Comeback der Small-Caps: Warum gerade Europa überzeugt

Während sich globale Large Caps mit einer angespannten Weltlage und hohen Bewertungen konfrontiert sehen, zeigen im Gegensatz dazu europäische Small Caps im aktuellen Umfeld Aufwärtspotenzial. Die Gründe: stärkere Binnenorientierung, attraktive Dividendenrenditen und anhaltende Übernahmeaktivität. Für selektive Anleger eröffnen sich Chancen, die es in dieser Form seit zwei Jahrzehnten nicht gegeben hat.
8. Juni 2026
Foto: © eyetronic - stock.adobe.com

Während sich globale Large Caps mit einer angespannten Weltlage und hohen Bewertungen konfrontiert sehen, zeigen im Gegensatz dazu europäische Small Caps im aktuellen Umfeld Aufwärtspotenzial. Die Gründe: stärkere Binnenorientierung, attraktive Dividendenrenditen und anhaltende Übernahmeaktivität. Für selektive Anleger eröffnen sich Chancen, die es in dieser Form seit zwei Jahrzehnten nicht gegeben hat.

Europäische Nebenwerte haben seit Jahresbeginn die großen Indizes übertroffen. Das mag auf den ersten Blick überraschen, denn üblicherweise gelten Small Caps als risikoreicher und volatiler. Doch ein genauerer Blick auf die Indexzusammensetzung der Large Caps erklärt die Outperformance. Denn dort dominieren global ausgerichtete Konsumgüterkonzerne, deren Preissetzungsmacht angesichts der erhöhten Unsicherheit im Nahen Osten nachgelassen hat. Hinzu kommen Rüstungsunternehmen, bei denen die Wachstumserwartungen der Analysten zuletzt zu optimistisch waren. Gewinnrevisionen nach unten bei gleichzeitig hohen Bewertungen haben die Kurse belastet.

Binnenorientierung als Vorteil

Small Caps profitieren dagegen von ihrer stärkeren Ausrichtung auf die lokale Wirtschaft. Industrielles Reshoring, Infrastrukturausgaben und eine Erholung der Fertigungsindustrie kommen ihnen zugute. Die Einkaufsmanagerindizes in Europa haben sich im ersten Quartal verbessert, die Einzelhandelsumsätze entwickeln sich solide. Der Stahlsektor etwa profitiert von protektionistischen Maßnahmen der EU. Im Energiebereich sind Small Caps besser in Offshore-Dienstleistungen, Schifffahrt und Infrastruktur-Engineering vertreten als ihre großen Pendants.

Ein weiterer Treiber ist die Übernahmeaktivität. Die niedrigen Bewertungen europäischer Nebenwerte ziehen strategische Käufer und Private-Equity-Firmen an. Im ersten Quartal 2026 übernahm etwa Zurich Insurance den britischen Rückversicherer Beazley – ein potentielles Signal, dass Teile des europäischen Small-Cap-Universums als unterbewertet gelten.

Risiken bleiben global

Die Risiken für europäische Nebenwerte unterscheiden sich nicht grundlegend von denen des Gesamtmarktes. Steigende Inflation könnte die Wachstumsaussichten vieler Unternehmen belasten. Der Kostendruck zeigt sich bereits bei den Vorleistungsgütern, auch wenn die Konsumnachfrage bislang stabil bleibt. Steigende Anleiherenditen bei langen Laufzeiten könnten zudem die Bewertungen von Wachstumsunternehmen unter Druck setzen. Auch die Unsicherheit im Nahen Osten birgt Risiken für Lieferketten, und die Transportkosten steigen bereits.

Selektivität und Cashflow im Fokus

In diesem Umfeld ist Selektivität entscheidend. Die Breite des Small-Cap-Universums erlaubt eine flexible Kapitalallokation zwischen zyklischen Titeln, defensiven Geschäftsmodellen und Wachstumsunternehmen. Zwei Faktoren verdienen besondere Aufmerksamkeit: Cashflow-Generierung und Aktionärsrenditen durch Dividenden und Aktienrückkäufe.

Die Zahlen sind bemerkenswert: Rund 40 Prozent eines gut diversifizierten Small-Cap-Portfolios weisen derzeit Renditen von mehr als 6 Prozent auf – ein Niveau, das über den Renditen vieler Staatsanleihen in Europa und den USA liegt. Das wirtschaftliche Wachstum bleibt verhalten, viele Small Caps sind überkapitalisiert und geben überschüssige Liquidität an die Aktionäre zurück. Die günstigen Bewertungen machen Aktienrückkäufe besonders attraktiv und erklären auch die anhaltende Übernahmeaktivität.

Neben der Einkommensstrategie bieten sich Chancen bei Wachstumsunternehmen mit überdurchschnittlicher Ergebnisvisibilität. Die Verbreitung künstlicher Intelligenz erfasst zunehmend auch kleinere Unternehmen jenseits des Halbleitersektors. Immer mehr Firmen berichten von Wachstumspotenzial durch Kosteneinsparungen oder Umsatzsteigerungen.

Für Anleger, die eine Kombination aus Einkommensorientierung und Wachstum zu vernünftigen Preisen suchen, bieten europäische Small Caps ein Chancenprofil, das es in dieser Form seit zwanzig Jahren nicht gegeben hat.

Einschätzung von Damien Kohler, Head of the European Small & Mid Caps, BNP Paribas Asset Management

Damien Kohler — Foto: Copyright BNP Paribas AM

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