Der Aufstieg wird zur Hängepartie

Wirtschaftliche Krise, politische Spannungen, Regierungswechsel in den USA. Um die Zukunft von Artikel-8- und Artikel-9-Fonds ist es nicht gut bestellt, dabei galten die hellgrünen Investments vor nicht allzu langer Zeit als Hoffnungsträger für die nachhaltige Transformation. Ist ihr Aufstieg nun zu Ende? Nein, glaubt Kevin Naumann. Was den Partner im Bereich Financial Services bei KPMG trotz all der Probleme zuversichtlich stimmt und was das für die grüne Geldanlage bedeutet.
19. März 2025
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Wirtschaftliche Krise, politische Spannungen, Regierungswechsel in den USA. Um die Zukunft von Artikel-8- und Artikel-9-Fonds ist es nicht gut bestellt, dabei galten die hellgrünen Investments vor nicht allzu langer Zeit als Hoffnungsträger für die nachhaltige Transformation. Ist ihr Aufstieg nun zu Ende? Nein, glaubt Kevin Naumann. Was den Partner im Bereich Financial Services bei KPMG trotz all der Probleme zuversichtlich stimmt und was das für die grüne Geldanlage bedeutet.

Der neue Präsident der USA war noch nicht vereidigt, da lieferte die Finanzwirtschaft schon einen ersten Vorgeschmack darauf, was sich unter Donald Trump verändern könnte: Blackrock hat Anfang Januar die „Net Zero Assets Managers Initiative“ (NZAMI) verlassen. Offiziell aus rechtlichen Gründen. Doch es fällt schwer zu glauben, dass der weltgrößte Vermögensverwalter der brancheneigenen Klimaallianz allein aufgrund der regulatorischen Erwartungen in den USA den Rücken kehrt.

Ziel der NZAMI ist es, eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050 oder früher zu unterstützen. So wollen die Vermögensverwalter weltweit mit ihren Anlagestrategien einen Beitrag dazu leisten, die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad zu begrenzen. Dass von den 325 Unterzeichnern mit einem Gesamtvolumen von 57,5 Bio. Dollar nun der größte (11,5 Bio. Dollar verwaltetes Vermögen) aussteigt, sendet ein verheerendes Signal: Mit nachhaltigen Investments ist vorerst offenbar kein Geschäft zu machen.

Ende des Aufstiegs

Dabei könnte das Gebaren in den USA ein Vorbote für den europäischen Finanzmarkt sein. Schließlich ist auch hier die politische Rechte auf dem Vormarsch und zudem schwächelt die Wirtschaft. Nachhaltige Investments haben hier zuletzt jedoch einen Aufstieg erlebt. Spätestens seit der Offenlegungsverordnung (SFDR). Sie unterscheidet seit 2021 zwischen Anlageprodukten, die ESG-Aspekte berücksichtigen (Art. 8), und solchen, die beispielsweise vornehmlich nachhaltige Investments suchen (bspw. nach EU-Taxonomie) und somit als nachhaltig eingestuft sind (Art. 9). Im Laufe des vergangenen Jahres galten zeitweise mehr als die Hälfte der in Deutschland zugelassenen Fonds als nachhaltig im Sinne der SFDR. Aktuell schrumpft der Marktanteil bereits. Ist der Aufstieg damit jetzt vorbei?

Kurzfristig sieht es danach aus. Wenn die Konjunktur schwächelt, stehen Anleger umso mehr unter Druck, ihr Geld gewinnbringend zu investieren: Die schnelle Rendite schlägt den langfristigen Erfolg, auch wenn das auf Kosten der Nachhaltigkeit geht. Passend dazu schwächeln die Kurse nachhaltiger Fonds, während konventionelle florieren. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Wer auf Solar- und Windparkhersteller setzte, hatte gegenüber einem klassischen breit gestreuten Aktien-Portfolio oft das Nachsehen. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine kam ein weiterer Aspekt hinzu. So boomten statt grünen Geldanlagen, deren Marktanteil lange gewachsen war, plötzlich die Aktien von Ölmultis und Rüstungskonzernen. Jene von Rheinmetall etwa schaffte es nach einem starken Kursanstieg sogar bis in den Deutschen Aktienindex DAX.

Der Vorteil der Hellgrünen

Auf kurze Sicht ist es der Aufstieg grüner Geldanlagen also gebremst. Die Frage ist jedoch, was auf lange Sicht mit den nachhaltigen Investments passiert. Schließlich zahlen sich diese häufig gerade dann aus, wenn weitsichtig an ihnen festgehalten wird. Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick tief unter die Oberfläche von Artikel-8- und Artikel-9-Fonds. Denn dort schlummert gehöriges Potenzial.

Aktuell sind die Hürden für grüne Fonds nicht allzu hoch. Um nach Artikel 8 und 9 kategorisiert zu werden, genügt bereits „ein Prozent“ des Fondsportfolios, wenn der Rest nach dem Do-No-Significant-Harm-Prinzip (DNSH) nicht nachhaltigkeitsschädigend ist. Für Artikel-8-Fonds beschränkt sich diese Maßgabe sogar lediglich auf den nachhaltig orientierten Anteil. Dadurch sind die sogenannten „hellgrünen“ Fonds besonders niedrigschwellig: Sie müssen, wenn sie ESG-Aspekte berücksichtigen, bei bestimmten Faktoren wie etwa den Emissionen einzig bessere Werte als der Durchschnitt aufweisen. Darüber hinaus sind sie gerade bei Unternehmen besonders beliebt. Diese haben nämlich mit einer Artikel-8-Geldanlage offiziell nachhaltig investiert und können das entsprechend in ihrem Nachhaltigkeitsbericht vermerken. Das erhöht den Anteil grüner Geldanlage, senkt die Hemmschwelle, ESG-orientiert anzulegen – und bringt Chance auf Rendite.

Was lange währt, wird gut

Für Artikel-9-Fonds sind die Kriterien dagegen etwas strenger. Folglich braucht es hier für eine gute Rendite etwas mehr Geduld, was die Nachfrage kurzfristig etwas schmälert. Insbesondere mit Blick auf die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation. Doch wer heute riskiert, sein Geld langfristig nachhaltig anzulegen, der kann in einigen Jahren für diesen Mut belohnt werden.

Deutlich wird das am fiktiven Beispiel eines Energieversorgers: Um emissionsfrei zu werden, legt dieser sein Kohlekraftwerk still. Allerdings muss er seine Kunden weiterhin mit Energie versorgen. Deshalb importiert er Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien, der von der EU sogar als klimafreundlich eingestuft wurde. Der Effekt: Er kommt den Nachhaltigkeitsanforderungen nach und erhält zusätzlich für seine Anteile, die es beispielsweise nur in Artikel-8-klassifizierte Fonds geschafft haben, mehr Kapital, als er voraussichtlich in einem weniger beliebten Artikel-9-Fonds generieren würde.

Anders sieht es aus, hätte sich das Unternehmen für den Bau eines Windparks entschieden. Hier müsste es zunächst Milliarden investieren – und Jahrzehnte warten, bis sich diese Investitionen amortisieren. Doch auch diese Weitsicht wird von den Regelhütern belohnt: Obwohl das Unternehmen zur Überbrückung weiterhin auf konventionelle Energiegewinnung setzen muss, wird ihr Engagement für die Zukunft honoriert. So wird die Investition als sogenannte Transformationskosten bewertet und damit als nachhaltig angesehen. Hinzu kommt, dass die Energiewende vorankommt. Auch wenn aktuelle politische Entscheidungen das Gegenteil vermuten lassen: Der Druck durch Regulatorik, Öffentlichkeit und den Klimawandel wird keinen anderen Weg zulassen. Und das wird den Wert der Investition in den Windpark auf Sicht weiter erhöhen.

Die Seilschaft hängt durch

Doch was muss passieren, damit dieses Bewusstsein die breite Masse erreicht – und welchen Hebel hält die Finanzwirtschaft hier in der Hand? Um „dunkelgrüne Fonds“ und deren Assets zurück auf die Erfolgsspur zu lenken, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Strengere Kriterien für Artikel-8-Fonds, die zu einer Aufwertung der Neuner führen würden. Durch die Anti-Greenwashing-Richtlinie der EU aus dem Frühjahr 2024 ist das nicht einmal sonderlich unwahrscheinlich. Zweitens haben die drei europäischen Aufsichtsbehörden (EBA, EIOPA und ESMA) vorgeschlagen, zwei Produktkategorien „nachhaltig“ und „Transition“ an Fondsnamen zu koppeln, um die Offenlegungsverordnung zu vereinfachen und Greenwashing-Risiken zu reduzieren. Und drittens ist da der Faktor Öffentlichkeit: Nachhaltigkeitswerte sprechen sich rum, Mogelpackungen werden entlarvt – auf diese Weise könnten auch Anleger bald die Zukunftsperspektiven und Vorzüge der „Dunkelgrünen“ erkennen, ohne dass Artikel-8-Fonds dadurch an Prestige verlieren würden.

Allerdings dauern diese Prozesse auf dem komplexen Anlagemarkt länger als in unserer Alltagswelt. Grundvoraussetzung ist ein gewisses Vertrauen der Anleger. Denn eines ist klar: Die Energiewende kommt, auch wenn Europa die völlige Klimaneutralität mit ein paar Jahren Verzögerung erreicht. Und dann gibt es für Artikel-9-Fonds nur noch eine Richtung: nach oben. Je schneller das Vertrauen der Anleger in diese Produkte die breite Masse erreicht, desto eher fließt das für die Energiewende so dringend benötigte Kapital dorthin, wo es am meisten gebraucht wird, und die Faktoren potenzieren sich gegenseitig.

Bis es so weit ist, sind Artikel-8-Fonds eine gute Alternative. Sie sind nachhaltig angelegt und nähren die Hoffnung auf Rendite. Wer grün investieren und dabei auf möglichst wenig Rendite verzichten möchte, kommt damit ans Ziel – und muss sein Geld nicht konventionell anlegen. Wäre der Aufstieg der nachhaltigen Fonds eine Seilschaft, so würden Artikel-8-Fonds ihr dunkelgrünes Pendant gerade den Berg hinaufziehen. Zwar erweist sich ihre Kletterei derzeit als Hängepartie, weil durch die Rezession das Wetter umschlägt oder aktuelle politische Entscheidungen den einen oder anderen Steinschlag lostreten. Am Gipfel angekommen, können sie aber beide die Aussicht genießen. Es liegt auch an den Anlegern, wie es weitergeht.

 

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