“Bei Anleihen mit geringerer Bonität sind wir vorsichtig”

Die Anleihemärkte bieten weiterhin attraktive Ertragschancen, auch wenn sich die Märkte weltweit zunehmend auseinanderentwickeln und die Weltwirtschaft von anhaltender Unsicherheit geprägt bleibt. Dan Ivascyn, Group CIO von PIMCO, erläutert, welche Chancen sich im aktuellen Marktumfeld eröffnen und welche sonstigen Faktoren derzeit für die Allokation in Anleihemärkten entscheidend sind.
28. Mai 2026
Dan Ivascyn - Foto: Copyright PIMCO

Die Anleihemärkte bieten weiterhin attraktive Ertragschancen, auch wenn sich die Märkte weltweit zunehmend auseinanderentwickeln und die Weltwirtschaft von anhaltender Unsicherheit geprägt bleibt. Dan Ivascyn, Group CIO von PIMCO, erläutert, welche Chancen sich im aktuellen Marktumfeld eröffnen und welche sonstigen Faktoren derzeit für die Allokation in Anleihemärkten entscheidend sind.

INTELLIGENT INVESTORS: Wie blicken Sie aus makroökonomischer Sicht für die nächsten 6–12 Monate?

Dan Ivascyn: Verstärkte Unsicherheit und eine zunehmende Divergenz innerhalb von Regionen und Sektoren sind bestimmende Faktoren geworden. Schon zu Jahresbeginn war das makroökonomische Umfeld von erheblicher Unsicherheit durch politische Kurswechsel und anhaltende Disruptionen durch KI geprägt. Diese Faktoren treiben eine „K‑förmige“ Wirtschaft: Stärkere Haushalte, Sektoren und Länder mit klaren Wachstumstreibern entwickeln sich solide, während exponiertere Bereiche – etwa gegenüber Inflation, höheren Zinsen oder nachlassender Nachfrage – zurückfallen. Diese Divergenz bleibt ein zentrales Merkmal unseres Ausblicks.

Das aktuelle Ausmaß der Unsicherheit durch den Konflikt im Nahen Osten und das Risiko eines länger anhaltenden Energieschocks ist jedoch neu. In einem solchen Umfeld erhöhter Unsicherheit und steigender sind Widerstandsfähigkeit und Liquidität entscheidende Merkmale in der Portfoliokonstruktion.

II: Wie schätzen Sie Wachstum, Inflation sowie die zentralen Risiken im kommenden Jahr ein?

Ivascyn: Unser Basisszenario bleibt ein positives globales Wachstum. Für die USA erwarten wir 2026 ein Wachstum im hohen einprozentigen Bereich bis etwa zwei Prozent. Voraussetzung dafür wäre, dass sich die geopolitischen Spannungen nicht wesentlich verschärfen.

Die größere Unsicherheit stellt die Inflation dar. Selbst wenn sich die Ölversorgungslage spürbar entspannt, dürfte der Energieschock die Inflation länger erhöht halten. In diesem Fall würde es mehrere Quartale dauern, bis der frühere Trend wieder erreicht wird. Dies impliziert eine weniger expansive Geldpolitik der Zentralbanken als vor dem Konflikt allgemein erwartet. Gleichzeitig dürfte eine drastische Kehrtwende hin zu einem restriktiven Kurs, wie sie jüngst vereinzelt prognostiziert wurde, ausbleiben. Insgesamt zeichnet sich damit ein zunehmend differenzierterer geldpolitischer Ausblick für die einzelnen Länder ab. Im Rahmen unserer Income Strategy sind wir vor diesem Hintergrund flexibel genug, um inflationsindexierte Anleihen dort einzusetzen, wo es Sinn macht.

Wir beobachten weiterhin ein mögliches stagflationäres Szenario, in dem anhaltend hohe Inflation das Wachstum zunehmend belasten könnte. Sollten die Zentralbanken gezwungen sein, aggressiver durchzugreifen, könnte sich dies negativ auf Anleihen und Aktien auswirken. Unser Basisszenarios für  Konjunktur und Risikomärkte ist zwar grundsätzlich positiv, allerdings ist die komplette Bandbreite der möglichen Szenarien ungewöhnlich groß. Dies erfordert eine Portfolioaufstellung, die dieser Unsicherheit adäquat Rechnung trägt.

 

II: Wie steuern Sie das Portfoliorisiko in diesem Umfeld erhöhter politischer sowie geopolitischer Unsicherheit?

Ivascyn: Wir stützen uns aktuell auf drei zentrale Prinzipien. Erstens: Qualitätsstandards aufrechterhalten. In einem Umfeld erhöhter Unsicherheit und relativ hoher Bewertungen von Risikoanlagen halten wir es derzeit nicht für den richtigen Zeitpunkt, in die konjunktursensitivsten Kreditsegmente aktiv zu investieren.

Zweitens: breite Diversifikation über das globale Fixed-Income-Universum. Unsere Income Strategy ist aktuell so breit diversifiziert wie seit Jahren nicht mehr. Ein entscheidender Vorteil in einer Welt, in der Regionen unterschiedliche Wachstums‑, Inflations- und Zinszyklen durchlaufen.

Drittens: Fokus auf Liquidität. Für uns ist Liquidität ein strategischer Vorteil, da sie Flexibilität schafft und es ermöglicht, in Phasen erhöhter Marktvolatilität opportunistisch zu agieren und potenzielle Marktverwerfungen gezielt zu nutzen.

Eine zentrale Grundlage unseres Ansatzes – und zugleich die gute Nachricht für Anleger – ist, dass es derzeit nicht notwendig erscheint, weitreichende Prognosen über die nächsten Schritte der Zentralbanken, politische Entscheidungen oder geopolitische Entwicklungen zu treffen. Stattdessen konzentriert sich unsere Income Strategy darauf, die attraktiven absoluten und relativen Bewertungen hochwertiger festverzinslicher Wertpapiere gezielt zu nutzen.

II: Wie positionieren Sie sich im Hinblick auf Duration und Zinskurve?

Ivascyn: Das übergeordnete Ziel ist es, die aktuell attraktiven Renditen zu sichern und gleichzeitig flexibel zu bleiben. Sollten geopolitische Risiken zunehmen und das Wachstum bremsen, könnten Zinsen sinken. Davon würden Anleihen wahrscheinlich profitieren, jedoch könnten zukünftige Reinvestitionsmöglichkeiten weniger attraktiv werden. Umso wichtiger ist es, die derzeit erhöhten Bewertungen zu nutzen.

Vor diesem Hintergrund haben wir die Duration leicht erhöht und uns auf Märkte konzentriert, die zuletzt zurückblieben und von einer Stabilisierung profitieren könnten, darunter Australien, das Vereinigte Königreich sowie ausgewählte hochwertige Schwellenländer. Insgesamt entspricht die Duration weiterhin dem Benchmark der Strategie.

Auch unsere Positionierung entlang der Zinskurve haben wir aktiv angepasst, da die jüngste Volatilität – insbesondere am langen Ende – attraktive Einstiegsmöglichkeiten eröffnet hat. Während wir zuvor vor allem am kurzen Ende positioniert waren, verfolgen wir inzwischen einen ausgewogeneren, neutraleren Ansatz. Zwar bevorzugen wir weiterhin grundsätzlich kürzere Laufzeiten, insgesamt ist das Portfolio heute jedoch breiter diversifiziert und flexibler aufgestellt.

II: Die Strategie hält weiterhin eine deutliche Übergewichtung in hypothekenbesicherten Wertpapieren (MBS). Warum erscheint dieses Segment aus Ihrer Sicht aktuell weiterhin attraktiv?

Ivascyn: Agency-MBS haben sich in den vergangenen Jahren sehr solide entwickelt, da sie zunächst auf äußerst attraktiven Bewertungsniveaus handelten und im weiteren Verlauf von einer Spread-Einengung profitierten. In jüngerer Zeit entwickelte sich das Segment vor dem Hintergrund erhöhter Zinsvolatilität zwar etwas schwächer, aus unserer Sicht bewegen sich die Bewertungen inzwischen jedoch in einem fairen bis moderat attraktiven Bereich.

Gerade in einem Marktumfeld, in dem viele Anleihen mit niedrigerer Bonität weiterhin ambitioniert bewertet erscheinen, bleiben Agency-MBS aus unserer Sicht interessant. Darüber hinaus bieten sie ein vorteilhaftes Liquiditätsprofil, das aktives Management erleichtert und zusätzliche Flexibilität bei der Portfolioallokation schafft. Sollten sich im Zeitverlauf attraktivere Opportunitäten mit höheren Spreads und überzeugenderen Risikoprofilen ergeben, kann die Positionierung entsprechend angepasst werden. Bis dahin bleiben Agency-Hypotheken jedoch ein wesentlicher Baustein der Strategie.

II: Wie ist die derzeitige Einschätzung des Marktes für Asset-Backed Securities (ABS) und strukturierte Kreditprodukte?

Ivascyn: Hochwertige ABS aus dem Konsumentensektor, die auf Haushalte mit mittlerem und höherem Einkommen ausgerichtet sind, erscheinen weiterhin attraktiv. Die Kreditvergabestandards sind insgesamt nach wie vor streng, die Haushalte haben über Jahre hinweg von solidem Einkommenswachstum profitiert, und viele Eigenheimbesitzer haben ein historisch hohes Eigenkapital-Niveau in ihren Immobilien.

Zudem beobachten wir „Collateralized Loan Obligations“ (CLOs) genau. In der Vergangenheit haben wir das Mezzanine-Segment aufgrund von Volatilität und dem strukturell oft hohen Fremdkapitalhebens gemieden. Inzwischen erscheinen – insbesondere hochwertige – Senior-Tranchen von CLOs jedoch zunehmend interessant.

II: Die Spreads von Unternehmensanleihen sind eng. Wo gehen Sie Risiken ein, wo sind Sie vorsichtig?

Ivascyn: Bei Anleihen mit geringerer Bonität sind wir vorsichtig. Die Spreads sind enger, als uns angesichts der makroökonomischen Unsicherheit und des Potenzials für KI-getriebene Disruptionen, die branchenübergreifend Gewinner und Verlierer hervorbringen können, angemessen erscheinen. Im Private-Credit-Bereich beobachten wir in sensibleren Marktsegmenten zunehmende Spannungen.

Die Fundamentaldaten bei High-Yield sind in Teilen solider als in einigen Private-Credit-Bereichen, jedoch ist das Segment anfällig für eine Wachstumsabschwächung. Vor diesem Hintergrund agieren wir bei der Income-Strategie weiterhin mit Vorsicht. Die Fundamentaldaten im Investment-Grade-Bereich erscheinen insgesamt solide, auch wenn die Bewertungen aus unserer Sicht nicht besonders attraktiv sind.

Positiv ist, dass wieder mehr „Special Situations“ entstehen, in denen Unternehmen vom privaten in den öffentlichen Markt zurückkehren. Oft bieten sie investorenfreundlichere Konditionen, um Deals zum Abschluss zu bringen. Das schafft potenzielle Opportunitäten für geduldige und liquide Investoren, die bei attraktiven Konditionen einsteigen können.

II: Wie beurteilen Sie die Währungsentwicklung?

Ivascyn: Langfristig erwarten wir eine leichte Abschwächung des US-Dollars, weshalb wir weiterhin eine moderate Untergewichtung des Dollars beibehalten. Auf kurze Sicht kann diese Überzeugung aber durchaus abweichen, da in Phasen akuter Konflikte oder bei Risk-off-Bewegungen Kapital typischerweise vorübergehend in den US-Dollar fließt.

Zudem haben wir zuletzt bestimmte Währungspositionen reduziert, insbesondere in den Emerging Markets. Unser Ansatz bleibt weiterhin auf Relative Value fokussiert und nicht auf den Aufbau massiver Risiko-Positionen.

II: Was ist die wichtigste Botschaft der Income Strategy für Investoren?

Ivascyn: Ausgangsrenditen sind aus unserer Sicht derzeit der wichtigste Faktor. Die aktuellen Renditen liegen deutlich über dem Niveau, das wir über weite Teile der vergangenen zwei Jahrzehnte gesehen haben, und schaffen damit einen Puffer für ertragsorientierte Investoren. Selbst bei erhöhter Inflation liegen hochwertige Anleihen häufig über der Inflationsrate, was historisch ein günstiges Signal für die künftige Wertentwicklung war.

Insbesondere für Investoren mit einem Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren sind diese Einstiegsbewertungen relevant. In einem flexiblen Portfolio wie der Income Strategy kann die Rendite die langfristige Basis abbilden. Zusätzlicher Mehrwert kann durch aktive Umschichtungen zwischen Sektoren, entlang der Zinsstrukturkurve und über globale Märkte hinweg entstehen – immer dann, wenn sich entsprechende Chancen ergeben.

Aus unserer Sicht ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, um eine Neuausrichtung des Portfolios hin zu hochwertigen Anleihen zu erwägen. Um potenzielle Erträge zu generieren, Risiken zu diversifizieren und sich gegen ungünstige makroökonomische Szenarien abzusichern.

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