“Das Aufwertungspotential für Gold liegt aktuell bei jährlich etwa 10 %”

Edelmetalle im Fokus. Wohin entwickeln sich die Gold- und Silberpreise? Martin Siegel, Stabilitas GmbH, im exklusiven Interview. 
23. Juli 2026
Martin Siegel - Foto: Copyright Stabilitas GmbH

Edelmetalle im Fokus. Wohin entwickeln sich die Gold- und Silberpreise? Martin Siegel, Stabilitas GmbH, im exklusiven Interview. 

INTELLIGENT INVESTORS: Herr Siegel, aufregende Wochen am Kapitalmarkt liegen hinter uns. Wie schätzen Sie die allgemeine Lage ein?

Martin Siegel: Wir befinden uns weltweit in einer Überschuldungssituation, die nicht mehr bereinigt werden kann. Vor allem die maßlose Verschuldung der Staaten erfordert immer neue Kreditpakete, um die steigende Zinsbelastung bewältigen zu können. Zuletzt wurden riesige Kreditpakete Im Zusammenhang mit dem Klimawandel, zur Behebung der Coronakrise und zur Finanzierung des Kriegs in der Ukraine aufgelegt. An allen diesen Krediten verdienen die finanzierenden Banken, was das Überleben des maroden Finanzsystems verlängert.

Da die Kreditsummen mittlerweile so gewaltig sind, kann ihnen nicht mehr mit höheren Steuern begegnet werden. Sie müssen über neue Kredite bedient werden, die dann von den Zentralbanken refinanziert werden. Das dadurch neu geschöpfte Geld führt dann zwangsläufig zu einem Anstieg der Inflation.

II: Kommen wir auf die Edelmetalle zu sprechen. In den vergangenen Wochen ging es mit den Kursen bergab. Welche Gründe gaben den Ausschlag hierfür?

Siegel: Der Anstieg ging vorübergehend zu hoch. Die Edelmetalle haben sich zu weit von ihrem fairen Wert entfernt und in den Kursen übertrieben. Das wird jetzt korrigiert.

II: Sehen Sie den „Boden“ sozusagen erreicht?

Siegel: Der faire Wert für Gold liegt aktuell bei etwa 3.200 $/oz. Dieser Wert markiert die mittlere Kaufkraft des Goldes verglichen mit den letzten 60 Jahren. Dieser Wert wird in der Geschichte oft über viele Jahre unterschritten, aber auch zeitweise weit übertroffen. Eine gute Orientierung liefern die Produktionskosten. Werden sie unterschritten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Produktion sinkt und sich der Preis nach oben anpasst. Aktuell liegen die durchschnittlichen Produktionskosten bei etwa 1.700 $/oz. Bei einem aktuellen Goldpreis von etwa 4.100 $/oz ist das Korrekturpotential daher noch relativ groß.

II: Nach Ihrer Meinung, werden wir wieder steigende Notierungen bei Gold & Co. bis Jahresende sehen?

Siegel: Im Vergleich zu früheren Abwärtsbewegungen werden die Korrekturphasen für Gold und Silber immer kürzer, da sich die unrettbare Aufschuldung des Weltfinanzsystems weiter beschleunigt. Das Aufwertungspotential für Gold liegt aktuell bei jährlich etwa 10 %, so dass der faire Wert für Gold in den nächsten drei Jahren auf etwa 4.300 $/oz ansteigen dürfte. Spätestens dann würde der nominale Goldpreis den aktuellen Wert wieder übersteigen.

Die große Unbekannte bei dieser Rechnung ist die Zentralbank Chinas. Sollte diese die Goldverkäufe wieder aufnehmen, dann kann der Goldpreis ohne großen Vorlauf in ganz andere Regionen über die Marke von 5.000 $/oz ansteigen. Verknüpft mit Goldkäufen der Zentralbank Chinas würden die Fragen nach der weltweiten Vorherrschaft des Dollars und der Kriegsfahr zwischen Taiwan und China aufgeworfen werden.

II: Anfang dieses Jahres schoss Silber in die Höhe. Dann fielen die Notierungen. Ist das Momentum nun vorbei?

Siegel: Der Silberpreis ist historisch eine Funktion des Goldpreises. Da der Silbermarkt kleiner ist als der Goldmarkt steigt der Silberpreis schneller als der Goldpreis. In einer Korrektur gilt das umgekehrt. In der aktuellen Hausse ist der Goldpreis, verursacht durch die Käufe der Zentralbanken, vorangeschritten und der Silberpreis ist dem Goldpreis erst verzögert gefolgt. An der grundsätzlichen Korrelation hat sich jedoch nichts geändert. Szenarien einer Silberknappheit werden am Markt seit den 1980er Jahren verbreitet, haben sich aber in keinen Fall bewahrheitet. Auch dieses Mal stand dem Markt am Hochpunkt im Januar 2026 genügend Silber zur Verfügung.

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