Darum kommen Produktivitätszuwächse in den USA nicht mehr bei Arbeitnehmern an

Hinter der insgesamt hohen Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft verbirgt sich eine ausgeprägte Divergenz. Politische Kursänderungen in den USA sowie die zunehmende Verbreitung von KI-Technologien haben klare Gewinner und Verlierer hervorgebracht: Viele große, kapitalintensive Unternehmen mit hoher KI-Nutzung entfernen sich zunehmend vom Rest der Wirtschaft, während immer mehr Arbeitnehmer und ihre Haushalte zurückfallen. Diese prägenden makroökonomischen Entwicklungen dürften sich fortsetzen und auch im Jahr 2026 und darüber hinaus spürbare Auswirkungen auf Wirtschaft, Märkte und Politik haben.
4. Februar 2026
Tiffany Wilding - Foto: Copyright PIMCO

Hinter der insgesamt hohen Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft verbirgt sich eine ausgeprägte Divergenz. Politische Kursänderungen in den USA sowie die zunehmende Verbreitung von KI-Technologien haben klare Gewinner und Verlierer hervorgebracht: Viele große, kapitalintensive Unternehmen mit hoher KI-Nutzung entfernen sich zunehmend vom Rest der Wirtschaft, während immer mehr Arbeitnehmer und ihre Haushalte zurückfallen. Diese prägenden makroökonomischen Entwicklungen dürften sich fortsetzen und auch im Jahr 2026 und darüber hinaus spürbare Auswirkungen auf Wirtschaft, Märkte und Politik haben.

Die jüngsten Daten zu Produktivität und Lohnkosten in den USA verdeutlichen die divergierenden Entwicklungen, die dem kräftigen Wirtschaftswachstum zugrunde liegen – oft beschrieben als K‑förmige Wirtschaft. Bis zum dritten Quartal 2025 nahm die Produktivität in den USA im Jahresvergleich um rund 2 Prozent zu. Das entspricht dem Durchschnittsniveau der Zeit nach der Pandemie und liegt deutlich oberhalb der Entwicklungen in anderen Industrieländern. Gleichwohl konnten die Arbeitnehmer in den USA nicht in einem äquivalenten Maße von diesen Produktivitätszuwächsen profitieren. Im Gegenteil: Der Anteil der Arbeitseinkommen am gesamtwirtschaftlichen Einkommen der USA fiel auf einen historischen Tiefstand innerhalb eines rund acht Jahrzehnte umfassenden Beobachtungszeitraums (s. Abbildung 1).

Abbildung 1: Die US-Lohnquote hat einen historischen Tiefstand erreicht

Kein Konjunkturproblem: Rückgang der Lohnquote ist strukturell bedingt

Die Lohnquote in den USA – also der Anteil des Volkseinkommens, der den Arbeitnehmern als Gegenleistung für ihre Arbeit zufließt – war von den 1940er Jahren bis in die 1990er Jahre relativ stabil. In diesem Zeitraum, seit das US-amerikanische Bureau of Labor Statistics (BLS) den Lohnanteil in seinem Produktivitäts- und Kostenbericht ausweist, lag sie im Durchschnitt bei etwa 60 bis 65 Prozent.

Innerhalb dieses Zeitraums kam es zu konjunkturell bedingten Schwankungen: Bei zunehmender Beschäftigung und einem angespannteren Arbeitsmarkt stieg die Lohnquote, nach Rezessionen mit nachlassender Dynamik am Arbeitsmarkt sank sie wieder.

Nach Ende der 1990er Jahre kam es jedoch zu einem Bruch mit diesem Schema. Der Lohnanteil sank nach jeder größeren Rezession weiter und erholte sich anders als zuvor während der anschließenden Aufschwungphasen nicht mehr wirklich, auch wenn die Dynamik am Arbeitsmarkt wieder anzog.

Auch während des akuten Arbeitskräftemangels nach der Pandemie im Jahr 2020 – einer Phase, in der laut BLS die Zahl der offenen Stellen doppelt so hoch war wie die Zahl der Arbeitslosen – ging der Lohnanteil weiter zurück und zeigte keine Erholung.

Was ist passiert?

Ökonomen führen den seit drei Jahrzehnten anhaltenden Rückgang der Lohnquote im Allgemeinen auf mehrere Faktoren zurück:

  • Geschwächte Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer: Der langfristige Rückgang der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer, die zunehmende Fragmentierung der Arbeitsverhältnisse mit stärkerer Nutzung von Vertrags- und Zeitarbeitskräften sowie die geringere Arbeitsplatzfluktuation in den letzten Jahren haben die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer nachhaltig geschwächt.
  • Globalisierung: Der importgetriebene Wettbewerb aus China hat zu einer Schwächung der US-amerikanischen Fertigungsbranchen geführt, die traditionell eine hohe Lohnquote aufweisen.
  • Technologischer Wandel: Von PCs und Software bis hin zu Automatisierung und KI ersetzen technologische Anwendungen mittel- und zunehmend auch hochqualifizierte Arbeitskräfte. Der sinkende relative Preis von Software, Computern und Komponenten macht Kapital zu einem vergleichsweise günstigen Ersatz für Arbeit.
  • Marktkonzentration: „Superstar-Unternehmen“ mit hohen Margen, immateriellen Geschäftsmodellen und globaler Reichweite machen es der traditionellen Arbeit schwer, Wert zu schaffen.
  • Veränderungen in der Rechnungslegung: Die Umklassifizierung von Forschung und Entwicklung als immaterielles Kapital statt als Aufwand hat den Arbeitsanteil mechanisch reduziert. Ähnlich verwischt die zunehmende Bedeutung aktienbasierter Vergütung sowie die Umgliederung von Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit die Grenze zwischen Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen.

Mit anderen Worten: Die heute führenden Unternehmen stützen sich in hohem Maße auf immaterielles Kapital – etwa Software, geistiges Eigentum, Daten, Algorithmen und Markenwert –, das sich ohne erheblichen zusätzlichen Arbeitsaufwand skalieren lässt. Dadurch verschiebt sich die Einkommensverteilung strukturell zugunsten des Kapitals. Immaterielle Vermögenswerte erzielen hohe Renditen, festigen Wettbewerbsvorteile und reduzieren zugleich den marginalen Beitrag der Arbeit zum Output, selbst wenn die Beschäftigtenzahl steigt. Zudem verstärken immaterielle Vermögenswerte die Markt- und Unternehmenskonzentration, was den Lohnanstieg dämpft.

Dieses unaufhaltsame Wachstum immateriellen Kapitals erklärt, warum selbst die historisch starken US-Arbeitsmärkte nach der Pandemie in den Jahren 2021–2022 keine nachhaltigen Zuwächse bei der im Lohnquote hervorgebracht haben. Die beschleunigte Digitalisierung des Dienstleistungssektors infolge der pandemiebedingten sozialen Distanzierung sowie das Fortbestehen flexibler Arbeitsmodelle (z. B. Homeoffice) haben wahrscheinlich ebenfalls zum jüngsten Rückgang der Lohnquote beigetragen.

Ausblick: KI und Politik belasten die Lohnquote weiter

Die Aussichten für die Lohnquote sind nicht besonders gut. Vor dem Hintergrund von Steueranreizen, handelspolitischen Maßnahmen und technologischen Veränderungen wäre ein weiterer Rückgang nicht überraschend. Große, relativ kapitalintensive Unternehmen haben einen starken steuerlichen Anreiz, in Technologien zu investieren, die Arbeitskosten einsparen. KI bleibt ein vergleichsweise kostengünstiger und breit einsetzbarer Ersatz für viele Aufgaben, die derzeit noch von Menschen erledigt werden.

Zudem gibt es kaum Hinweise darauf, dass arbeitsintensive Fertigungslieferketten in die USA zurückkehren. Stattdessen spezialisiert sich das Land zunehmend auf kapitalintensive Branchen etwa Halbleiter, Cloud-Infrastruktur und KI-Computing. In diesen Sektoren sind Arbeitskräfte nur noch ein relativ kleiner Kostenfaktor.

Weiterer wirtschaftlicher Kontext

Ein sinkender Lohnanteil hat neben politischen Konsequenzen auch bedeutende Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die Inflation und die Anfälligkeit der Wirtschaft gegenüber Schwankungen an den Finanzmärkten.

Der Rückgang der Lohnquote könnte die Wirtschaft volatiler machen und ihre Empfindlichkeit gegenüber Veränderungen der Vermögenspreise erhöhen, da sich negative Vermögensschocks schneller auf die Realwirtschaft auswirken. Denn die Kehrseite des sinkenden Lohnanteils sind höhere Gewinne aus Kapitaleinsatz. In jüngster Zeit haben diese Gewinne die Unternehmensprofitabilität sowie die Aktienperformance gestützt und damit das Vermögen der Aktionäre deutlich vergrößert. Diese Vermögenszuwächse scheinen wiederum den Gesamtkonsum gestützt zu haben, obwohl die realen Einkommenszuwächse zurückgingen.

Historisch gesehen weisen Haushalte mit höherem Einkommen und Vermögen jedoch tendenziell eine geringeren marginalen Konsumanteil auf, was Zweifel an der Nachhaltigkeit eines robusten realen Konsums aufkommen lässt. Tatsächlich dürfte das Konsumwachstum mit einer weiteren Verschiebung der Einkommensverteilung anfälliger werden und stärker von Vermögenspreisen, Krediten oder fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen abhängen.

Der Rückgang der Lohnquote führt nicht nur zu wirtschaftlicher Instabilität, sondern könnte auch zu einer lockereren Geldpolitik führen. Produktivitätssteigerungen, die nicht den Arbeitnehmern zugutekommen, wirken tendenziell disinflationär, da sie die Lohnstückkosten senken und damit die Preisdynamik beeinflussen. Mathematisch betrachtet sollte die nominale Lohninflation der Summe aus Preisinflation, Produktivitätswachstum und Veränderungen des Lohnanteils am Einkommen entsprechen. Da der Lohnanteil gesunken ist, konnten die Nominallöhne nicht im gleichen Maße mit Produktivitätswachstum und Inflation Schritt halten. Anders ausgedrückt: Die Arbeitnehmer konnten die durch ihre eigene (und KI-bedingte) höhere Produktivität erzielten realen Einkommenszuwächse nicht für sich nutzen, wodurch der Kostendruck auf die Unternehmen reduziert wurde.

Steigende Risiken für die Finanzstabilität

Steigende Risiken für die Finanzstabilität sind ebenfalls eine mögliche Begleiterscheinung dieser makroökonomischen Trends, einschließlich der zunehmenden Verbreitung von KI. Die Bewertungen von US-Aktien erscheinen hoch, und die Erfahrung zeigt, dass Boom- und Baisse-Zyklen bei Investitionen häufig mit der Ausweitung neuer allgemeiner Technologien zusammenfallen. Eine zu zurückhaltende Geldpolitik der Federal Reserve könnte potenzielle Fehlallokationen und wirtschaftliche Ungleichgewichte weiter verschärfen.

Zudem ging der anhaltende Rückgang des Lohnanteils in der Vergangenheit oft mit politischen Umbrüchen einher, etwa protektionistischen oder interventionistischen Maßnahmen und zunehmendem populistischen Druck. Vor diesem Hintergrund dürften politische Zyklen volatiler werden.

Auswirkungen auf die Anlagepolitik

Diese makroökonomischen Trends deuten darauf hin, dass Anleger sich auf eine höhere wirtschaftliche und politische Volatilität einstellen sollten. In einem solchen Umfeld bieten hochwertige festverzinsliche Wertpapiere weiterhin attraktive Renditen, Flexibilität und globale Diversifikation – insbesondere in Zeiten hoher Aktienbewertungen und enger Kreditspreads.

Einschätzung von Tiffany Wilding, Ökonomin bei PIMCO

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