Aktienmarkt: Zunehmende Volatilität und sinkende Renditen

Wie geht an den Aktienmärkten dieser Welt weiter? Geht die Hausse der vergangenen Jahre in die Verlängerung?Nikolaj Schmidt, Internationaler Chefökonom beim Vermögensverwalter T. Rowe Price, mit einen ausgewogenen Ausblick.
17. September 2021
Börse - Foto: BillionPhotos.com

Wie geht an den Aktienmärkten dieser Welt weiter? Geht die Hausse der vergangenen Jahre in die Verlängerung?Nikolaj Schmidt, Internationaler Chefökonom beim Vermögensverwalter T. Rowe Price, mit einen ausgewogenen Ausblick.

Wir befinden uns erst am Anfang der wirtschaftlichen Erholungsphase, was die Aktienmärkte stützt. Gleichzeitig erleben wir mehr Volatilität an den Märkten. Der US-Dollar und die Kurse an den wichtigsten Anleihemärkten, die in der Regel als „sichere Häfen gelten“, sind ebenfalls gestiegen. Dies ist in der Regel ein Zeichen der Unsicherheit und ist auch insofern bemerkenswert, als dass diese Entwicklung mit steigender Inflation und einer robusten Wirtschaftstätigkeit einherging – Faktoren, die normalerweise zu steigenden Zinsen führen. Sollten Anleger eine defensivere Haltung einnehmen? Nikolaj Schmidt, internationaler Chefvolkswirt von T. Rowe Price, analysiert die wichtigsten Ereignisse, die die jüngsten Marktentwicklungen bestimmt haben.

China, Covid-19 und die Fed

In den meisten entwickelten Volkswirtschaften ist das Wachstum noch immer stark. Allerdings mehren wiederkehrende Covid-19-Ausbrüche die Zweifel, ob diese Wachstumsraten aufrecht erhalten werden können. Dies gilt für Länder mit höherer Impfquote natürlich in geringerem Maße, doch Entwicklungsländer wie China haben mit zunehmenden Ausbrüchen des Coronavirus zu kämpfen.

Angesichts dessen, dass China rund 20 Prozent des weltweiten BIP erwirtschaftet und einen weitaus höheren Anteil an der weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen ausmacht, würde eine Verlangsamung des chinesischen Wachstums zweifelsohne Wellen in der ganzen Welt schlagen. Zudem versuchen politische Führer des Landes, die Schuldenlast der chinesischen Wirtschaft zu verringern, und ordnen Wachstum diesem Ziel kurzfristig unter.

Neben neuen Covid-19-Ausbrüchen und Wachstumssorgen um China bestehen weiterhin Probleme bei den Lieferketten, die den Welthandel zusammenhalten und immer noch mit den verzerrenden Auswirkungen der Pandemie auf Angebot und Nachfrage zu kämpfen haben.

Inmitten dieses Szenarios hat die US-Notenbank damit begonnen, eine Reduzierung der Stützungskäufe anzudeuten. Das sollte an sich vielleicht nicht so beunruhigend sein, aber in Verbindung mit einem langsameren globalen Wachstum kann man gut verstehen, warum das Vertrauen der Anleger langsam schwindet. Und wenn das Vertrauen schwindet, erhalten sichere Häfen wie die wichtigen Anleihemärkte oder der US-Dollar Zulauf.

Gleichzeitig mit dem geldpolitischen Kurswechsel der US-Notenbank hat das US-Finanzministerium einen großen Teil seiner Bargeldbestände bei der Zentralbank aufgebraucht. Dieser Schritt hat die Liquidität an den Märkten erhöht und die Aktienmärkte gestützt. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Liquidität auch ihren Weg zu den Märkten für Staatsanleihen gefunden hat, wodurch eine gleichzeitige Nachfrage an zwei Märkten geschaffen wurde, die sonst in entgegengesetzte Richtungen tendieren.

Da das Konto des Ministeriums jedoch fast leer ist, ist diese Entwicklung nun vorbei. Die Folge ist, dass die Liquidität im Markt abnehmen wird. Unter sonst gleichen Bedingungen bedeutet dies neue Zeiten für Risikopapiere wie auch für Aktien.

Geringere Renditen in der Zukunft

Zusammengenommen weisen die beschriebenen Faktoren zwar auf eine Zeit erhöhter Volatilität an den Aktienmärkten hin, haben jedoch nicht zwingend zur Folge, dass der Aktienmarkt sich am Rande eines Abgrundes befindet. Es gibt zahlreiche Faktoren, die die Aktienmärkte stützen. Wir befinden uns immer noch in einem beginnenden Aufschwung des Wirtschaftszyklus und haben immer noch eine durch die Pandemie aufgestaute große Nachfrage, die in den kommenden Quartalen den Weltmarkt erreichen wird. Die Turbulenzen in den Lieferketten des Welthandels werden nicht ewig andauern, sondern sich in den kommenden Quartalen wieder normalisieren. Auch wenn die Fed ihre Unterstützung zurückfährt, sind die Märkte weiterhin außerordentlich freundlich gesinnt. Und schließlich bezweifle ich, dass die chinesischen Politiker langfristig an einer Verlangsamung des Wachstums interessiert sind und denke daher, dass sie so lange intervenieren werden, wie es nötig scheint, um die schlimmsten Szenarien zu vermeiden.

Meiner Meinung nach verlassen wir damit eine Phase, in der die Aktienmärkte außerordentlich stark unterstützt wurden. Eine Phase, in der Unruhe und Volatilität aus demselben Grund so gut wie nicht vorhanden waren. Auch wenn sich das zugrundeliegende Szenario langsam wandelt, wird die Unterstützung der Aktienmärkte durch Notenbanken weiterhin groß bleiben, aber zusätzlich werden Instabilität und Volatilität wieder eine wichtigere Rolle spielen. Angesichts der Gesamtumstände sollte man Volatilität jedoch eher als Gelegenheit zum günstigen Kauf als ein Signal zum Verkauf sehen. Man sollte sich aber auch darüber im Klaren sein, dass die Renditen in der nächsten Phase der Märkte kaum an das heranreichen werden, was man in der vorangegangenen Phase erzielen konnte. (ah)

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