„Aus unserer Sicht ist der KI-Boom keineswegs vorbei“

22. September 2026
Marc Decker - Foto: Copyright Quintet Private Bank

Wie geht es weiter an den Aktienmärkten? Gehört der KI-Hype der Vergangenheit an? Wie stehen die Chancen in den defensiven Sektoren? Marc Decker, Co-Leiter Aktien der Quintet Private Bank, stand der Chefredaktion Ende Juli für ein Gespräch zur Verfügung.

INTELLIGENT INVESTORS: Herr Decker, zuletzt verzeichneten viele Indizes Kursverluste. Wie schätzen Sie die Lage an den internationalen Aktienmärkten aktuell ein?

Marc Decker: Nachdem sich die Aktienmärkte in den vergangenen Quartalen sehr stark entwickelt haben, erleben wir derzeit eine Phase der Normalisierung. Die Marktteilnehmer hinterfragen zunehmend die hohen Bewertungen einzelner Segmente, während gleichzeitig geopolitische Unsicherheiten, Handelskonflikte und die Entwicklung der Zinsen für erhöhte Schwankungen sorgen. Grundsätzlich bleibt das wirtschaftliche Umfeld robust. Daher sehen wir die aktuellen Rücksetzer eher als gesunde Konsolidierung innerhalb eines weiterhin konstruktiven langfristigen Marktumfelds.

II: Die Verkaufswelle hat insbesondere KI-Aktien getroffen. Ist der KI-Boom vorbei?

Decker: Nein, aus unserer Sicht ist der KI-Boom keineswegs vorbei. Aber die Erwartungen der Marktteilnehmer werden etwas realistischer. Viele KI- und Halbleiterwerte hatten zuvor außergewöhnliche Kurssteigerungen verzeichnet und waren teilweise sehr ambitioniert bewertet. Kurzfristige Rückschläge sind daher nicht ungewöhnlich. Die strukturellen Wachstumstreiber rund um Künstliche Intelligenz bleiben unverändert intakt. Allerdings dürfte der Markt künftig stärker zwischen tatsächlichen Gewinnern und Unternehmen unterscheiden, die lediglich vom KI-Trend profitieren wollten.

II: Welche Segmente könnten mit Blick nach vorne interessanter werden?

Decker: Neben ausgewählten Technologie- und KI-Unternehmen sehen wir derzeit Chancen in Bereichen, die von Anlegern zuletzt weniger beachtet wurden. Dazu zählen beispielsweise Unternehmen aus dem Gesundheitssektor, ausgewählte Bankenwerte, Infrastrukturunternehmen sowie Qualitätsunternehmen aus dem Industrie- und Versorgerbereich. Generell dürften Unternehmen mit soliden Bilanzen, stabilen Cashflows und nachvollziehbaren Geschäftsmodellen in einem volatileren Marktumfeld wieder stärker gefragt sein.

II: Zu den auffallend schwachen Marktsegmenten zähl(t)en Gesundheitsaktien. Wie sehen Sie den Bereich Healthcare?

Decker: Der Gesundheitssektor bleibt für uns einer der attraktivsten defensiven Wachstumssektoren. Die demografische Entwicklung, steigende Gesundheitsausgaben und medizinische Innovationen sorgen für langfristig stabile Perspektiven. Die relative Schwäche der vergangenen Monate ist unseres Erachtens weniger fundamental begründet, sondern vor allem auf die starke Kapitalrotation in Richtung Technologie- und KI-Werte zurückzuführen. Dadurch haben sich in Teilen des Sektors wieder interessante Bewertungsmöglichkeiten ergeben.

II: Wie wichtig erscheint eine breite Diversifikation innerhalb des Aktienexposures?

Decker: Diversifikation bleibt ein zentraler Baustein erfolgreicher Kapitalanlage. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass einzelne Themen oder Sektoren über längere Zeiträume dominieren können. Genauso schnell kann sich die Marktführerschaft jedoch wieder verschieben. Auch KI-induzierte Disruptionserwartungen von Marktteilnehmern für bestimmte Sektoren können immer wieder Druck auf diese erzeugen. Eine breite Streuung über Regionen, Sektoren und Geschäftsmodelle hilft dabei, Risiken zu reduzieren und die Abhängigkeit von einzelnen Marktsegmenten zu begrenzen. Gerade in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit ist es wichtiger denn je, zu diversifizieren.

II: Nach Ihrer Ansicht könnten europäische Aktien in den kommenden Monaten wieder zu den Outperformern zählen?

Decker: Das ist durchaus möglich. Europäische Aktien weisen im Vergleich zu vielen US-Titeln nach wie vor attraktivere Bewertungen auf. Gleichzeitig könnten niedrigere Zinsen, fiskalische Impulse und eine Verbesserung der konjunkturellen Dynamik für Rückenwind sorgen. Europa verfügt zudem über zahlreiche Weltmarktführer in den Bereichen Industrie, Gesundheit, Luxusgüter und Finanzdienstleistungen. Zwar bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen, doch aus Bewertungssicht gibt es durchaus Aufholpotenzial. Zumindest zeitweise kann es hier Unterstützung für derzeit als günstiger wahrgenommene europäische Aktien geben. Insgesamt positionieren wir uns mit Blick auf europäische Aktien weiterhin neutral.

II: Emerging Markets – eine attraktive Anlageklasse? Wo erkennen Sie besondere Chancen (regional und sektoral)?

Decker: Emerging Markets bleiben eine interessante Beimischung für langfristig orientierte Investoren. Besonders attraktiv erscheinen derzeit die Teile Asiens, die aufgrund einer dynamischen Binnenwirtschaft und hohen Investitionen profitieren, oder auch die technologielastigen Länder wie Südkorea oder Taiwan. Sektoral erscheinen Technologie, Digitalisierung, Finanzdienstleistungen sowie Infrastruktur besonders interessant. Wichtig bleibt jedoch eine sorgfältige Titelselektion, da die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Unternehmen erheblich und manche Bewertungen von Technologieunternehmen vor Ort durchaus als teuer zu erachten sind.

II: Unlängst sagten Gesprächspartner unisono, Aktien sind „alternativlos“. Inwiefern teilen Sie diese Ansicht?

Decker: Der Begriff ‚alternativlos‘ greift aus unserer Sicht etwas zu kurz. Anleihen bieten heute wieder deutlich attraktivere Renditen als noch vor einigen Jahren und können eine wichtige Rolle im Portfolio spielen. Dennoch bleiben Aktien langfristig die Anlageklasse mit den besten Chancen auf reale Vermögenszuwächse. Wer langfristig Vermögen aufbauen und Kaufkraft erhalten möchte, kommt an Aktien kaum vorbei. Allerdings sollten diese immer in eine ausgewogene Vermögensstruktur eingebettet werden.

II: Was würden Sie Investoren mit Blick auf die Zeit bis Jahresende mit auf den Weg geben?

Decker: Investoren sollten sich nicht von kurzfristigen Marktschwankungen verunsichern lassen. Phasen erhöhter Volatilität gehören zum normalen Börsengeschehen dazu und schaffen häufig auch neue Chancen. Entscheidend ist, auf qualitativ hochwertige Unternehmen, eine ausgewogene Diversifikation und einen langfristigen Anlagehorizont zu setzen. Wer diszipliniert bleibt und nicht jeder kurzfristigen Marktbewegung hinterherläuft, hat erfahrungsgemäß die besten Chancen auf nachhaltigen Anlageerfolg.

 

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