Die Bewertungen an den Kapitalmärkten sind ambitioniert, die geopolitischen Risiken hoch. Felix Herrmann, Chefvolkswirt von Aramea Asset Management, mahnt zur Vorsicht – sieht aber keinen Grund für Anleger, sich zu verstecken. Er erklärt im Interview (Ende Juli), warum die Weltwirtschaft robuster ist als gedacht, was er vom neuen US-Notenbankchef Kevin Warsh erwartet – und, was es bei der Portfolioaufstellung zu beachten gilt.
INTELLIGENT INVESTORS: Sommer 2026. Die Sonne lacht. Herr Herrmann, wie fällt Ihr Blick auf die Lage an den Kapitalmärkten aus?
Felix Herrmann: Die Sonne lacht – an den Märkten sollte man Sonnencreme tragen. Die Bewertungen sind ambitioniert und die geopolitischen Risiken weiterhin hoch. Gleichzeitig entwickeln sich Weltwirtschaft und Unternehmensgewinne robuster, als viele Analysten erwartet hatten. Wir bleiben moderat ‚Risk-on‘ und bevorzugen mit Blick auf den Rentenmarkt solide Unternehmensanleihen gegenüber Anleihen hoch verschuldeter Staaten, ausgewählte Schwellenländer und Wandelanleihen als Zugang zum KI-Boom. Kurzum: Es gibt keinen Grund, sich im Keller zu verstecken – es ist aber auch kein Sommer für Investments im Vollrausch.
II: Der IWF hat das Wachstum der Weltwirtschaft erneut leicht nach unten angepasst. Für 2027 soll es bergauf gehen. Sind wir aus dem Gröbsten raus?
Herrmann: Der IWF erwartet 2026 rund 3,0 % Weltwirtschaftswachstum und 2027 ein Plus von 3,4 %. Das ist keine Rezession, aber auch kein Wirtschaftswunder. Wir sind aus dem Gröbsten raus, sofern nicht gleich das nächste Gröbste kommt. Genau darin liegt das Problem: Die Wirtschaft verkraftet hohe Zinsen, Handelskonflikte und Kriege erstaunlich gut, aber ihre Stoßdämpfer sind dünner geworden. Der erwartete Aufschwung 2027 hängt stark von sinkenden Energiepreisen, stabileren Lieferketten und KI-Investitionen ab. Das Basisszenario ist Erholung – allerdings auf einem Weg mit ziemlich vielen Schlaglöchern.
II: Welche Störfeuer machen Ihnen gegenwärtig am meisten Sorgen?
Herrmann: Am meisten sorgen mich nicht einzelne Störfeuer, sondern dass inzwischen mehrere gleichzeitig brennen: geopolitische Konflikte, hohe Staatsdefizite, Protektionismus und hartnäckige Inflation. Besonders gefährlich ist die Kombination aus expansiver Fiskalpolitik und einer Geldpolitik, die eigentlich bremsen müsste. Die Staaten treten aufs Gas, die Notenbanken auf die Bremse – und der Kapitalmarkt sitzt weitestgehend unangeschnallt auf der Rückbank. Hinzu kommt die extreme Konzentration der Aktienmärkte auf wenige KI-Gewinner. Solange diese Gewinne liefern, funktioniert das. Aber wenn fünf Unternehmen praktisch die gesamte Party bezahlen, sollte man zumindest wissen, wo der Notausgang ist.
II: Störfeuer – da kommen reflexartig Donald Trump und die USA ins Spiel. In welcher Verfassung präsentiert sich aktuell die US-Wirtschaft?
Herrmann: Die US-Wirtschaft ist wie ein älterer Sportwagen: erstaunlich schnell, allerdings mit blinkenden Warnleuchten. Der Konsum hält, der Arbeitsmarkt ist robust und der KI-Investitionsboom liefert enormen Schub. Gleichzeitig belasten hohe Zinsen, Zölle, steigende Staatsschulden und die weiterhin zu hohe Kerninflation. Die USA sind also nicht in der Krise – sie leben nur zunehmend über ihre Verhältnisse. Das kann länger gut gehen als deutsche Finanzpolitiker glauben, aber nicht ewig. Kurzfristig bleibt Amerika dynamischer als Europa. Langfristig wird die Frage lauten, ob Produktivitätsgewinne durch KI schneller steigen als Zinskosten und Schulden.
II: Die Inflationserwartungen in den USA wurden zurückgeschraubt. Was bedeutet das für die Zinslandschaft? Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung (FedWatch) bei ca. 20 %.
Herrmann: Eine geringere Inflationserwartung nimmt zunächst Druck von der Fed, auch wenn weniger Inflation nicht dasselbe ist wie Preisstabilität. Mit Blick auf die nächsten Monate erwarte ich tatsächlich etwas nachlassenden Inflationsdruck und somit auch nicht, dass die Zinsen in den USA angehoben werden. Für Anleiheinvestoren heißt das: Das kurze Ende bleibt attraktiv, am langen Ende lauern aber weiter Defizite und strukturelle, langfristige Inflationsrisiken.
II: Mit Spannung wurde die erste Rede des neuen Fed-Chefs verfolgt. Wie haben Sie seine Äußerungen gelesen?
Herrmann: Kevin Warsh hat den Fokus in seiner ersten Sitzung ganz klar auf die Inflationsbekämpfung gelegt. Das hat den einen oder anderen in der Deutlichkeit überrascht. Gleichzeitig wurde der Umfang der Kommunikation der Fed bereits reduziert und soll künftig weiter abnehmen. Fraglich bleibt für mich, wie langfristig eine von Warsh gewünschte schrumpfende Fed-Bilanz, eine steigende US-Staatsverschuldung und stabile Märkte unter einen Hut passen sollen.
II: Lassen Sie uns ein paar Takte zu Deutschland verlieren. Der IWF hat die Wachstumsprognose gesenkt. Hoffnungsschimmer gibt es immerhin von der Industrie, die zuletzt mehr Aufträge verzeichnete. Wo verorten Sie Deutschland aktuell?
Herrmann: Deutschland befindet sich seit Jahren in einer schweren strukturellen Krise. Hohe Energiepreise, Bürokratie, Demografie und schwache Investitionen bleiben strukturelle Bremsen. Hinzu kommt der China-Schock 2.0: Deutschland leidet wie kein anderes Land in Europa unter der wachsenden Konkurrenz aus Fernost. Die Handelsbilanz mit China ist inzwischen deutlich negativ. Ein Handelskrieg zwischen China und der EU zeichnet sich immer mehr ab. Ich sehe aber nicht alles schwarz. So denke ich etwa, dass Deutschland als Industriestandort durchaus in einer späteren Phase des KI-Trends zu den Profiteuren zählen kann. Denn deutsche Firmen sitzen auf riesigen Mengen Industrie- und Maschinendaten, die nur darauf warten, von einer KI ausgewertet zu werden.
II: Welchen Rat würden Sie Anlegern für die Allokation mit auf den Weg geben?
Herrmann: In einer Welt mit höheren Inflationsrisiken und steigenden Staatsschulden funktioniert das klassische Portfolio aus Aktien und Staatsanleihen nicht mehr. Die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen ist oftmals genau dann hoch, wenn man es als Anleger nicht gebrauchen kann. Wir setzen verstärkt auf Unternehmensanleihen als die besseren Staatsanleihen. Die Duration managen wir deutlich taktischer als früher. Gleichzeitig bleiben wir – wie schon gesagt – prinzipiell konstruktiv für Risikomärkte. Denn wir setzen darauf, dass der KI-Trend weiter trägt.




