortung der Frage ist aber eine kurze Analyse der Underperformance der letzten Jahre hilfreich. In den Coronajahren erlebte der Sektor zuvor nie dagewesene Zyklizität. In den Jahren 2020–2022 erfahren viele Unternehmen einen Umsatz-Boost auf Grund von zusätzlichen Verkäufen von Impfstoffen und Diagnostiktests, auch Zulieferer profitierten von der Entwicklung. Nach dem Ende der Pandemie setzte in den Jahren 2023 und 2024 eine Korrektur ein, die Gewinnentwicklung im Sektor war rückläufig und die Aktienkurse entwickelten sich unterdurchschnittlich. Just nach Beendigung der Normalisierung sorgte die Wahl von Donald J. Trump zum US-Präsidenten sowie dessen Nominierung von Robert F. Kennedy jr. im Herbst vergangenen Jahres für neue politische Unsicherheit und weiteren Druck auf Aktien im Gesundheitssektor. Sorgen um Medikamentenpreise in den USA, erstmalige Zölle auf pharmazeutische Produkte, negative Kommentare in Bezug auf die Sinnhaftigkeit von Impfungen sowie die Androhungen von massiven Budgetkürzungen von staatlichen Forschungssubventionen belasteten das Investorensentiment und führten zu signifikanten Abflüssen von Investorengelder, vor allem zu Gunsten von Technologiefonds.
Der Gesundheitssektor bietet weiterhin Potenzial für Investoren
In den letzten Jahren haben Sondereffekte wie die Pandemie die strukturell wachsende Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen und ‑produkten überlagert. Die fortschreitende Alterung der Gesellschaft und der steigende Wohlstand in Entwicklungsländer sind weiterhin wichtige Wachstumstreiber für den Sektor. Wir beobachten derzeit zudem eine enorme Innovationskraft in der Industrie. Diese ist nicht nur wichtig für uns als Gesellschaft oder Patient, sondern bietet Unternehmen eine Möglichkeit zur Differenzierung und überdurchschnittlichem Wachstum. In der Pharmaindustrie sehen wir bahnbrechende Innovationen in der Behandlung von Krebs, Adipositas, Alzheimer oder seltenen Krankheiten. In der Medizintechnik sind minimalinvasive Operationstechniken auf dem Vormarsch, der Einsatz von mehr Software und Künstlicher Intelligenz erhöht die Produktivität von Krankenhäusern. Für Investoren ist vor allem in unsicheren Zeiten wichtig, dass der Sektor unabhängig von wirtschaftlichen Zyklen ist. Oder anders gesagt: Krankheiten interessieren sich nicht für die wirtschaftliche Lage. Hinzu kommt, dass viele Menschen in den Industriestaaten eine Krankenversicherung haben, die die Kosten für medizinische Behandlungen erstattet – ganz gleich, wie sich ihre persönliche finanzielle Situation darstellt.
Gute Aussichten bei gleichzeitig günstigen Bewertungen
Die derzeitige politische Unsicherheit führte dazu, dass Investoren ihr Engagement im Sektor in den letzten 12 Monaten deutlich runtergefahren haben und das Stimmung negativ ist. Dies zeigen Umfragen, wie z.B. der allseits anerkannte Fund Manager Survey der Bank of America. Die Bewertungen im Sektor sind deshalb historisch gering. Während der Gesamtmarkt deutlich teurer ist als in den letzten 20 Jahren, so rentiert der Gesundheitssektor derzeit auf relativen Bewertungen, die so niedrig sind wie nur selten in den letzten 20 Jahren. Diese niedrigen Bewertungen treffen auf überdurchschnittliche Wachstumserwartungen, besonders wenn man den Technologiesektor beiseitelässt.
Das Fundament für eine wieder bessere Kursperformance ist also gelegt. Die Frage ist nun, was wieder zu höheren Bewertungen im Sektor führen könnte. Wir glauben, dass wir den Höhepunkt der regulatorischen Unsicherheiten überschritten haben. Aus den von US-Präsident Trump angedrohten 200–250 Prozent Zöllen auf EU-Importe von Pharmaprodukten wurden nun 15 Prozent. Darüber hinaus scheint es so, als ob Kongress und Repräsentantenhaus mit einem unveränderten Budget für den National Institutes of Health (NIH) im Jahr 2026 planen. Trump machte Monate zuvor mit einer angekündigten Kürzung von über 40 Prozent auf sich aufmerksam. Gegen deutliche Preisreduktionen geht die Pharmaindustrie mit massiven Investitionsprogrammen vor – in den letzten Monaten wurden Investments in die USA im deutliche dreistelligen Milliardenbereich angekündigt. Darüber hinaus gibt es Bestrebungen, dass die US-Versicherer, welche von hohen Bruttopreisen in Form von Rabatten gewährt von der Pharmaindustrie profitieren, ihren Beitrag zu geringeren Preisen leisten sollen. Selbst wenn Bewertungen im Sektor auf aktuellen Niveaus verharren, so sollten Investoren vom attraktiven Gewinnwachstum profitieren. Analysten prognostizieren dieses im hoch einstelligen Bereich in Euro auf Indexebene.
Insgesamt ergibt sich für den Gesundheitssektor also nach einer langen Durststrecke ein positives Bild. Wer genau hinschaut, kann günstig investieren und womöglich schon bald von steigenden Kursen profitieren.
Autor: Kay Eichhorn-Schott, Portfoliomanager des Berenberg Health Focus Fund




